Claudia Krieg
27.07.2012 | 09:00 20

Volkes Stimmbruch

Sozialneid Die Debatte um die Leistungssätze für Asylbewerber hat Hass, Missgunst und Verachtung hervorgebracht. Selbst der „Bild“ war das zuviel

In der deutschen Presse herrschte nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts in der vorigen Woche seltene Einigkeit: Die Anhebung der Leistungssätze für Asylbewerber von 225 auf das Hartz-IV-Niveau von 336 Euro wurde überall begrüßt. In den Berichten war zudem von der Lagerunterbringung und dem Gutscheinsystem die Rede, um zu zeigen, welche „Entmündigung“ (Süddeutsche Zeitung) seit je in den sogenannten Asylbewerberleistungsgesetzen steckt.

Auch wenn das Urteil kein Ende der menschenunwürdigen Lage bedeutet, in der sich Asylbewerber hierzulande befinden – ein kleiner Schritt in diese Richtung ist es. Und sollte also ein Grund zur Freude sein für eine demokratisch verfasste Gesellschaft.

Sollte. Denn übertönt wurde das Loblied auf Verfassung und Menschenwürde vom Gezeter der öffentlichen Meinung. Der „gebührliche Volkszorn“, wie es die Flüchtlingsinitiative „The Voice“ nennt, richtete sich nach dem Urteil umgehend gegen diejenigen, denen es offiziell zu „mehr Menschenwürde“ verhelfen will.

Unter einem, wie man in diesem Fall bemerken muss, nahezu sachlichen Text auf bild.de zogen die Leserkommentatoren hasserfüllt, verachtend, ja mordlüstern blank. Nach kurzer Zeit war das selbst Springers Administratoren zuviel: Der Kommentarstrang wurde gelöscht, die Diskussion abgeschaltet.

Irrationaler Sozialneid

Wer bild.de für kein repräsentatives Beispiel hält, um die kalte deutsche Missgunst in Bezug auf Flüchtlinge zu illustrieren, kann sich die User-Kommentare fast jedes anderen Mediums zum Urteil zu Gemüte führen (auch solche, die auf freitag.de gepostet wurden). Was sich allerdings in der abgeschalteten bild.de-Diskussion so deutlich wie nirgends sonst gezeigt hat, ist das hetzerische Potenzial, das in den Formulierungen eines völlig irrationalen Sozialneids liegt. Was muss alles abgeschaltet sein an gewöhnlichem Respekt im Umgang miteinander, an geringstem Einfühlungsvermögen oder winzigster Solidarität, um Leuten, die ihre Heimat nicht freiwillig verlassen haben, damit sie in deutschen Lagern zum Nichtstun verdammt werden, noch das karge Hartz-IV-Niveau nicht zu gönnen?

Die schrille Empörung über die „Wirtschaftsflüchtlinge“ hat sicher mit den Frustrationen der gegenwärtigen Krisenpolitik zu tun: Bei den 130 Millionen Euro, die für die Anhebung der Sätze aufgewendet werden müssen, stellt sich die europäische Melkkuh, als die sich Deutsche gegenwärtig empfinden, auf die Hinterbeine – auch weil es so leicht und wichtig zu sein scheint, sich von den Ärmsten der Gesellschaft abzugrenzen.

Die unbarmherzige Drastik gegenüber „den Ausländern“ ist aber auch Folge des öffentlichen Redens und Ignorierens. Als in Leipzig kürzlich nach langer Debatte die Verlegung von 200 Flüchtlingen aus einem verschimmelten Heim in dezentrale Unterbringungen im Stadtgebiet durchgesetzt wurde, wehrten sich an elf von zwölf der vorgesehenen Orte die Anwohner umgehend. Mitleid für die Nächsten liegt ferner als jedes Gefühl für Tsunami-Opfer in Asien.

