Versagt

Oxfam-Report "Schockierende" Defizite

Nach einem Bericht der britischen Hilfsorganisation Oxfam sind von den in diesem Jahr auf der Welternährungskonferenz in Rom zugesagten zwölf Milliarden Dollar an Hilfsgeldern für die Hungerregionen in Afrika, der Karibik und in Asien bisher erst eine Milliarde Dollar verfügbar. In einem gerade veröffentlichten Bericht rügt Oxfam die reichen Länder, im Frühsommer nicht schnell und nicht adäquat auf die nach oben schießenden Lebensmittel- und Brennstoffpreise reagiert zu haben. Wörtlich heißt es: "Die reichen Länder richten ihre Aufmerksamkeit auf die Ölpreise und die Turbulenzen im Finanzsektor, aber die Zahl der unterernährten Menschen in der Welt ist in diesem Jahr um 44 Millionen gestiegen. Fast eine Milliarde Menschen müssen hungern. Bedenkt man, mit welchem Tempo die Welt auf die Finanzkrise reagiert, ist dieser Verzug schockierend."

Die Organisation Care International alarmiert ihrerseits, mindestens 6,4 Millionen Menschen in Äthiopien müssten unverzüglich mit Lebensmitteln versorgt werden. In Somalia stehe eine Katastrophe bevor, deren Ausmaß "seit der Hungersnot in den frühen neunziger Jahren nicht mehr gesehen wurde."

Eine Dürreperiode, innere Konflikte und steigende Nahrungsmittelpreise hätten mehr als 17 Millionen Menschen am Horn von Afrika in eine humanitäre Krise abrutschen lassen. "Diesen Ländern steht zu einem Zeitpunkt, da die Getreidepreise ihren Höchststand erreicht haben, eine Hungersnot ungeahnten Ausmaßes bevor", zitiert die britische Zeitung Guardian Jonathan Mitchell, den Notfallleiter von Care International.

Der eingangs zitierte Oxfam-Bericht besagt außerdem, dass die Preise für Grundnahrungsmittel - auch wenn sie seit ihrem Höchststand im Juli wieder gesunken seien - noch immer deutlich über dem langfristigen Durchschnitt liegen. Barbara Stocking, die Vorsitzende von Oxfam Großbritannien: "Das Versagen der internationalen Gemeinschaft, adäquat auf die Situation zu reagieren, ist schockierend. Eine Task Force der UN hat zwar mit dem Comprehensive Framework for Action einen brauchbaren Plan entwickelt, aber es gibt noch immer keine klare Leitung bei dessen Umsetzung."

Weiter stellt Oxfam die globale Ernährungskrise den Rekordprofiten der weltgrößten Landwirtschafts- und Saatgutkonzerne gegenüber. "Die Gewinne der US-Lebensmittelfirma Bunge sind zwischen April und Juli um 583 Millionen Dollar gestiegen, die thailändische Charoen Pokphand Foods prognostiziert für 2008 ein Absatzplus von 237 Prozent. Die Verkäufe von Nestlé sind zwischen Januar und Juni weltweit um 8,9 Prozent gestiegen. Schließlich sagen die Branchenriesen Carrefour in Frankreich und Wal Mart in den USA, die Lebensmittelverkäufe machten den Hauptteil ihrer Gewinne aus."

Kosteten 2001 27 Kilogramm Weizen auf dem Weltmarkt noch weniger als drei Euro, so mussten Anfang 2007 dafür schon zwischen fünf und sechs Euro bezahlt werden Jedoch müssen sich dem Oxfam-Report zufolge auch die armen Länder ein Versagen im Umgang mit dem Preisauftrieb bei Lebensmitteln vorwerfen lassen. Viele hätten mit einem Verbot der Reisexporte reagiert, doch habe dies wiederum zu Versorgungsengpässen auf dem Weltmarkt geführt. Andere Länder würden die Märkte einer strengeren Kontrolle unterwerfen oder die Einfuhrzölle senken, was die eigene Industrie gefährden und wegen vermehrter Importe den Binnenmarkt für die eigenen Nahrungsmittelproduzenten blockieren kann. Oxfam empfiehlt den armen Länder, mehr in die Landwirtschaft zu investieren und mittelständische Erzeuger zu schützen. Weiter werden die reichen Länder angehalten, arme Staaten nicht länger in Wirtschaftsverhandlungen zu einer raschen Liberalisierung ihrer Ökonomien zu drängen.

Das Schicksal von 17 Millionen Menschen in Afrika werde auf der Prioritäten-Liste ganz unten angesiedelt. Nehme man zum Vergleich die Finanzkrise - die Dinge könnten kaum schlechter stehen, klagt Care International.

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