Vetternwirtschaft

A–Z Eine Studie der Uni Köln hat herausgefunden, dass man mit Freunden bei Geldangelegenheiten besser beraten ist. Wir wussten schon lang, dass Vetternwirtschaft funktioniert
Vetternwirtschaft

Foto: Chip Somodevilla/Getty Images

A

Adel Das dynastische Prinzip diente in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Zeiten der Absicherung durch Erbfolge ( Erbe). Doch nicht nur diese bewahrte die Dynastie. Die Vetternwirtschaft – hier Nepotismus genannt – war probates Mittel, das eigene Herrscherhaus durch Ämtervergabe und arrangierte Ehen im Familienumfeld zu festigen. Historisch gewährte das Prinzip den Machterhalt, war erprobt und Usus (Normalität).

Das Verpflichten von Enkeln oder Cousins, das Verheiraten von Cousinen setzte auf Blutsbande und Dankbarkeit. Es galt auch beim Schließen von Bündnissen. Beliebt war diese Praxis ebenso unter den Päpsten, die durch die Berufung von Verwandten als Kardinäle ihre Hausmacht zusammenzurrten. In Teilen überlebt diese Idee bis heute und ist verantwortlich für zahlreiche Blutsverwandschaften in der internationalen Politik (Sumpf). Auch in der pseudo-mittelalterlichen Fantasy-Serie Game of Thrones ist das Prinzip das Mittel der kaltblütigen Dramaturgie, die uns nur allzu bekannt vorkommt und da heißt: Jedes Haus ist sich selbst das Nächste – oder alsbald tot. Tobias Prüwer

C

Compliance Beim Wort Compliance fällt mir sogleich eine launige Dinner-Speech des BGH-Richters a. D. Thomas Fischer ein, in der er die Bedeutung auf seine bekannt süffisante Weise seziert und analysiert. Es hat sich ein ganzer Wirtschaftszweig entwickelt, der meint, eine Sorge vor etwas nehmen zu wollen, was eigentlich ganz normal sein sollte: sich regelkonform zu verhalten im Unternehmen. Nein, nicht das Spa-Wochenende vom Dienstleister annehmen, weil es so nett ist. Und nein, auch nicht das Upgrade in die Businessclass, weil die Holzklasse so unwürdig ist. Das Unternehmen braucht mich doch!, ruft der innere Angestellte. Aber das brachte schon Bundespräsidenten ins Straucheln. In der Compliance-Broschüre der Wiener Stadtwerke werden Fragen durchdekliniert, um Verlockungen entsagen zu können. Welche geringwertigen Geschenke darf ich wohl annehmen? Kugelschreiber, Kalender, Kaffee oder Tee? Es bleibt die Regel: Anstand kommt nicht vom Anstehen am VIP-Buffet, sondern von Abstandhalten. Jan C. Behmann

D

Doppelmoral wird in einer Anekdote deutlich, die ich kürzlich hörte: Da wurde ein Vertreter des saudi-arabischen Herrscherhauses von einem US-Amerikaner belehrt, dass in seinem Lande ja keine Freiheit herrsche. Es ginge ja die Macht ohne öffentliche Debatte oder Entscheidung vom Vater direkt an den Sohn. Der Mann aus Saudi-Arabien ließ das nicht auf sich beruhen und konterte: „Das ist doch bei euch genauso. Auch in den USA ist der Sohn Bush auf das Amt seines Vaters gefolgt.“ Natürlich hat er weggelassen, dass Wahlprozesse zu diesen Ergebnissen geführt haben. Aber trotzdem gab und gibt es – angesichts der Politikerdynastien in den USA – durchaus Grund für diesen Konter. Geld, Beziehungen, Traditionen spielen eine große Rolle. Die Möglichkeit, dies alles demokratisch zu „umkränzen“, macht aber die Demokratie nicht glaubwürdiger. Magda Geisler

E

Erbe In Erbschaftsfragen kommt die Vetternwirtschaft ganz zu sich selbst. 74 Jahre Frieden und ein stetiges Wirtschaftswachstum haben zu schwindelerregenden Summen von zu vererbendem Vermögen geführt. Im Durchschnitt vererben die Erblasser jährlich je 305.000 Euro pro Erbfall, wobei auch hier gilt: Viele erben wenig, wenige erben viel.

Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung errechnete für 2017 die Übertragung von rund 400 Milliarden Euro. 2011 berechnete es für dieses Jahrzehnt eine zu vererbende Summe von insgesamt 2,6 Billionen Euro. Bis 2020 wird 20 Prozent mehr vererbt als in den zehn Jahren zuvor. Diese Zahlen werfen ein Licht auf die zementierte Macht des Bürgertums, das sich nach dem Krieg dank der sozialen Marktwirtschaft und einem wachstumsorientierten Produktionskapitalismus herausbilden konnte. Die neue Generation wird mit dem Übergang zum globalen Shareholder-, Spekulations- und Überwachungskapitalismus keineswegs so viel akkumulieren können, sondern die Ressourcen im Laufe des Berufslebens verzehren müssen. Marc Ottiker

F

Fantasie „Vetternwirtschaft“ heißt ein Band der Comic-Serie Lucky Luke. Darin will die berüchtigte Daltons-Bande Rache am Cowboy üben, der schneller als sein Schatten schießt. Denn der soll ihre Vettern ermordet haben. Natürlich läuft dieses Russisch-Roulette-Spiel ins Leere, am Ende siegt das Gute. Familienbünde haben aber auch darüber hinaus in der Comic- und Cartoon-Welt eine recht eigentümliche Tradition. Je nach Lesart ist zum Beispiel auch die Comic-Welt der Schlümpfe ein kollektivistischer (Alb-)Traum, der allein von Familienbanden lebt. Alles macht diese urwüchsige Gemeinschaft gemeinsam, der man schon faschistische Züge attestiert hat.

Selbst Entenhausen ist ein reines Heim der Vetternwirtschaft. Die Erzählungen um die Entenärsche werden durch nichts anderes als familiäre Beziehungen getragen und vom entsprechenden Reichtum begleitet (Erbe). Dagobert Duck belegt in der „Forbes-Liste der reichsten fiktiven Personen“ (ja, die gibt es wirklich) regelmäßig obere Plätze. Natürlich schenkt der schwerreiche Enterich seinem Pechvogel-Neffen Donald kein Vertrauen. Er beutet ihn aus, weil der ihm mal wieder Geld und Gefallen schuldet. Das ist Vetternwirtschaft mal andersherum: im Geiste des Geizes. Tobias Prüwer

H

Hybris Selbstgerechtigkeit sollte die Debatte um Vetternwirtschaft in allen Ausprägungen nicht bestimmen. So wichtig es ist, auf Verfilzungen aufmerksam zu machen und sie anzuprangern ( Sumpf), so notwendig ist es, genauer hinzusehen. Da stellt sich oft heraus: Der Vorwurf, Günstlinge zu pflegen oder begünstigt zu sein, wird im politischen Kampf – und nicht nur da – oftmals zu einer Waffe.

Während der Griechenland-Krise fiel ständig das Wort „Fakelaki“ (kleiner Umschlag). Gemeint ist, dass erst einmal diskret rübergereicht werden muss, bevor einem Gehör geschenkt wird. Das gab und gibt es, aber so pauschal erhoben war es nichts als ein selbstgerechter Angriff und Munition für alle, die Griechenland zur Annahme der EU-Bedingungen zwingen wollten. Oft ist der Kampf gegen manche Formen von Korruption ein Ringen mit Verhaltensweisen, die sich teils aus Tradition und teils aus Not erhalten haben. Für die „Seinen“ zu sorgen – und sie per Ämterpatronage zu begünstigen –, das ist sicher in manchen Ländern auch heute noch einem Verständnis von Zusammenhalt geschuldet, das sich über Regeln und Gesetze hinwegsetzt (Normalität). Das entschuldigt nichts, aber macht deutlich, dass es einfache Lösungen nicht gibt. Magda Geisler

N

Normalität Dein Vater arbeitet bei dieser Zeitung? Geh auch dahin, wärst doch schön blöd sonst. So sieht man es da, in Italien. „Niemals! Auf keinen Fall, da wäre immer dieser untergründige Vorwurf: Die ist doch nur wegen ihrem Papa hier“, verkrampft die Deutsche. Allora? Na und? Der Begriff Nepotismus führt in die Renaissance, in die Zeit der italienischen Adelsfamilien (Adel), die ihren Söhnen, Neffen und Enkeln (Nipoti) Ämter, Macht oder den Heiligen Stuhl verliehen. Im 20. Jahrhundert verschaffte Papst Pius XII. außerhalb des Kirchenrechts seinen bürgerlichen Neffen Titel und hohe Posten in der Politik- und Finanzwelt.

