„Wie geht’s dir?“

Die Kosmopolitin Unsere Kolumnistin hat es nicht so mit Höflichkeitsfloskeln
„Wie geht’s dir?“
Smalltalk, denn zwischen Bar und Toilette bleibt immer Zeit für'n Gespräch und Platz für Komplimente (Blumentopf)

Foto: Westend61/Imago

Es ist die deutscheste aller deutschen Fragen: „Wie geht’s dir?“ Oder es ist die standardisierte Antwort, die ihr diese Zuschreibung verleiht: deutsch. Dieses Gefühl, man müsste darauf eine Antwort geben. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, über diesen Dialog, den ich, wie alle, täglich mehrmals führe: „Wie geht es dir?“ „Danke, gut.“ Und weil man höflich ist, fügt man noch hinzu: „Und selbst?“

Nichts davon ist gemeint, aber man fühlt, ein Gespräch geführt zu haben. Meine Mutter steigt in das Auto ein, in dem bereits meine Freundin sitzt, die sich in ihrer charmant-vereinnahmenden Art sofort der neuen Mitfahrerin zuwendet, wie ich es vielleicht zu selten tue: „Wie geht es dir?“ Ich möchte abschalten und nicht zuhören, das hat weder mit meiner Mutter noch mit meiner Freundin zu tun. Das ist der Tatsache geschuldet, dass wir zu einer Veranstaltung fahren, die ich gleich moderieren muss und für die ich zwecks Vorbereitung noch einmal die Fragen durchgehe. Meinem Hirn sage ich, es soll sich auf die Fragen konzentrieren und das höfliche Geplänkel, das auf den Vordersitzen stattfindet, ignorieren: Wie geht es dir, danke, gut, und selbst? Mein Hirn aber ist selbstständig und schreckt auf, als etwas Unvorhergesehenes geschieht: Da ist kein Dankeschön, und die Dinge sind auch nicht gut.

„Was soll man darauf antworten?“, fragt meine Mutter, und von hinten sehe ich, wie meine Freundin den Blick schnurstracks von der Straße abwendet und zu meiner Mutter, die ihr erklärt, wie sehr sie diese – auf Deutsch gestellte – Frage verachtet. Mit einer Freundin habe sie vereinbart, niemals Gespräche zu führen, die sie „Wie geht’s dir?“-Gespräche nennen. Diese obligatorische Frage, der wie ein Hund an der Leine eine obligatorische Antwort folgt, die alles überdeckt, was einem eigentlich wichtig erscheint: die Sorgen, die Ängste, die heimlichen Freuden, die vagen Hoffnungen, die schlaflose Nächte durchziehenden Gedanken. Stille im Auto, diese Stille, in der man das Nachdenken hört.

„Das stimmt“, sagt meine Freundin in diese Stille, die ich so schlecht ertrage, hinein. Mein Hirn will sich nicht auf die Vorbereitung der Moderation konzentrieren, sondern hört zu, während sich die beiden plötzlich über Einsamkeit, tiefe Freundschaften und alles andere unterhalten, was ein „Danke, gut“ sonst versteckt. Ich sage nichts, höre aber zu, und was ich fühle, kann ich nicht in Worte fassen. Es ist, als machten sich Fenster auf, ganz weit, als würde der Luftzug nach Wahrheit riechen.

Die Fragen, die ich nicht noch einmal durchgegangen bin, wollte ich einer Journalistin stellen, die aus Uganda stammt, aber es hat nichts mit mangelnder Vorbereitung zu tun, dass ich von ihr wissen möchte, was man denn in Uganda so antworten würde auf diese Frage: „Wie geht’s dir?“ Die einfachste oder gebräuchlichste aller Kommunikationen.

Man würde alles erzählen, beantwortet die Journalistin meine Frage, und als ich nachhake: „Wirklich alles?“, ist es ein Satzschwall, der mir und dem Publikum entgegenschwirrt: die Sorgen, Gedanken, Ängste, Freude, Momente und Glück, das eigene und das der Familie, und ganz viel Gefühl. Ich blicke weder meine Mutter noch meine Freundin an, während ich der Antwort lausche – lausche, nicht zuhöre – und denke, dass ich vielleicht auch keine „Wie geht’s dir?“-Freundschaften führen möchte. „Die Deutschen sagen nur: ‚Danke, gut‘“, so hat die Befragte ihre Antwort beendet.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin für den Freitag. Zuletzt erschien von ihr der Roman Mehr Schwarz als Lila

06:00 26.05.2018

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