Was alles nicht erzählt wird

Werkschau Der Filmemacherin Maria Lang (1945 –  2014) wird in Frankfurt/Main und Berlin eine Retrospektive gewidmet
Madeleine Bernstorff | Ausgabe 38/2017

Gerade wird in der Hauptstraße in Berlin-Schöneberg eine lange leerstehende Kneipe entkernt. Vor 30 Jahren war dort das Paramount, eine Lesbenbar. Theke, Barhocker, ein paar Tische, ein Flipper, Treppe hoch zur zweiten Ebene, Treppe runter in den Dancing-Room. Die Betreiberin kam Anfang der 70er Jahre aus der westdeutschen Provinz nach Berlin, wegen einer Foto-Geschichte in der Pop-Zeitschrift Twen über Subkulturen in Berlin. Das Leben, das in dieser Bar und anderswo stattfand, als das Wort queer noch nicht gebraucht wurde, als in Westberlin „Ladies only“-Orte blühten, inszeniert der Film Zärtlichkeiten (1985) von Maria Lang.

Ihr ist eine erweiterte Werkschau im Frankfurter Filmmuseum und im Zeughauskino Berlin gewidmet. Auch Lang kam in den Siebzigern nach Berlin, engagierte sich im Lesbischen Aktionszentrum (LAZ) und wurde 1980 an der DFFB angenommen. Hier suchte sie, inspiriert von Seminaren etwa von Elfi Mikesch, einen neuen Weg, eine neue Ästhetik, fern von politischen Dokumentarfilmen und „großem Kino“. „Die Arbeit an einer neuen Form. Alles ist Berührung, nichts ist äußerlich“, sagte Lang später über die Filme ihrer Freundin und Kommilitonin Ute Aurand.

Am Ende von Langs erstem Studienjahr entstand Familiengruft (1981/82), eine Porträtskizze zu ihren Eltern: „Ich rede über die Sprachlosigkeit, die Mauern, die Liebe, die Verachtung. Der Film ist ein Dokument meiner Hilflosigkeit. Ich kann darin meine Liebe nur beschreiben, die so nahe bei der Verachtung liegt, und aufhören zu glauben, dass genau das nicht sein darf.“ Der Film bekommt Preise in Oberhausen und reist mit dem Goethe-Institut um die Welt.

Lang sieht Chantal Akermans Film Eine ganze Nacht (1982) und dass es nicht nötig ist, eine einzige Geschichte zu erzwingen: ein Mosaik von Mikro-Erzählungen, Momenten, Bewegungen, die über sich hinausweisen. Unter diesem Eindruck dreht sie Zärtlichkeiten, in einer Garderobe, einem Versandlager für feministische Literatur, am Meer, im Paramount. Als Spielfilm angelegt mit wirklichen Lesben an wirklichen Orten über ein wirkliches Lebensgefühl.

Die Szene-Existenzialismen und der trockene Anmach-Humor sind dennoch nicht von Identifikation angetrieben, nicht vom „Lesbisch ist besser“. „Ich erzählte über mein lesbisches Leben und über die immer wieder angefangenen Geschichten, die nur Konflikte sind und nie enden, und ich erzählte von Sexualität und dass sie immer sehr wichtig ist, und sie kam nicht vor und war überall. ... Das Wichtigste in meinem Film ist mir das Geheimnis, also all das, was er nicht erzählt, das verlorengegangene Mosaik, das zu einem Rätsel wird.“

Langs schmales Werk wird in seinem ganzen Strahlen sichtbar in dieser Werkschau: Porträts und ein Videobrief, Freundinnenfilme, Inspirationen, große und kleine Vorbilder. Bressons Widerstandsfilm Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen (1956) oder Barbara Lodens Drama Wanda (1970) stehen für weitere Verbundenheiten.

Zur Werkschau wird eine Sammlung von Maria Langs Schriften zum Film erscheinen, in ihrer klaren, verankerten Sprache blitzt die Affinität zu Gertrude Stein auf. Die Texte bezeichnen ein dauerndes Insistieren auf der Bewegung des Werdens, das, was hemmt und falsch ist, ist da. Das, was offen und mutig und fröhlich und schmerzhaft und groß ist, auch.

Nicht davon zu sprechen, dass Maria Lang 2014 ihr Leben im Alter von 69 Jahren selbst beendet hat, ist nicht möglich. Die Freundschaft, in der sie mit Ute Aurand den letzten Film Der Schmetterling im Winter (2006) gemacht hat, über die tägliche Care-Arbeit für ihre pflegebedürftige Mutter, ist das Herz dieser Retrospektive – ihre Idee vom Kinomachen, Filmemachen und Filmesehen. Der Schmetterling im Winter dringt tief in den Abgrund der Verhältnisse ein, taktil und zärtlich und wortlos.

Info

Zwei Filme von mir über mich – Werkschau der Filmemacherin Maria Lang heißt die Berliner Version der Retrospektive vom 21. bis 24. September im Zeughauskino

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06:00 04.10.2017

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