Vor diesem Hintergrund ist es fast deprimierend zu vermelden, dass in die Asylrechtsdebatte Bewegung kommt: Die EU hat Deutschland eine Verkürzung des Arbeitsverbots für Asylbewerber von zwölf auf neun Monate abgetrotzt. Das empörte Volk wird darin vermutlich einen Dammbruch sehen.

Es ist aber nur ein kleiner Schritt.

Claudia Krieg ist Soziologin, Journalistin und bloggt auf freitag.de unter c.krieg

Kommentare (20)

gfriday 27.07.2012 | 10:06

Sie liegen z.T. ganz richtig und prangern zu Recht den Sozialneid vieler Leute sowie das vollkommene Fehlen von Umgangsformen in Leserkommentaren an (die Leute verhalten sich dort wie zu Hause vorm Fernseher, wenn sie allein wären - aber das ist ein anderes Thema).

Nur einige Ergänzungen: Erstens handelt es sich bei den negativen Gefühlen gegenüber Asylbewerbern (oder am besten gleich völlig undifferenziert: Ausländern), die von vielen im Zusammenhang mit der Erhöhung der Leistungssätze geäußert wurden, durchaus nicht nur um Sozialneid. Vielmehr zeigt sich hier - gerade auch in den gehobeneren Kreisen - tiefverwurzrlter Rassismus und Xenophobie (Zahlreiche Studien belegen, dass das immer noch sehr weit verbreitet ist hierzulande). Es sind also nicht nur die "Ärmsten", die sich gegenüber den Asylbewerbern abgrenzen. Zweitens haben in Leipzig gerade Bewohner aus wohlhabenderen Ortsteilen Stimmung gegen die dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen in ihren Vierteln gemacht (Leipzig-Wahren und Leipzig-Portitz), in anderen Teilen Leipzigs hingegen gab es damit gar keine Probleme. Und schließlich: ich will auf keinen Fall diese im Grunde rassistischen Reaktionen in diesen Stadtteilen kleinreden, aber es hätte zu ihrem Artikel m.E. auch dazu gehört, die Gegenreaktionen in der Stadt zu erwähnen - etwa die Initiative "Dezentralisierung jetzt" --> http://www.facebook.com/#!/dezentralisierungjetzt Es ist zum Glück NICHT so, dass die offene Äußerung von Ressentiments gegenüber Asylbewerbern und Ausländern in Leipzig überall hingenommen wird.

Pankefuchs 27.07.2012 | 11:44

Es ist des michels Art auf die Schwachen, an die man bequem rankommt, einzuprügeln. Von denen kommt wenigsten nichts Böses zurück. Die wehren sich nicht. Die wahren Verbrecher, die gerade dabei sind unsere Gesellschaft und damit unser Leben kaputt zu machen, werden geheiligt! Die könnten ja sonst Arbeitsplätze ins Ausland schaffen. Die werden sogar noch beklatscht, obwohl sie dabei sind uns das letzte Hemd auszuziehen. Aber soweit reicht das Hirn der Germanen leider nicht. Es recht nur bis zur nächsten Bierhalle, zum KFZ Händler, zum TUI Schalter oder eben nur bis zum Tor des Asybewerberheims!!!

txxx666 27.07.2012 | 14:38

Trotzdem oder gerade deswegen glaube ich, dass wir, die Leute (oder meinetwegen auch "das Volk") endlich gemeinsam komplett die Macht übernehmen müssen, bevor irgendwelche Rattenfänger auf den Plan treten und ihre einfachen Endlösungen im Komplettpaket präsentieren; die Mauern hochziehen, die Deutschmark wieder einführen und sich für den heiligen finalen Endkampf (zwischen Gut ubnd Böse, Reich und Arm, Abendland und Morgenland oder was weiß ich) rüsten wollen und uns so womöglich in den nächsten (und dann sicherlich letzten) Weltkrieg treiben werden. Das wäre in Niemandes Interesse, und deshalb ist es allerhöchste Zeit, dass wir die Entscheidungen endlich selber in die Hand und in den Mund nehmen!

http://misanthrope.blogger.de/stories/2097263/

Ismene 27.07.2012 | 14:50

Mir dreht sich der Magen um (darum will es im Detail gar nicht wissen), wenn ich höre, was da alles schon wieder hochkommt. Auch von Menschen, deren Großeltern oder sogar Eltern selbst vertrieben worden sind... Das wird ja immer mal wieder in Dokus aufgearbeitet.