Als Neuzeit-Dynast vermachte Patriarch Berlusconi seiner Tochter Marina die Familienholding Fininvest. Architekten, Anwälte, Ärzte: soziale Mobilität in Italien? Das war mal. Dass auch der italienische Wissenschaftsbetrieb eine Art Familienbetrieb ist, behauptet Stefano Allesina, Professor an der Universität Chicago. Er nahm eine Computeranalyse der Nachnamen von über 61.000 Professoren aus 28 Disziplinen vor. Die Häufung gleicher Namen lasse auf Vetternwirtschaft schließen, so das Resümee.È cosi. Ist eben so. Maxi Leinkauf

S

Sumpf US-Präsident Donald Trump und der brasilianische Staatschef Jair Bolsonaro haben viele Gemeinsamkeiten, etwa ihren Hass auf den Sozialismus oder ihr dringendes Anliegen, gegen die Koruption ihrer Vorgänger vorzugehen („drain the swamp“). Ivanka, Lieblingstochter des US-Präsidenten, ist seit Amtseinführung ihres Vaters auch seine Beraterin. Wie die einstige „Miss Teen USA“-Moderatorin und Handtaschenunternehmerin es zur Ratgeberin eines der mächtigsten Politiker der Welt schaffte, ist fraglich. So twitterte die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez: „Es ist für einige vielleicht schockierend, aber es ist in Wahrheit keine Qualifizierung, jemandes Tochter zu sein.“

Einen offiziellen Posten hat Ivanka aus ethischen Gründen nicht, im Gegensatz zu ihrem Ehemann Jared Kushner, der als Mitarbeiter des Weißen Hauses vereidigt wurde. Die Beziehungen zu Brasilien könnten nun als Familienangelegenheit geregelt werden. Der brasilianische Präsidentensohn Eduardo Bolsonaro wurde kürzlich zum US-Botschafter nominiert, und Trump ist begeistert. Wer wäre geeigneter? Jair sagte, sein Sohn sei „ein Freund der Kinder von Trump, spricht Englisch und Spanisch“. Der ergänzte, er habe in den USA sogar schon Hamburger gebraten. Mehr kann man nun wirklich nicht erwarten. Alanna O’Riordan

T

Tupperparty Sie war ein Highlight im Alltag der westdeutschen Hausfrau, weil bei der Präsentation der praktischen Plastikdosen selten ein Auge trocken blieb. Wie überhaupt die westdeutsche Hausfrau kaum eine Gelegenheit ausließ, sich einen einzuschenken, sei es, weil der Weinvertreter Blümel (Loriot) zur Verköstigung ins Wohnzimmer stolperte oder weil die Hoppenstedt (Evelyn Hamann) dann dem Staubsaugerverteter freilich auch ein Glaserl anbot. Urkomisch wird es, wenn sich dann noch der Schober von der Hannoverschen dazugesellt.

Ich kenne keinen Loriot-Sketch mit Avon-Kosmetikberaterin oder von einer Tupperparty. Für die westdeutsche Hausfrau jedenfalls waren diese Ich-AGs tolle frühfeministische Gelegenheiten, sich zu verwirklichen. Ungünstig in dieser „Cousinenwirtschaft“ war nur die subtile Nötigung, schon auch etwas kaufen zu sollen, was nicht immer ging, schließlich galt es dem Hausvorstand (Freundschaftspreis hin oder her) über Ausgaben stets reinen Wein einzuschenken. Besser man schenkte noch einen Eierlikör nach. Hicks! Katharina Schmitz

Z

Zöglinge Was ist schlimmer? Wilson Gonzales, Cheyenne Savannah, Jimi Blue zu heißen oder Ochsenknecht mit Familiennamen? Weder handelt es sich bei den Genannten um Figuren in einem C-Western (Fantasie), noch ist mit Ochsenknecht der Protagonist eines Bergdramas gemeint. Kenner des Boulevards wissen: Es sind die Kinder des Uwe, der sich schon durch „Das Boot“ gehangelt hat und seither als Schauspielerlegende audiovisuelles Allerlei mit seiner Präsenz schmückt. Die drei Desperados drängen, wie viele ihrer Artgenossen, in die zweite Generation medialer Aufmerksamkeit und haben, trotz vielfacher Dementis, eine Dauerfreikarte auf die roten Teppiche dieser Welt. Ob sie Ähnliches wie die Altvorderen vollbringen werden, steht in den Sternen geschrieben. Marc Ottiker

06:00 08.09.2019
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