Vom rechten Urlaubslesen

Expertenrat Ein paar Dinge muss man schon beachten, wenn die Ferienlektüre nicht zum Fiasko werden soll
Erhard Schütz | Ausgabe 28/2016 2
Vom rechten Urlaubslesen
Ohne die richtige Vorbereitung wird es am Urlaubsziel schnell öde

Foto: Cate Gillon/Getty Images

Mit Urlaubslesen darf man nicht erst im Urlaub anfangen wollen, sonst wird das leicht im Urlaub nichts Gscheits. Wenn man nicht dazu kommt, noch zu Hause das Mitzunehmende anzulesen, sollte man zumindest einen größeren Stapel Urlaubskandidaten herrichten, aus dem man immer mal wieder aus- und umwählt. Das geht naturgemäß mit einem Kindle oder Tolino schlecht. Diese Dinger sind zwar sehr verlockend – man kann eine lebenszeitverschlingende Bibliothek mitführen, ohne irgend das Gepäck zu belasten –, aber die Auswahl ist viel paralysierender als aus einem Stapel Bücher. Dennoch ist solch ein Lesebrettchen nützlich, wenn man etwa ohnehin nervös in diversen Wartestellungen herumsitzt. Oder als Sicherheitspolster für den – ziemlich unwahrscheinlichen – Fall, zu früh alles ausgelesen zu haben.

Abzuraten ist in jedem Falle, lebensoptimierende Ratgeber oder gar angeblich lustige Aufbereitungen von Alltagsproblemen mitzunehmen. Nichts ödet schneller an. Keinesfalls – des Blutdrucks wegen – Politmanifeste. Abzuraten ist auch von Krimis, die am Urlaubsort spielen sollen, wenn man sie nicht vorher schon angelesen hat. Oft ist das öder als gar keine Lektüre. Vielmehr greife man zunächst einmal zu allem, was nach Schmöker aussieht. Das können auch Sachbücher sein, Historisches zumal. Der Kampf um Rom, die Wikinger oder Vandalen, das hilft.

Dann kommt es auf die Mischung an. Empfehlenswert, mindestens einen Klassiker mitzunehmen, den man daheim nie schaffte. Das könnte sogar Faust I und II sein, besser aber noch Grimmelshausens Simplicissimus in der hochdeutschen Übersetzung oder überhaupt eine der Neuübersetzungen aus dem Hanser-Verlag. Gut auch nahezu vergessene Jugendlektüre: Momo, Die Schatzinsel, Huckleberry Finn … Neben dicken Schinken sollte man ein, zwei schmale Bändchen nicht vergessen – als Zwischenmahlzeiten. Das darf auch anspruchsvoller sein, zum Beispiel Lyrik: macht aus dem Dösen Meditation oder umgekehrt.

Schön ist, wenn man sich einen gewissen Überfluss leisten und im Feriendomizil einen kleinen Hausaltar bauen kann. Am Ende muss nicht alles gelesen sein. Man wird allemal zu den nichtgelesenen Begleitern anschließend ein traulicheres Verhältnis haben.

Sodann noch zwei Details: 1. Entscheiden, ob man den Umschlag oder das Buch schonen will. 2. Fahrkarten oder lokale Quittungen als Lesezeichen benutzen, meinetwegen auch Eislöffelchen oder Zuckertütchen. Die sind dann leicht ein Pendant zum Sand. Apropos: Wer zum Strand fährt, sollte unbedingt für die Rückreise damit kalkulieren, dass dort gelesene Bücher leicht um ein Viertel aufschwellen. Und über alledem sollte man das Urlaubmachen nicht vergessen.

Erhard Schütz ist emeritierter Professor für deutsche Literatur. Für den Freitag schreibt er die Sachbuchkolumne Sachlich richtig

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