Wer braucht schon ein Rezept?

Pille In Deutschland ist die "Pille danach" rezeptpflichtig. Wer befürchtet schwanger zu werden, muss sich beim Frauenarzt erklären. Der Erlebnisbericht eines Mannes
Thomas Lieritz | Ausgabe 28/2013 24

Früher dachte ich, die „Pille danach“ koste ein paar Euro. Inzwischen kenne ich den wahren Preis: das Anhören einer Moralpredigt des Frauenarztes, der das Rezept verschreiben muss. Als Mann bin ich natürlich fein raus, aber ich habe immerhin für diese Erkenntnis gezahlt – mit einer unglaublichen Odyssee.

Meine Geschichte beginnt vor einigen Jahren auf einem Campingplatz in der Pampa von Mecklenburg-Vorpommern. Ich war 20, meine damalige Freundin 16. In dieser Alterskombination ist Sex auch gesetzlich erlaubt. Wahrscheinlich ist überhaupt nichts passiert, aber ganz sicher sind wir uns nicht. Und so überlegen wir mitten in der Nacht, was zu tun ist. Wir haben weder Auto noch Internet. Und wir diskutieren schon über eine Abtreibung.

Zustimmung der Eltern

Am Morgen verabschieden wir uns von unseren Freunden zu einem Tagesausflug nach Wismar, mit dem Bus. Es ist Sonntag, die Praxen der Frauenärzte sind geschlossen. Händchen haltend wandern wir in der Sommerhitze zum Krankenhaus. Dort erklärt man uns: Keine Pille ohne Zustimmung der Eltern. Schluck. Dürfen die womöglich sogar ohne Einwilligung meiner Freundin deren Eltern anrufen? Egal, wir brauchen die Pille. Doch dann heißt es auf einmal: Der Arzt verschreibt keine Pille für Minderjährige. What the fuck ...?

Wir gehen in ein Internetcafé, rufen irgendwelche Beratungs-Hotlines an. Vergeblich. Wir müssen bis zum nächsten Tag warten. Die Uhr tickt. Eigentlich hat frau drei Tage Zeit, aber jede Stunde verringert die Chance, dass die „Pille danach“ wirkt.

Am Montag bei der Frauenärztin. Meine Freundin wird aufgerufen, die Zimmertür ist noch nicht geschlossen, da hört sie schon im vorwurfsvollen Ton: „Noch nie die Pille genommen, aber jetzt die Pille danach!“ Ich sitze draußen im Wartezimmer, sie muss drinnen alles haarklein erklären. Nach wenigen Minuten hat sie das Rezept – ohne Untersuchung. Wäre das nicht einfacher gegangen?

Es geht auch ohne

Bis heute will mir nicht in den Kopf, weshalb es die „Pille danach“ in Deutschland nur mit Rezept gibt. In 90 Ländern geht es doch auch ohne. Der Bundesrat hat in der vergangenen Woche die Abschaffung der Rezeptpflicht gefordert, aber die schwarz-gelbe Bundesregierung ziert sich. In ein paar Jahren werden Politiker über die Rezeptpflicht genauso lachen können wie meine Ex-Freundin und ich mittlerweile über unser damaliges Abenteuer. Unsere Eltern und Freunde wissen bis heute nichts davon.

Hinweis: Im Teaser stand zunächst: "Wer befürchtet, schwanger zu sein, muss sich beim Frauenarzt erklären." Jetzt heißt es korrekt: "Wer befürchtet schwanger zu werden..." Die Pille danach soll die Schwangerschaft  verhindern und hat keine abtreibende Wirkung.

 

12:30 12.07.2013

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