Wie ein Gesicht im Sand

Literatur In Italien erweist sich die Pandemie als fruchtbar für philosophische Reflexionen, es geht um Vergänglichkeit und Luxus
Wie ein Gesicht im Sand
Mit Demut zu einem neuen Humanismus: einst Franz von Asssisi, heute Giorgio Agamben

Foto: Carl Simon/Getty Images

In der ersten Welle der Pandemie schien lange Zeit kein Land so hart getroffen wie Italien. Nicht nur überfüllte Krankenhäuser, einsam Sterbende, bis an die Grenzen erschöpfte Pflegekräfte, nicht allein die plötzliche Unsicherheit, ob man dem Ungemach würde entkommen können oder allezeit zu einem aseptischen Dasein verurteilt bliebe – in Italien, wo einst Heilige um das Küssen von Lepra- und Pestkranken gewetteifert hatten, trat selbst die Kirche in den Lockdown, betete ein sichtbar verstörter Papst allein auf dem Petersplatz. Und auf den Plätzen verteilten Polizisten Strafzettel, wenn sie einen nach 21 Uhr erwischten.

War Italien auf dem Weg, ebenso normal zu werden wie seine nördlichen Nachbarn? Utilitaristische Diskussionen darüber, ob Jugendliche nicht ihr Leben auskosten sollten, wenn die Alten, die sie durch Selbsteinschließung schützten, ohnehin nur noch sechs Monate zu leben hätten, gab es südlich der Alpen indes nicht. Und selbst wenn sich in der voreilig gestarteten Impfdebatte die Stimmen dafür mehrten, die Jüngeren zuerst zu impfen, ging es nicht um deren „Befreiung“, sondern um deren zahlreiche Kontakte zur Großelterngeneration. Anders als in Deutschland, wo man Katastrophen gern negiert, um ihnen nicht ins Gesicht sehen zu müssen, nahmen die Menschen ihre Angst ernst. Und weil sie dem Staat nicht viel zutrauen, begannen sie sich um sich selbst zu sorgen.

Im Juli kaufte ich ein Häuschen südlich von Rom, im Rücken die Abruzzen und damit die Wege, die um das Jahr 700 bärbeißige Mönche gegangen waren, um ein von Völkerwanderung und Gotenkriegen heimgesuchtes, von ihren alten Göttern verlassenes Land aufzubauen. Diesen Mönchen wurden allerlei Wunder zugeschrieben, ihre Lehre spielte dabei keine Rolle. Wichtig war, zu sehen, dass aus Askese, Arbeit, Solidarität ein neues Gemeinwesen hervorging. Viele Ortschaften zu Füßen meines Berges halten bis heute das Zeugnis dieser Mönche wach. Und kurz bevor es zum ersten Lockdown kam, schrieb Paolo Rumiz, der Erfinder des hiesigen Slow Journalism, ein Reisebuch zu ihren Orten (Der unendliche Faden, Folio 2020). Als Italien geschlossen wurde, verfasste Rumiz wie zahlreiche andere ein Quarantänetagebuch, eine Art Besinnungsfibel und für diese Zeitung einen Essay („Wir mutieren“, der Freitag 12/2020). Überhaupt schien es, als man im Sommer und Frühherbst wieder durch Buchhandlungen streifen konnte, als perlte unendlich viel Reflexionsliteratur aus der ins Herz der Pandemie gelegten Pipeline.

Der Umsatz des italienischen Buchmarkts beträgt ein Drittel des deutschen, bei nahezu gleicher Anzahl an jährlich erscheinenden Titeln. Tendenziell schreibt ein italienischer Autor also für (noch) weniger Leser:innen. Die Frage ist, ob die neue Besinnungsliteratur auf diesen Umstand antwortet oder ihn erst hervorbringt. Andererseits gibt es Autoren, die in hoher Taktzahl publizieren und relativ viele Leser erreichen. Zu ihnen zählt der in Venedig lehrende Philosoph und Jurist Giorgio Agamben. Der Meisterdenker hatte in den letzten Jahren sein Homo-sacer-Projekt vorangetrieben, zudem einen Blog gestartet, im März erscheinen die Beiträge in dem Band An welchem Punkt stehen wir? beim Wiener Verlag Turia + Kant.

Schon in der ersten Welle hatte Agamben sich indigniert gezeigt über die Anmaßung der Regierung, das Virus mit Notständen und immer neuen Restriktionen ziviler Freiheiten zu bekämpfen. Der Staat, so Agamben, realisiere sich über seine Biopolitik, er produziere das nackte Leben und stelle – dank der einseitigen Fokussierung auf Gesundheit als höchstes Gut – seinen Ausnahmezustand auf Dauer. In einem Land, wo ein ehemaliger Kultkoch gegen die „Corona-Diktatur“ hetzt, hätte er das vermutlich nicht gesagt. Im Herbst begann Agamben mit der Veröffentlichung kleiner Essays, die aufzeigen, was wir verloren haben, aber ebenso, was es wiederzufinden gilt: Berührung anderer als einzige Möglichkeit, uns selbst in unserer Körperlichkeit zu spüren; die Verbindung mit dem chthonischen Element, den Toten unter uns, auf denen wir leben, um uns nicht nur als Klima-Abhängige zu verstehen; das „Gesicht als Ort der Politik“ – denn unser Gesicht bezeuge unsere Ausgesetztheit ins Offene, die wir in Zugewandtheit übersetzen müssten.

