„Was heilig erscheint“

Interview Mit „Verfluchte Götter“ präsentiert der Historiker Gerd Schwerhoff eine Geschichte der Blasphemie von der Antike bis zur Gegenwart
„Was heilig erscheint“
George Grosz: Christus mit Gasmaske. Satire, Kunst oder Blasphemie? Oder alles davon?

Foto: United Archives/IMAGO

Anders als oft angenommen ist Blasphemie auch in säkularen Gesellschaften nie ganz verschwunden, sagt der Historiker Gerd Schwerhoff. Und wie schwer neue Konflikte aufzulösen sind, zeige sich auch darin, dass selbst linke und liberale Beobachter öfter ins Schleudern kämen.

der Freitag: Herr Schwerhoff, Sie schreiben, dass wir seit der Veröffentlichung von Salman Rushdies Roman „Die Satanischen Verse“ 1989 in einem „neuen Zeitalter der Blasphemie“ leben. Was zeichnet dieses Zeitalter aus?

Gerd Schwerhoff: Blasphemie ist zu einer Markierung im interkulturellen oder interreligiösen Konflikt geworden. Früher wurde sie eher als eine innerchristliche Angelegenheit wahrgenommen und behandelt. Eine Wahrnehmung, an der viele christliche Akteure vermutlich auch heute noch festhalten. Das könnte ein Teil des Problems im Umgang der Religionen miteinander sein.

Was genau versteht man heute unter Blasphemie?

Die Blasphemie lässt sich ganz allgemein als die Schmähung und Herabsetzung des Heiligen und damit auch desjenigen, was anderen Leuten als heilig erscheint, definieren. In diesem Sinne gab es Blasphemie schon immer und gibt es sie auch heute noch, selbst in säkularisierten Gesellschaften. Denn dieses Heilige kann auch das Volk, die Nation oder im Extremfall der eigene Fußballverein sein.

Nichtsdestotrotz hat sich der Tatbestand der Blasphemie erheblich verschärft mit dem Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religionen, von denen wir bis heute geprägt sind.

Im Kontext monotheistischer Religionen verschärft sich der Blasphemie-Vorwurf, weil der Gott des Judentums, des Christentums wie des Islams absoluten Gehorsam und absolute Treue verlangt, aber auch seinem jeweiligen Volk gegen Gegner beisteht. Und man darf den Namen dieses Gottes nicht missbrauchen. Judentum, Christentum und Islam konfrontierten sich zudem gegenseitig mit dem Vorwurf der Schmähung des wahren Gottes. Gleichzeitig diente der Blasphemie-Vorwurf auch zur Disziplinierung der eigenen Gläubigen. Im Judentum gab es bereits im Altertum einzelne Fraktionen. Im Christentum waren von Beginn an nicht nur die Heiden, sondern auch die Anhänger konkurrierender Strömungen mit heftigen Vorwürfen der Herabwürdigung konfrontiert. In islamisch geprägten Gesellschaften geht es den Schiiten oder Anhängern der Ahmadiyya nicht anders.

Eigentlich schien Blasphemie in Westeuropa lange eher ein Zombie aus alten Zeiten zu sein. Einige Länder verfügen nicht einmal mehr über Blasphemie-Gesetze. Was bedeutet das, wenn der säkulare Westen plötzlich mit Blasphemie-Vorwürfen konfrontiert wird?

Als Beleidigung Gottes, also als Gotteslästerung, erscheint uns die Blasphemie heute ein bisschen anachronistisch. Trotzdem gab es bis 1989 immer wieder innerchristliche heftige Konflikte. Denken Sie an Martin Scorseses Film The Last Temptation of Christ, der 1989 in die Kinos kam, im selben Jahr wie die Veröffentlichung der Satanischen Verse. Blasphemie war im christlichen Kontext nie völlig verschwunden. Mit der Globalisierung kam nun die interkulturelle und interreligiöse Dimension dazu. Der säkulare Westen, im Extrem verkörpert durch die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, sieht sich als Fackelträger der Aufklärung. Viele muslimische Gesellschaften empfinden dagegen Attacken auf ihren Propheten als Angriff nicht nur auf ihre religiöse Identität, sondern als Arroganz gegenüber ihrer Kultur. Sie sehen darin eine Fortsetzung des westlichen Kolonialismus. Wie schwer dieser Konflikt aufzulösen ist, zeigt sich daran, dass selbst viele linke und liberale Beobachter ins Schleudern kommen. Normalerweise empfinden sie eine gewisse Sympathie für die Blasphemie, solange sie gegen den Papst gerichtet ist; mit der satirischen Darstellung Mohammeds allerdings werden nun ihre antikolonialen Reflexe geweckt.

Sie leiten ein großes Forschungsprojekt zur Beleidigung und Schmähung. Angesichts von Hatespeech und Shitstorms ein hochaktuelles Thema. In Ihrem Buch zeigen Sie, dass auch im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit hemmungslos auf Gott und Kirche geschimpft wurde. Woher kam diese unbändige Lust an der Blasphemie?