Was bitte soll den ein Wirtschaftsflüchtling sein? Hunger und Not sind Folgen politischer Entscheidungen und nicht von Faulheit oder Dummheit (wie ja gelegentlich vermutet wird). Wir hier profitieren von den elenden Lebensbedingungen in so vielen Ländern der Welt! Es gibt schon gute Gründe, sich der Landsleute zu schämen...

Liebe Grüße

Ismene

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Ehemaliger Nutzer 27.07.2012 | 18:05

Sehr enttäuschend, Frau Krieg

Dafür, dass eine Soziologin diesen Artikel verfasst hat, vermisse ich gesellschaftliche Erklärungen. Stattdessen wird moralisiert und personalisiert (Hass, Missgunst, Verachtung), ohne dem auf den Grund zu gehen.

Willy Brandt sagte vor fast 40ig Jahren zu der sich damals aufgrund von Kriegen, Armut und Hunger schon abzeichnenden Flüchtlingsbewegung, dass man für und etwas für die Menschen in ihren Ländern tun müsse, sonst kämen die Leute alle zu uns.

Die seitdem vorwiegend rückschrittlichen (reaktionären) Regierungen der EU "lösten" diese absehbaren Probleme, indem sie Europa rechtlich (z.B. Drittstaatenregelung unter Kohl) und körperlich (spezielle Grenztruppen, eingezäunte Lager, Grenzboote) gegen Asylsuchende abschotteten.

Man muss zur Situation in Deutschland allerdings einiges erklären. Erstens führte und führt das aus historisch-politischen Gründen ins Grundgesetz aufgenommene Asylrecht zu Situationen, die so nicht vorherzusehen waren und werden konnten.

Zweitens ist Deutschland das einzige Land Europas, das auch aufgrund historischer Bedingungen einen beständigen zahlenmäßig großen Flüchtlings- und Zuwandereranteil zu bewältigen hatte (Kriegs- und Vertreibungsflüchtlinge bei seiner Gründung, Aufnahme von DDR-Flüchtlingen von 1949-1989, Aufnahme von Spätaussiedlern aus Osteuropa ab 1949 und verstärkt während der 80-90er Jahre auf Betreiben Kohls sowie Einwanderung aus den EU- und den der EU- assoziierten Staaten seit den frühen 1950ern inklusive des Familiennachzugs aus Nicht-EU-Staaten bis heute).

Spätestens seit der in den 70ern durch technische, wirtschaftliche und politischen Änderungen einsetzenden Umwälzung Deutschlands (Ölpreisschock, Umweltprobleme, Massenarbeitslosigkeit), der EU-Staaten und der Welt wären viele Dinge zu klären und zu regeln gewesen. Und sie sind es leider immer noch.