Bei alledem strebt Agamben nicht zurück in eine Welt vor Corona – er deutet vielmehr die Bereitwilligkeit, mit der Menschen sich den Regeln der Pandemiebekämpfung unterwerfen, als Ausdruck schlechten Gewissens. Die bisherige Welt sei zu ungerecht und unmenschlich gewesen: „Erwarten wir weder einen neuen Gott noch einen neuen Menschen – suchen wir besser in den uns umgebenden Ruinen, nach einer demütigen, einfacheren Lebensform, denn wir haben sie doch erfahren.“

Worum es Agamben geht, ist ein neuer Humanismus, oder besser: ein Humanismus, der um seine eigene Fragilität weiß. Demut, Endlichkeit, der Mensch, der vergeht, wie ein Gesicht im Sand – das sind Leitmotive, die auch unter säkularen Italienern kursieren. Italien beschreibt sich gerne als demütige Nation. Das meint vor allem die Kulturalisierung des Alltags, das Gegebene als Aufgegebenes zu verstehen, kurzum: als etwas, das über den Menschen hinausweist („Achtsamkeit“ wäre eine individualistische Verkürzung).

„Die Welt reparieren“

Unter jüngeren Autoren ist das Verlangen nach der großen Wende spürbar. Was, wenn man jetzt aus dem Limbus herausträte – „paradoxerweise haben wir uns nie so lebendig gefühlt wie im Stillstand“, schreibt der Philosoph Leonardo Caffo. Auch Christian Raimo, Mitbegründer des innovativen Verlags minimum fax, sieht in seinem vieldiskutierten Essay Riparare il mondo (Laterza 2020) die Pandemie als möglichen Wendepunkt für die auf Selbstoptimierung und Selbstausbeutung ausgerichteten 10- bis 40-Jährigen. Italien ist das Land der ewigen Adoleszenz, in dem Greise und (meist ältere) Netzwerker regieren. Das Warten auf den festen Job hat zu einer lächerlich niedrigen Geburtenrate geführt. Und weil viele auf das Erbe ihrer Eltern hoffen dürfen, sehen sich weder Staat noch Wirtschaft in der Pflicht, die Prekarität der Jüngeren grundsätzlich zu bekämpfen. Dauerevaluation, Heuchelei, der – auch aus materiellen Motiven – unterbliebene Aufstand des prekarisierten Nachwuchses, der statt dem Klassenkampf der Selbstmedikalisierung frönt, haben laut Raimo eine Situation ohne Ausweg geschaffen, von der einzig die Suizidstatistik profitiere. Und vielleicht noch eine populistisch ausgeschlachtete „Symboldemokratie“. „Die Welt reparieren“ bedeute zunächst, sich als solidarischen Generationszusammenhang neu zu erfinden. Ob aber der große Verzicht oder gar eine potlatschartige Vernichtung der ökonomischen Ressourcen die Zukunft befreit, ist anderen fraglich. Der ehemalige Textilunternehmer Edoardo Nesi, der vor wenigen Jahren den „Premio Strega“, das Äquivalent zum Deutschen Buchpreis, gewann, sieht Italien im Lockdown auf dem Weg in die Economia sentimentale. Fragile Lieferketten, vor allem die im Lockdown erfolgte Absage an das „Nichtwesentliche“ – von spezialisierten Arbeitern in Familienunternehmen hergestellte hochwertige Kleidung etwa – ließen nur den Rückzug in die Nische der Luxusproduktion zu. Gerade dort also, wo Menschen in Würde arbeiten, ist Selbstreferenzialität die neue Mode.

Sentimental ist Italien auch im Glauben an die Wiederbelebung der kleinen Städte und der „borghi“ auf den Hügeln. Urbanisten und Kunstkritiker widmen sich ihr in den großen Zeitungen. Wo ich wohne, erwartet man keine bärtigen Mönche, sondern Start-up-Unternehmer aus Rom oder Neapel. Es gibt hier Breitband-Internet. Ein neuer Anfang? Thomas Steinfeld, langjähriger Italien-Korrespondent der SZ, schreibt mir in einer Mail, das Gefälle von Macht und Reichtum werde sich weiter verschieben, zu Ungunsten des Südens. Eventuell würden die kleineren Städte wieder wichtig, aber nicht aus sich heraus, sondern weil die Metropolen weiter an Bedeutung verlören. Italien als europäisches Labor sollte man trotzdem nicht abschreiben.

Ulrich van Loyen lebt in Fumone bei Rom und lehrt Medientheorie an der Universität Siegen. Der Pate und sein Schatten. Mafia als Literatur erscheint im Frühjahr bei Matthes & Seitz

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06:00 16.02.2021

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