Vom Fortschritt

Alltag II Der Schutz des Verbrauchers ist sicher eine nützliche Einrichtung. Doch wer schützt den Verbraucher vor wohl gemeinten, jedoch misslungenen ...

Der Schutz des Verbrauchers ist sicher eine nützliche Einrichtung. Doch wer schützt den Verbraucher vor wohl gemeinten, jedoch misslungenen "Fortschritten"?

Nehmen wir doch einfach die gute alte Milchtüte - da wurde eine Ecke abgeschnitten oder der Hausherr konnte seine Fingerkraft demonstrieren, und die Milch floss. Und auch dahin, wohin sie sollte. Wo war das Problem?

Das kann niemand erklären, doch vermutlich war die Industrie der Meinung, dass man schließlich im 21. Jahrhundert angekommen ist und derart einfache, primitive Tüten nicht mehr zeitgemäß sind. Also, neue Milchtüten müssen her, und über so viel Umsorgung muss sich jede Hausfrau doch freuen!

Jetzt kann zwischen drei Verschlüssen gewählt werden. Sie sind raffiniert, modern, schaffen schließlich durch zusätzlichen Plastikbedarf neue Arbeitsplätze. Und, die Milchtüte ist endlich echt verschließbar. Hat das jemand vermisst? Wohl kaum, ist doch "haltbare" Milch!

Die mildeste Form der neuen Errungenschaften besteht aus einem Plastikdeckel, der sich öffnen lässt, woraufhin ein freundliches Silberpapier erscheint. Dies muss man einfach nur abreißen und die Milch kann fließen. Dass vom Abreiß-Sog die ersten Tropfen bereits neben der Tüte landen, könnte man noch als "Frischetest" gelten lassen, doch da der Abfluss jetzt oben liegt statt schräg an der Seite, muss man mit vollen Tüten zunächst erst das Entleeren ohne Kleckern erlernen. Volksschulung also, hat beim Müll ja auch geklappt.

Bei dem Deckel mit der Seitenlasche ist das nicht anders. Hinzu kommt nur, dass man diese kleine Lasche erst mal aus der Verankerung herausbekommen muss. Und die sitzt fest, denn sonst würden beim werksseitigen Karton-Einstapeln die Tüten ja gleich wieder aufgehen. Es geht also nur mit Kraft und dem Risiko eines abgebrochenen Fingernagels um 40 Prozent.

Volle Garantie für Fingernageldefekte - wahrscheinlich auch eine Joint-Venture-Aktion mit dem Verband deutscher Nagelstudios - gibt die, nennen wir es, Kippschaukel. Das kann nur ein Mann gewesen sein. Einer, der von seiner geliebten Kippschaukel zu früh entwöhnt wurde oder zu oft heruntergefallen ist, vermutlich immer auf den Kopf. Der Supermarkt musste das erst mal erklären. Da muss man also ein erbsengroßes Teil herunterdrücken und gleichzeitig auf der anderen Seite eine kaum größere, aber eingerastete Lasche anheben. Dadurch soll eine U-förmige vor-perforierte Öffnung in die Tüte eingedrückt werden. Man hat dabei die Chance, gleich zwei Fingernägel zu ruinieren. Bester Schutz: Reißen Sie die Schaukel per Schere, Löffel oder sonst was ab und klappen Sie die U-Öffnung der Tüte selbst hoch. Sie haben dann das wundersame Gefühl, wieder bei Ihrer alten, gewohnten Milchtüte zu sein.


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00:00 11.03.2005

Ausgabe 39/2020

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