Deutschland wurde seit den 1980ern aktiv durch reaktionäre Kräfte und ihre ideologischen Gehilfen (Kohl mit Lambsdorff, Schröder mit Glotz, Merkel) refeudalisiert. Dazu zerschlug und zerschlägt man die sozialen Sicherungen der Menschen und den sozialen Rechtsstaat. Gleichzeitig wurde von diesen Leuten üble Hetze betrieben. Die Krönung dieser Vergiftung des Denkens und Fühlens wurde dann mit der Agenda 2010 in die Herzen und Hirne der Menschen gepflanzt. Geholfen haben dabei maßgeblich auch die privaten Schmutz- und Schundkanäle ab den 1982ern sowie die Springerpresse seit ihrer Gründung. Und natürlich wurden die Menschen durch all das auch systematisch entpolitisiert, verdummt und infantilisiert. Denn das ist Teil des rabiaten Züchtigungs-, Zurichtungs- und Umerziehungsprozesses der Menschen durch die Marktradikalen und den am meisten reaktionären und chauvinistischen Teil des Besitzbürgertums (Milliardäre und Multimillionäre). Das dabei dann heftigst nationalistische Töne angeschlagen wurden, macht das Maß dann nur noch voll. Die Methode allerdings ist seit den Nazis bestens bekannt und erprobt.

Das zumindest ist oder wäre der festzustellende gesellschaftliche Bestand. Dann mag man sich und anderen auch die Reaktionen eines Teils der Bevölkerung erklären können, aber dadurch nicht billigen wollen. Darum geht es bei journalistischer und sozialwissenschaftlicher Arbeit. Denn man will als Bürger und Leser mittels der Aufklärung und Erklärungen in den Stand versetzt werden, verstehend handeln und eingreifen zu können. Das ist mit dem Artikel nicht gelungen. Er bedient lediglich die Vorurteile einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht, die sich im Besitz einer unteilbarten Wahrheit wähnt. So kann man dann als Teil dieser gesellschaftlichen Schicht verachtungsvoll auf den Mob schauen und sich als die Elite empfinden und empfehlen, die diesen Mob schon zur Vernunft bringen wird.

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Ehemaliger Nutzer 27.07.2012 | 19:21

Ich kann mich dem Kommentar voll anschließen. Wenn ich Zeitgenossen höre, die stets und ständig paranoid verbreiten, dass die Ausländer uns Deutschen die Arbeit weg nehmen, könnte ich in die Luft gehen.

Die Arbeiten die Ausländer verrichten, würde kein Deutscher machen, wenn denn jemals ein Ausländer eine Arbeit bekommen würde.

Ich habe so den Eindruck, dass der Deutsche an seinem ekelhaften Neid, seiner Gier und seinem Hass nochmal erstickt.

Wenn die Alliierten die BRD nicht so aufgepäppelt hätten, würde es den Westdeutschen nicht besser gehen als den Ostdeutschen.

Jetzt nach der Vereinigung würden uns die Westdeutschen liebend gerne wieder eine hohe Mauer verpassen, damit sie in ihrem Wohlstand nicht gestört werden. Der Wohlstand stammte aber leider nicht durch ihre emsige Arbeit, sondern durch die Billigprodukte, die durch die Mauer in Richtung Westen kamen.

dame.von.welt 28.07.2012 | 11:35

Die bereitwillige Gefolgschaft vieler Deutscher zu 'Teile und herrsche!' beschränkt sich wirklich nicht auf die Blödzeitung, sondern ist in jedem Online-Forum nachzulesen.

In Deutschland sind 130.000 Flüchtlinge von der Anhebung der Sätze betroffen, von denen rund 100.000 in Sammelunterkünften leben müssen, obwohl Einzelunterbringung nicht nur um viele Preisklassen menschenwürdiger, sondern auch deutlich kostengünstiger wäre (letzteres an die zynischen Sparer).

In Folge welchen Ereignis das deutsche Asylgesetz zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurde, sollte auch nicht ganz vergessen werden - das war das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen mit seinem staatlichen Vollversagen vor, während und nach den Ausschreitungen, hat übrigens am 24.8. 20jähriges Jubiläum.

Laut UNHCR gibt es derzeit etwa 43 Millionen Flüchtlinge weltweit. Allein in Syrien sind rund 1,5 Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht, weitere etwa 150.000 sind als Flüchtlinge in den Anrainerstaaten registriert, die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen.

80% aller Flüchtlinge leben in Entwicklungsländern und kommen überhaupt nicht bis zur Festung Europa. Das Land mit den meisten Anträgen auf Asyl heißt Südafrika.

