Vollkommen verloren: Uli Hoeneß

Der Sportreporter Keiner will ihn mehr: Uli Hoeneß – immer ein „Machertyp“ – ist offiziell in Rente, aber er kann einfach nicht loslassen. Über einen, der nicht weiß, wohin mit sich und nicht akzeptieren will, dass er nicht mehr gebraucht wird
Ist jetzt Rentner: Uli Hoeneß
Ist jetzt Rentner: Uli Hoeneß

Foto: Imago/Future Image

Trainer im Profifußball haben ein schönes Leben, wenn sie älter werden. Ihre Karriere hat keinen offiziellen Schlusspunkt. Ein Comeback ist jederzeit möglich, es muss nur einen Klub geben, der verzweifelt genug ist. Dann sind auch Friedhelm Funkel und Felix Magath, obwohl sie offiziell das Rentenalter erreicht haben, wieder gefragte Leute. Und selbst wenn sie nicht mehr in den klassischen Trainerjob gerufen werden, so bleiben sie Aspiranten auf Plätze in den Talkshows, als weise Experten, die das Publikum am Schatz ihres Erlebens teilhaben lassen. Ein Trainer wird niemals zum Ex-Trainer.

In anderen Funktionen im Fußball ist es schwerer, am Ball zu bleiben. Denn wer Manager oder Präsident in einem Verein war und das Amt im Alter abgibt, ist ein ehemaliger Funktionär und nicht mehr Teil des Geschäfts. Mit dem selbstgewählten Bedeutungsverlust kommen aber nicht alle klar – was sich gerade am berühmtesten Machertypen in der Geschichte des deutschen Fußballs zeigt: Uli Hoeneß, 70, die Inkarnation des FC Bayern, weiß nicht, wohin mit sich. Einen kleinen Posten im Aufsichtsrat der FC Bayern AG hat er ja noch, doch das operative Geschäft ist nun Aufgabe anderer. Aber auch wenn er seine Nachfolger selbst ausgesucht hat, scheint Hoeneß noch immer von der Wahrnehmung getrieben zu sein, dass dieser Verein ihm gehört. Er erinnert an Politiker, von denen wir gelesen haben, dass sie nach dem Verlust ihres Mandats einfach nicht loslassen können von Mission und Macht. Und so ist es auch bei ihm: Die Wurstfabrik, die er aufgebaut hat, ist dem Sohn überschrieben, doch nach wie vor fährt der Patriarch die kooperierenden Supermärkte ab und überprüft, ob seine Produkte richtig platziert sind (manchmal dekoriert er dann auch um). Und was den FC Bayern betrifft, verwaltet er nun sehr aktiv sein Erbe.

Vor einem Jahr, auf der aus dem Ruder gelaufenen Jahreshauptversammlung wollte er das Podium stürmen – das Mikrofon war aber schon abgeschaltet. Vor ein paar Wochen rief er erregt in der Sport1-Sendung Doppelpass an, um den Katar-Kritiker Andreas Rettig in die Schranken zu weisen, er schalt ihn „König der Scheinheiligen“.

Und zuletzt griff er sich – wieder beim FC Bayern – einen der Redner und herrschte ihn an, dass dies „nicht die Generalversammlung von Amnesty International“ sei. Lautstärke und Aggressivität sind an die Stelle einer scharfsinnigen Argumentation getreten, für die er in seinen guten Zeiten stand. Aus dem politischen Denker, der 2001 am Tag nach Nine-Eleven riet, auch mal einen kritischen Blick auf die amerikanische Geopolitik zu werfen, ist ein Eiferer im Dienst Katars geworden. Jedoch nicht aus aufrichtiger Überzeugung, dass das kleine Katar in der öffentlichen Meinung Unrecht getan würde – sondern weil Katar und sein FC Bayern wirtschaftlich verbunden sind.

Einen engen Draht hatte Uli Hoeneß einst zu Angela Merkel, die er aufrecht bewunderte. Wenn er sich halt nur in seiner jetzigen Lage ihre Gelassenheit und Distanz zum Vorbild nähme. Es ist jedenfalls nicht bekannt, dass die Altkanzlerin in CDU-Ortsvereinen randalieren oder am Sonntagabend bei Anne Will anrufen und verlangen würde, in die Sendung durchgestellt zu werden.

Orientieren könnte Hoeneß sich, was noch näherliegend wäre, auch an seinem langjährigen Weggefährten Karl-Heinz Rummenigge. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Bayern AG ist jetzt ebenfalls Rentner, lässt es sich gutgehen und regt sich über Tagesaktualitäten nicht mehr auf. Aber sage das mal einer dem Uli, dass er sich ein Beispiel an Kalle nehmen soll! Diesem Eindringling! In seinen Verein! Endlich ist er ihn los.

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