Weiterleben

Gedenken 39 Überlebende von NS-Konzentrationslagern hat Mark Mühlhaus porträtiert, als sie Gedenkstätten besuchten. Die Bilder erinnern daran, ihre Geschichten zu bewahren

Viele Überlebende von nationalsozialistischen Konzentrationslagern fragten sich in den vergangenen Jahren: "Wie sollen unsere Erinnerungen bewahrt werden, wenn wir bald nicht mehr da sind?" Auch mich als Fotograf beschäftigte diese Frage, genau wie viele jüngere Menschen, die ich zum Beispiel bei Foto-Workshops in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen anleite oder bei der Konferenz "Überlebende und ihre Kinder im Gespräch" in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme 2010 getroffen habe.

Im selben Jahr entstand mit der Historikerin Ulrike Jensen die Idee, das Projekt Generationen aufzubauen, das sowohl Begegnung als auch Dokumentation dieser Diskussionen sein kann. Vor allem wollten wir zeigen, dass es doch schon viele jüngere Menschen gibt, uns selbst eingeschlossen, die wollen, dass die Erinnerungen der Überlebenden nicht verloren gehen. Und die nicht zulassen wollen, dass sie relativiert werden oder verschwinden. Es geht darum, sagen zu können: Ja, es stimmt, viele Überlebende sterben und werden noch sterben, aber ohne dabei von ihnen wegzuschauen, können wir den Blick von ihnen heben, um zu sehen, was um sie herum geschieht.

Ulrike Jensen, die als Gedenkstättenpädagogin in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme arbeitet, erlebt dort unmittelbar die Konflikte und Auseinandersetzungen um die Frage der Generationenfolge. Sie schreibt in unserem Bildband darüber, wie Gedenkstättenarbeit und Gedenken in naher Zukunft ohne die Hauptpersonen auskommen müssen. Und sie erzählt davon, dass viele Überlebende nicht glauben, dass ihre Erinnerungen sie überleben werden.

Nicht allein

Trotzdem erfahren wir in der Begegnung immer wieder, dass die Überlebenden den Menschen der zweiten und dritten Generation Vertrauen entgegen bringen. Auch die Angehörigen tragen ja am Gewicht der Geschichte ihrer Eltern und Großeltern mit. Immer mehr von ihnen engagieren sich in den Überlebendenverbänden. Ich wollte diese Entwicklung, die ja noch am Anfang steht, mit meinen Bildern einfangen und zeigen, dass KZ-Überlebende die Orte ihres Leidens besuchen, aber dabei nicht allein sind: Sie werden von ihren Angehörigen begleitet, und sie begegnen dort jüngeren Menschen, mit denen sie reden oder schweigen, gemeinsam trauern, lachen und sich erinnern.

39 Überlebende habe ich in den zurückliegenden vier Jahren porträtiert. Manche von ihnen habe ich für einige Tage mit der Kamera begleitet, andere nur für einen kleinen Moment.

Sergio Peletta aus Italien zum Beispiel habe ich bei den Feierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg im Jahr 2010 fotografiert. So jung er wirkt, er ist doch zum Zeitpunkt der Aufnahme 85 Jahre alt. Peletta wurde als jugendlicher Widerstandskämpfer noch am 2. Februar 1945 von der Gestapo Nürnberg-Fürth in das KZ Flossenbürg eingeliefert.

Oder Maria Jaworska, deren Augen auf dem Bild so strahlen, dass ich immer glaube, ich falle direkt hinein: Sie wurde 1928 geboren und war als junge Frau in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Bergen-Belsen inhaftiert. Sie hat die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen im Jahr 2007 zur Eröffnung der neuen Hauptausstellung besucht. Damals entstand das Bild.

Jan Rychlinski, ehemaliger Häftling des KZ Mauthausen, lernte die Nachgeborene Anna Buszka bei einem Vortrag in Polen kennen. Er lud sie ein, ihn zu den Befreiungsfeiern nach Österreich zu begleiten, sie kam gern. Seine Angehörigen begleiteten ihn nicht.

Marian Hawling überlebte als KZ-Häftling im Mai 1945 den Untergang der "Cap Arcona" auf der Neustädter Bucht vor Lübeck. Am 3. Mai 2010 nahm er gemeinsam mit seinen Kindern Michelle und Mark an einer Gedenkfahrt auf der Bucht teil. In einer emotionalen Rede betonte er dort, wie wichtig es für ihn gewesen sei, diese Erfahrung gemeinsam mit seinen Kindern machen zu dürfen. Aufgezeichnet von Claudia Krieg

GENERATIONEN. KZ-Überlebende und die, die nach ihnen kommen. Mark Mühlhaus, Ulrike Jensen Bildband, Wallstein 2011.


Die Ausstellung ist bis Ende Oktober in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu sehen, im November in der Galerie Speckstraße in Hamburg.


Weitere Termine und mehr Infos auf der Website projekt-generationen.org. Mehr Arbeiten von Mark Mühlhaus findet man auf der Website attenzione-photo.com.

09:00 09.10.2011
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