Die weltweite Entwicklung von Reichtum und Armut kann man hier besichtigen.

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Ehemaliger Nutzer 28.07.2012 | 13:52

Lieber @Aqua-Jedi,

ich habe selten einen sooo tollen!! Kommentar gelesen. Dem kann ich mich nur in allem anschliessen!!

Es ist die Politik die IMMER Neid und Unzufriedenheit schürt!! Die NUR IM AUFTRAG DES KAPITALS AGIERT!! Und es ist diese verkommene, verrohte, arrogante Bürgergesellschaft, die wieder die alten Werte aufleben lassen will. Oder um es anders zu sagen...die NEUE RECHTE hat schon seid den 70igern Jahren wieder Einzug in allen Gesellschaftsstrukturen gehalten. Die Deutsche Elite sind Menschen mit einer immer noch vorhandenen Nazi-Ideologie.

Ich schliesse mich auch @Ismene an. Man muß sich mittlerweile sehr schämen zu den Deutschen zu gehören!! Ehrlich gesagt ekeln mich meine Mitmenschen oft nur noch an. Egal, ob Kirche/Christen, Politik und alle die Menschen, die voller Gier besessen vom Gelde sind. Wir haben uns den Wohlstand auf Kosten anderer Länder genommen!! Voralem aber auch durch den Verkauf von Waffen um Bürgerkriege durch führen zu lassen. Nichts wird dem Zufall überlassen. Es ist alles von verschiedenen Interessen gesteuert auf der Welt!

Dazu gehören auch die Mainstreammedien. Denn viele Journalisten verkaufen sich genauso wie Banker. Geben rassistischen Hetzern wie Sarrazin, der den Rechtsruck erst bewusst ausgelöst hatte, auch noch eine Plattform! Und der Freitag denunzierte auch die Linke. Auch nicht besser!

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Ehemaliger Nutzer 28.07.2012 | 14:16

Ja, lieber Matto...genau so ist es!! Die Westdeutschen konnten nur ihre Wirtschaft durch den gesteuerten Zusammenbruch (ausgehend von den USA) der DDR retten. Dann hatte die Politik im Auftrag des Kapitals Betriebe, die volle AUFTRAGSBÜCHER HATTEN, komplett in den Ruin, in die Insolvenz, getrieben. Da kenne ich genug Bsp. aus meiner Region!! Man wollte eben keine Konkurrenz.

Und ja...die BRD wird an ihrer Gier an ihrem Neid sich selber zu grunde richten. Die Deutschen sterben ja deswegen auch mal aus bzw werden eine Minderheit. Weil sie so unsagbar materiell eingestellt sind und sich leiber keine Kinder (nur eines) , damit sie in ihrer Freizeit sich ihren Hobbys frönen. Hobbys die richtig Geld kosten wie Motorrad fahren oder Motorboot. Nur um einige Bsp. zu nennen. Und die meißten möchten zur Oberschicht gehören. Also Haus, Pferde usw. Das ist sowas von lächerlich. Da hat Ulrike Herrmann mit ihrem Buch "Der Selbstbetrug der Mittelschicht" schon vollkommen gut analysiert und somit recht!!

In der BRD, den alten Bundesländern ist soviel Geld vorhanden...da können andere nur von träumen.

bamuse 28.07.2012 | 20:01

@AQUA-JEDI: Sie haben etwas zu sagen und Ihr Kommentar ist lesenswert. Umso bedauerlicher finde ich Ihren persönlichen Angriff gegen Frau Krieg. Den finde ich ziemlich anmaßend. Sowas zu lesen macht keinen Spaß.