Unsere verschiedenen Forschungsprojekte zur Invektivität zeigen, dass das Lästern und Herabsetzen eine kommunikative Universalie ist, die Menschen emotional stark mobilisiert und die an verschiedensten historischen Stellen immer wieder hochploppt. Im späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit kommt zudem der Gewaltaspekt dieser Sprechakte ins Spiel. Herrscher, Landsknechte oder Räuber, um ein paar Milieus zu nennen, hatten einen bestimmten sprachlich-blasphemischen Gewalthabitus kultiviert, der die eigene Unerschrockenheit, die eigene Männlichkeit betonen und Gegner abschrecken sollte. Die kirchlichen Autoritäten taten sich damit sehr schwer und bekamen die Blasphemie kaum in den Griff. Es wurden damals zwar harte Strafen verhängt, aber in vielen Fällen zog man sich auf die Unterscheidung zwischen Fahrlässigkeit und Vorsatz zurück und akzeptierte Entschuldigungen. Die Gesellschaft war damals also weit vielfältiger und differenzierter, als man zunächst denkt.

Zur Person

Gerd Schwerhoff, geboren 1957 in Köln, gilt als einer der führenden deutschen Kriminalitätshistoriker. Seit 2000 ist er Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der TU Dresden. Verfluchte Götter: Die Geschichte der Blasphemie (528 Seiten, 29 Euro) erschien im S. Fischer Verlag

Die Erfindung des Buchdrucks sorgte für einen grundlegenden technischen Wandel, ähnlich wie heute die Digitalisierung. Hat das auch damals schon zur Verbreitung von Blasphemie geführt?

Der Wandel vom gesprochenen Wort hin zum Flugblatt, zur Flugschrift, zum Buch hatte einen gleichermaßen revolutionären Charakter wie heute die Digitalisierung. Und auch die Auswirkungen auf die Entstehung einer Öffentlichkeit sind ähnlich dramatisch gewesen. Allerdings griffen damals die herrschenden Normen viel besser als heute. Gedruckt wurden vor allem Predigttexte über Blasphemiker, die vom Teufel geholt wurden. Die Blasphemie selbst blieb in der Sphäre des gesprochenen Wortes. Durch die Erfindung des Buchdrucks verbreiteten sich allerdings unterschiedliche religiöse Meinungen weit schneller. Es entstand eine neue Vielfalt, die dazu führte, dass sich die unterschiedlichen religiösen Lager gegenseitig der Schmähung bezichtigten. Die mittels digitaler Medien verbreiteten blasphemischen Akte wie die Mohammed-Karikaturen oder die satirischen Bilder von Charlie Hebdo sind dagegen eine Besonderheit der Moderne.

Unsere heutige Haltung zur Blasphemie wurde letztlich in der Aufklärung geprägt. Der Vorwurf der Gotteslästerung wird eng verbunden mit dem Erhalt der inneren Ordnung. Wenn man das auf Staaten wie Russland, den Iran oder Saudi-Arabien bezieht – inwieweit dient der Blasphemie-Vorwurf auch als Machtinstrument?

Die Aufklärung verabschiedet die alte Denkfigur der Gotteslästerung. Die Religion wird zur Stütze des Staates erklärt und jede Form der Blasphemie gilt seitdem als Störung des inneren Friedens und der öffentlichen Ordnung. Die bundesrepublikanische Ordnung schützt alle Religionsgemeinschaften, verhält sich dabei aber eher defensiv. Je enger ein Staat allerdings mit einer Religion verbunden ist, umso stärker greift dieses Argument vom Schutz der öffentlichen Ordnung. Das sehen wir heute in vielen muslimischen Staaten, wie Pakistan, in dem der Islam Staatsreligion ist. Selbst im multireligiösen Indien gibt es immer wieder Blasphemie-Konflikte. Und in Russland, das man wirklich nicht als Theokratie bezeichnen kann, benutzt Wladimit Putin die Allianz mit der orthodoxen Kirche, um seine Herrschaft zu festigen. Das hat sich im Zuge der Pussy-Riot-Affäre gezeigt.

Inwieweit ist mit der Blasphemie nicht nur die Religion, sondern immer auch die Institution mitgemeint?

Institutionenkritik setzt schon mit den mittelalterlichen Häresien, spätestens mit der Reformation ein. Herabwürdigungen zielten immer wieder auch auf die Institutionen. Die Frage, inwieweit sich Blasphemie-Vorwürfe von einer Kritik an den Institutionen trennen lassen, kann man vor dem 19. Jahrhundert gar nicht so richtig stellen. Es gibt allerdings bis heute immer wieder Fälle, bei denen die Kritik gegen Amtsträger als Blasphemie gerahmt wurde. Als die Satirezeitschrift Titanic im Zuge der Vatileaks-Affäre 2012 einen inkontinenten Papst Benedikt auf dem Titel abbildete, hat das eine große Debatte in deutschen Feuilletons heraufbeschworen. Der Schriftsteller Martin Mosebach rief damals sogar nach schärferen Blasphemie-Gesetzen.

