Wenn zwei streiten, träum dir ein drittes

Historie Eine Verbindung aus Sozialismus und Marktwirtschaft: Das ist gar keine neue Idee. Aber eine höchst aktuelle
Wenn zwei streiten, träum dir ein drittes
Was der Markt nicht regelt, regeln die Marktteilnehmer

Foto: Benjamin Cremel/AFP/Getty Images

Markt-Sozialismus – für Viele ist das eine unmögliche Paarung, ein Widerspruch in sich: Markt und Sozialismus schließen sich doch gegenseitig aus! Denken Freunde wie Feinde des Sozialismus gleichermaßen. Für viele Liberale bedeutet Sozialismus auch das Ende von Markt, Wettbewerb und Privateigentum. Umgekehrt sind viele Linke überzeugt, dass jeder Anklang von Markt und Konkurrenz den schönsten Sozialismus gleich wieder verderben würde.

Die Scheinalternative von „entweder Markt oder Sozialismus“ hat sich in viele Köpfe fest eingepflanzt: Die Ideologen links wie rechts wollen keine Zwischenwesen, keine hybriden Formen aus beiden zulassen. Dabei sahen im 19. Jahrhundert viele Sozialisten die Wurzel aller kapitalistischen Übel nicht im Markt an sich, sondern vielmehr im ungleichen und ungerechten Austausch, der durch verzerrte und verfälschte Konkurrenzbedingungen zustande kommt. Also drehten sich auch ihre Vorstellungen von Sozialismus nicht um die Abschaffung des Markts, sondern um seine Reform, die einen gerechten Tausch und gerechte Preise beziehungsweise Löhne ermöglichen sollten. Ohne Tausch, ohne Konkurrenz, ohne Privateigentum konnten so unterschiedliche Geister wie Pierre-Joseph Proudhon oder John Stuart Mill sich einen Sozialismus nicht vorstellen.

Man sollte dazu sagen, dass im frühen Sozialismus noch ein frisch-fröhlicher Bewältigungsoptimismus herrschte: Kommt Zeit, kommt Rat, am Tage nach der Revolution werden wir schon weitersehen. Nur gelegentlich gab es Versuche, etwas genauer zu durchdenken, welche Formen ökonomischer Organisation und Reorganisation nach der Revolution notwendig sein dürften. Eine weiter gefächerte Diskussion des Themas entwickelte sich zu Ende des Ersten Weltkriegs, als in der ersten großen Sozialisierungs-, sprich Vergesellschaftungsdebatte ein Streit um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Sozialismus ohne Markt, Geld und Preise erneut entbrannte.

Damals sprach von „Marktsozialismus“ noch niemand: Vielmehr ging es darum, wie schnell und umfassend die Wirtschaft „sozialisiert“ werden sollte – und was an die Stelle von Privatunternehmen und Marktkonkurrenz treten müsste, wenn man eine Gesellschaft mit Gemeineigentum an den Produktionsmitteln schaffen wollte. Die zwei Extrempositionen wurden dabei von dem Austromarxisten Otto Neurath und Ludwig von Mises markiert, letzterer der wichtigste Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Neurath war der Auffassung, dass die Praxis der Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg zur Genüge bewiesen habe, dass eine umfassende Wirtschaftsplanung in Naturalgrößen ohne Preise und ohne Marktkonkurrenz möglich sei. Darauf reagierte von Mises 1920 in seinem Aufsatz Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen. Er bestritt nicht die Möglichkeit einer zentral geplanten Wirtschaft, wohl aber, dass eine solche Wirtschaft rational und effizient betrieben werden könne. Auch Planbehörden könnten rationale ökonomische Entscheidungen in Bezug auf die Verwendungen ökonomischer Ressourcen nur aufgrund von Informationen treffen, die allein durch Preisbildung und den Vergleich zwischen Preisgrößen zur Verfügung stünden. Ohne Märkte gebe es aber keine Preise, ohne private Kapitalisten keine entwickelten Märkte. Also sei eine rationale sozialistische Wirtschaftsordnung ohne Märkte ein Ding der Unmöglichkeit.

Zahlreiche Sozialisten wandten sich darauf sowohl gegen Neurath als auch von Mises. Karl Kautsky etwa bestand auf der Freiheit der Produzenten wie der Konsumenten, die auch im Sozialismus gewährt sein müsse, während die Austromarxisten für einen Pluralismus der Eigentums- und Unternehmensformen plädierten und eine begrenzte, regulierte Marktkonkurrenz.