Von einem „Züchtigungs-, Zurichtungs- und Umerziehungsprozess“ zu reden, halte ich für zu einfach. Hört sich für mich so an, als gäbe es einen kleinen Kreis Mächtiger, der gemeinsam diesen Prozess steuert. Auf der anderen Seite stünde dann der Rest der deutschen Bevölkerung, der sich mehr oder weniger bereitwillg umerziehen lässt. Beides sehe ich nicht.

Gerade die gebildete und gut verdienende obere Mittel- und Oberschicht schlägt sich zu einem großen Teil sehr bewusst auf die Seite der Mächtigen. Man möchte dazugehören und sich gleichzeitig vom ärmeren Teil der Bevölkerung abgrenzen. Natürlich hat das Ursachen in zunehmender Verunsicherung und Angst vor sozialem Abstieg. Aber warum nutzen diese Menschen nicht ihren zweifellos vorhandenen Grips und entlarven die Lügen von Schröder, Merkel und Bild? Warum gehen diese Menschen nicht auf die Straße? Warum wollen sie nicht verstehen, dass Solidarität mit Schwächeren eine Gesellschaft für alle lebenswerter macht?

Nur eine Folge von Zurichtung und Umerziehung? Das reicht mir nicht. Damit macht man es denen zu einfach, die versuchen, ihr Selbstwertgefühl durch Abgrenzung und Ausgrenzung zu steigern.

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Ehemaliger Nutzer 28.07.2012 | 20:55

@BAMUSE,

wenn Sie einen Text durchlesen, dann müssen Sie ihn auch richtig durchlesen. Ich finde nicht, dass Frau Krieg hier angegriffen wurde.

Es ist vollkommen richtig, dass in diesem Staat Dinge zugelassen werden oder eben nicht konntrolliert werden, die einfach nur noch hanebüchen sind. Ich habe den Eindruck, man überläßt alles dem Selbstlauf. Warum werden nicht bestimmte Dinge kontrolliert (RTL, Gewaltfilme und viele Dinge mehr) und dann konsequent verboten. Es wird nicht gemacht, weil man Wählerstimmenverlust fürchtet oder einen Volksauflauf.

Fakt ist doch, dass in diesem System alles durcheinander läuft, im Volk und bei der Obrigkeit und darum ist dieser Staat für mich ein Irrenhaus.

Das Volk wird bevormundet, sozial schikaniert und arbeitsmäßig ausgebeutet, aber sonst kann jeder machen was er will.

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Ehemaliger Nutzer 28.07.2012 | 23:35

@bamuse 28.07.2012 20:01

Der Artikel von Frau Krieg richtet sich hauptsächlich um nicht zu sagen ausschließlich an und gegen "... Das empörte Volk...", welches sich laut Frau Krieg vorwiegend auf der Internetseite der BILD, des meiner Meinung nach bekanntesten und schlimmsten Hetzblattes des Springerkonzerns, äußerte.

Welches Menschen- und Weltbild die oberen Zehntausend (in Deutschland gegenwärtig ca. 100 Milliardäre und ca. 900.000 Vermögens- und Multimillionäre) haben, lassen sie die Menschen durch die ihnen gehörende Presse wissen, in welcher vorher sorgsam ausgesuchte und geschulte Journalisten die Meinung des Besitzbürgertums verbreiten dürfen (Paul Sethe 1965 über die Pressefreiheit).

Über die sich selbst verrohenden und nach unten tretenden Mittelschichten mag man bei Wilhelm Heitmeyer nachlesen, z.B. in der ZEIT.

Zu der mir unterstellten Verschwörungstheorie ("... Hört sich für mich so an, als gäbe es einen kleinen Kreis Mächtiger, der gemeinsam diesen Prozess steuert. ...") mag man sich einerseits in den einschlägigen Gesetzen der Bundesrepublik schlau machen (Grundgesetz Artikel 20 Absatz 4 , Strafgesetzbuch (Hochverrat), Kartellrecht) und andererseits etwas über die Treffen der Bilderberger und des Weltwirtschaftsforums der Mächtigen Europas lesen. Sowie in der New York Times von 2005 den Artikel von Warren Buffett über den von den Reichen geführten Klassenkampf.