Wie lässt sich das Verhältnis von Kunst und Blasphemie beschreiben?

Obszöne Literatur wurde seit dem 17. Jahrhundert immer wieder mit dem Blasphemie-Vorwurf konfrontiert, weil sie eben auch religiös obszön war. Das lässt sich verfolgen bis zu dem homoerotischen Gedicht von James Kirkup, das 1976 in der Zeitschrift Gay News erschien und sehr konkret sexuelle Handlungen mit dem toten Körper von Jesus beschrieb. Das hat damals große Empörung hervorgerufen. Ansonsten war ich überrascht, dass Blasphemie-Vorwürfe in der Kunst kaum eine große Rolle spielten. In Frankreich zu Zeiten Flauberts gab es schon keine eigentliche Blasphemie-Gesetzgebung mehr, da ging es eher um Moral. George Grosz’ 1926 entstandene Grafik von Christus mit der Gasmaske löst in der Weimarer Republik zwar einen Skandal aus, doch selbst Vertreter der Kirche haben die Zeichnung als zutiefst humanistisch gedeutet. Das sind schon wichtige Fälle, aber insgesamt waren es weit weniger, als ich erwartet hätte. Dass es zu Kunst und Blasphemie kaum systematische Untersuchungen gibt, hat seinen Grund. Das Thema ist wohl weniger bedeutsam, als wir vermuten.

Sie haben vorhin Blasphemie auch als die Herabsetzung dessen definiert, was anderen als heilig erscheint. Ist das nicht auch ein Einfallstor für Blasphemie-Vorwürfe jedweder Art?

Die Verletzung religiöser Gefühle kann durchaus von Gruppen innerhalb eines Staates auch instrumentalisiert werden. Diese Argumentation ist in der bundesrepublikanischen Gesetzgebung und Rechtsprechung noch nicht so richtig angekommen. Aber in der EU-Rechtsprechung gibt es durchaus eine Tendenz, die Verletzung heiliger Gefühle als Kriterium dingfest zu machen. Das halte ich für problematisch. Wo zieht man die Grenze? Wessen Gefühle dürfen warum verletzt werden? Wie sieht es mit den Gefühlen von Atheisten aus, deren Ablehnung eines Glaubens an Gott durchaus auch identitätsstiftend ist?

Sie unterstellen sowohl dem 2004 ermordeten Filmemacher Theo van Gogh wie auch den getöteten Satirikern von „Charlie Hebdo“ eine gezielte Provokationslust. Müssen wir uns darauf einstellen, dass vonseiten der Blasphemie wie der Blasphemie-Kritik mit Lust und Vorsatz die Schmerzpunkte der Gegenseite ausgelotet werden?

Die Unterscheidung zwischen Schmähung und Kritik ist immer geboten, nicht nur für den Juristen, aber diese Grenze ist eher idealtypisch. Schmähung und Herabsetzung haben immer auch ein kritisches Potenzial. Wenn Kritik keine schmähenden, herabsetzenden, polemischen Aspekte mehr haben dürfte, ist die Kritik keine Kritik mehr. Insofern würde ich sagen, man muss die Meinungsfreiheit und damit auch das Recht auf Blasphemie verteidigen. Umgekehrt muss man von diesem Recht nicht immer und überall Gebrauch machen. Man sollte sich gut überlegen, wann man es in diesen interkulturellen Konflikten tut und es vielleicht auch lässt.

Lässt sich diese Sakralisierung auch außerhalb des interkulturellen Konflikts beobachten?

Auch im politischen und im sozialen Raum lässt sich derzeit beobachten, wie Tatbestände oder Gefühle derart sakralisiert werden, sodass sie kaum noch hinterfragbar sind. Nehmen Sie das Beispiel der Überkorrektheit in der Sprache. Die New York Times hat gerade einen Journalisten entlassen, weil er in einer Diskussion mit Schülern das N-Wort ausgesprochen hat; allerdings in einem Kontext, der nicht herabwürdigend war. Mir leuchtet ein, aus Gründen des Respekts vor einer jahrhundertelang herabgewürdigten Gruppe diesen Begriff nicht gegen diese Gruppe oder in Anwesenheit dieser Gruppe zu benutzen. Aber wenn mittels einer Sakralisierung des Profanen solche Sprachtabus aufgebaut werden, dann kann die Blasphemie ein Indikator für sehr allgemeine Prozesse der Gegenwart sein, die über den interreligiösen und interkulturellen Bereich hinausgehen. Die Geschichte der Blasphemie stellt also die Frage, wie wir es grundsätzlich mit der Möglichkeit von Grenzüberschreitungen halten – und sie sagt uns, dass es darauf eine einfache Antwort nicht geben kann.

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06:00 21.03.2021

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