Hegen, enthegen

Friedrich von Hayek, der theoretische Gottvater des heutigen Marktfundamentalismus, trieb von Mises’ Argument weiter und feilte an dem Nachweis, dass eine sozialistische Planökonomie unmöglich sei. Den Gegenbeweis traten zwei junge sozialistische Ökonomen an, Oskar Lange und Abba Lerner: In den 1930er-Jahren entwarfen sie das Modell eines „Konkurrenzsozialismus“, einer Planökonomie, in der rational über die Verwendung und Zuweisung von Ressourcen entschieden wird. Dazu braucht es nur einige Märkte, etwa für Konsumgüter, nicht aber eine vollständige Marktwirtschaft.

Seither sind zahlreiche marktsozialistische Modelle entwickelt worden, zum Beispiel immer dann, wenn von Wirtschaftsdemokratie die Rede ist. Auch in den meisten reformsozialistischen Konzepten, die während des Realsozialismus in Polen, Ungarn, der ČSSR und der Sowjetunion entwickelt wurden, spielten die Liberalisierung von Märkten und die Wiedereinführung von Arbeits- und Kapitalmärkten eine wichtige Rolle. Ab 1989/90 wird die Sozialismus-Diskussion dann wieder eine akademische.

Heute hat eine Debatte über die Verbindung von Sozialismus und Marktwirtschaft nur Sinn, wenn die Beteiligten sich sowohl der Kritik an der desaströsen Planökonomie im „real existierenden Sozialismus“ stellen als auch der Kritik an der vermeintlichen Effizienz und Rationalität von Märkten und Marktkonkurrenz. Dabei gibt es keinen guten Grund, Marktsozialismus und Wirtschaftsdemokratie rein defensiv zu präsentieren, als vorübergehend notwendige Kompromisse, die man für eine Übergangsperiode eben eingehen müsse. Kotaus vor den selbsternannten Propheten des einzig „wahren“ Sozialismus sind so unangebracht wie eh und je.

Die falsche und dogmatische Dichotomie von Markt und Plan – oder sogar Markt und Sozialismus – verdient keine Nachsicht. Austausch, Waren und Geld, Märkte gibt es seit Jahrtausenden in unterschiedlichsten Gestalten, sie spielen in den unterschiedlichsten Wirtschaftsformen eine Rolle. Nur neoklassische Ökonomen und neoliberale Ideologen glauben, Markt sei gleich Marktwirtschaft sei gleich Kapitalismus. Dabei gibt es den „reinen“ Markt an sich ebenso wenig wie die eine universelle Marktlogik; die Modelle des „reinen Markts“ oder der „vollkommenen Konkurrenz“ haben mit der realen Welt der Märkte im real existierenden Kapitalismus sehr wenig zu tun. In kapitalistischen Ökonomien wird seit jeher geplant, zugleich werden Märkte seit jeher eingehegt und reguliert (und dann wieder enthegt und dereguliert). Mehr als einmal sind kapitalistische Ökonomien, darunter so große wie die US-amerikanische, in kurzer Zeit umgebaut worden, mittels Staatseingriffen, die auch erhebliche Eingriffe in das heilige Privateigentum einschlossen. Bis hin zu Enteignung und Preiskontrollen.

Geld, Preise, Konkurrenz und Märkte abzuschaffen, um dem Kapitalismus den Garaus zu machen: Das ist vermeintlich radikal, aber bestenfalls naiv. Marktsozialistische Konzepte sind anspruchsvoller. Denn es gilt nicht nur zu begründen, welche Märkte und Marktfreiheiten beibehalten werden sollen. Sondern auch zu erklären, welche Märkte und Marktfreiheiten einzuschränken oder aufzuheben wären und zu welchem Zweck. Beides setzt eine entwickelte Kritik der kapitalistischen Ökonomie voraus. Die ist alles andere als naiv.

Michael Krätke ist Professor für Politische Ökonomie an der Lancaster University und langjähriger Autor des Freitag . Dieser Tage ist sein Buch Friedrich Engels oder: Wie ein »Cotton-Lord« den Marxismus erfand im Karl Dietz Verlag Berlin erschienen

06:00 16.03.2020

Ausgabe 13/2020

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