Zum Züchtigungs-, Zurichtungs- und Umerziehungsprogramm lese man die Schrift der Herren Lambsdorff-Tietmeyer von 1982 sowie die Speenhamlandgesetzgebung und die unter anderem auf beiden basierende Hartz I-IV Gesetze mit ihren Sanktionierungen und der Kriminalisierung von Armut und in die Armut getriebenen Menschen.

Zur Funktion der Intellektuellen ("... gebildete und gutverdienende obere Mittel- und Oberschichten ...") lese man auf den Nachdenkseiten etwas von Noam Chomsky: Die Wachhunde der Machtelite http://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=13260

Das beantwortet einerseits Ihre Frage ("... Aber warum nutzen diese Menschen nicht ihren zweifellos vorhandenen Grips und entlarven die Lügen von Schröder, Merkel und Bild? ...") andererseits weist es auf die Schwäche des Artikels von Frau Krieg hin. Denn genau das wäre von ihr herauszuarbeiten gewesen. Dazu hätte sie als Soziologin im Sinne der Aufklärung auch noch etwas über gesellschaftliche Mechanismen schreiben können und sollen, was ja ihr Fach ist.

gelse 29.07.2012 | 10:36

>>Aber warum nutzen diese Menschen nicht ihren zweifellos vorhandenen Grips und entlarven die Lügen von Schröder, Merkel und Bild?<<

Eine der möglichen Antworten:

>>Gerade die gebildete und gut verdienende obere Mittel- und Oberschicht schlägt sich zu einem großen Teil sehr bewusst auf die Seite der Mächtigen. Man möchte dazugehören…<<

Wer in einer Hierarchie aufsteigen will muss sich anpassen. Dass die machthabende Oberschicht, als deren Diener man Karriere macht, ihren Reichtum von den Besitzlosen nimmt: Das dürfte auch Angehörigen der „Mittelschicht“ halbwegs klar sein. Ihr Einkommen und sozialer Status hängt vom Reichtum der Herrschaftsklasse ab. Da ist kein Platz für Solidarität mit Armen, auf deren Armut der Reichtum beruht.

Am ehesten können es sich Mitglieder der herrschenden Klasse leisten, mal ein bisschen kultiviertes Entsetzen über die primitive Grobheit ihrer Oberdienerschaft zu heucheln.

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Ehemaliger Nutzer 29.07.2012 | 13:15

Genau so sehe ich das auch. Frau Krieg als Soziologin sollte die Menschen aufklären und nicht polemisieren. Anscheinend verkauft sich Frau Krieger eben auch wie so viele Wissenschaftler dies heutzutage tun!!

Ich kann dies ja auch einerseits verstehen....Kapitalismus bedeutet eben nur sich gegenseitig zu benutzen und auszubeuten!

Ich konnte Heitmeyer live erleben. Das ist ein wahrer Soziologe und vorallem ein kritischer Denker dazu!! Seine Aussagen treffen voll ins schwarze. IN Deutschland wird ganz bewusst von der Politik Hass und Ressitements geschürt. Und die Medien haben einen Auftrag dazu. Auch wenn J.Augstein das gerne anders sehen will. Nicht umsonst hatte man Sarrazin soviel Aufmerksamkeit und eine öffentl. Plattform zu seiner Verbreitung der rassistischen Thesen gegeben. Erst wieder vor kurzem mit seiner Theorie zum Untergang des Euros. Im Prinzip geht es den Medien nur um Auflagen. Denn es dreht sich alles nur ums liebe Geld! Es ist egal wer was schreibt. Hauptsache es ist provokativ genug und hält sich einigermaßen an das GG.

Dieses System ist viel perverser als die DDR es jemahls war! Ich will keines dieser Systeme, sondern eine humanistische Welt.