Wir brauchen mehr Großstadtfrohsinn!

Sachlich richtig Erhard Schütz liest über Christian Kracht, die Judenbuche, Rumänien und Wilhelm Speyer. Enzensberger schreibt über alle
Wir brauchen mehr Großstadtfrohsinn!
Wilhelm Speyer beförderte auf seine intelligent unterhaltsame, fröhlich subversive Art den „demokratischen Großstadtfrohsinn“

Foto: Westend61/Imago

Angesichts immenser Produktion zu Christian Kracht gibt es ein betriebsintern unschlagbares Argument für diesen Band: Er ist im Rahmen der ersten Drittmittelfinanzierung zur Kracht-Forschung entstanden. Hinsichtlich massierten Hirnschmalzes wird er erst mal kaum zu überbieten sein. So gut wie alles kommt drin vor, was die Krachtologie bewegt. Seit Faserland Eingang in die Lehrpläne gefunden hat, nicht ohne Widerstand gegen „Exkrementphantasien“ und „fehlende Sinnmitte“, blüht das Sekundärgewerbe. Postkolonial und intertextuell: Mein Gott, was alles außer Gott wird da als angespielt aufnotiert! Originell ist die Entdeckung einer „schamanischen Poetologie“. Einiges sticht aus den Vollwichtigkeiten hervor: Ein Stück zum Feuilleton-Kontext des Fortsetzungsabdrucks von Ich werde hier sein… 2008 in der FAZ. Eine Revision des überaffirmativen Berichts aus Nordkorea. Oder die Analyse Kracht zugeschriebener, anonymer Tempo-Texte.

In meiner Jugend war Wilhelm Speyers Kampf der Tertia (1927) recht bekannt. Sein im Exil geschriebener, bedeutendster Roman, Das Glück der Andernachs (1947), die Integrations- und Ausstoßungs-Geschichte seiner jüdischen Familie, schon nicht mehr. Kurz vor seinem Tod 1952 konstatierte er: „Totalflop“. Auch sein sonstiges Werk war verschwunden. Allein während der Weimarer Republik ca. 20 Komödien und Romane – allermeist sehr erfolgreich. Quirlige Mondänität und hohes Stilbewußtsein waren kalkuliert – als „Programm zur Veredelung der Welt“. Das zeigt Sophia Ebert in ihrer Dissertation zu Speyer und Walter Benjamin. Der hatte als „Berater“ für ihn fungiert Wohl mehr als das, denn er wurde fürstlich entlohnt. Ebert geht der Beziehung so akribisch nach, wie nur irgend geht, doch geht nicht gar so viel. Doch stärkt das gegen die Tendenz zur hagiographischen Esoterisierung oder gar Spintisierung die Erinnerung an einen Benjamin mit solidem Hang zum Populären. Und es bringt Speyer wieder ins Blickfeld, der auf intelligent unterhaltsame, fröhlich subversive Art den „demokratischen Großstadtfrohsinn“ beförderte – wovon wir gar nicht genug haben können!

Unlängst hat man über nicht mehr lesende Jungmenschen lamentiert – und die Schullektüre von Drostes hochgestriger Judenbuche verantwortlich gemacht. Nun ja, derjenige würde kein Buch lesen, das sich nur mit eben der Judenbuche resp. mit der ungeheuren Zahl an Interpretationen auseinandersetzt, die sich seit dem 19. Jahrhundert darüber her gemacht haben. Ulrich Gaier und Sabine Gross entfalten minutiös, wie hier so gut wie alles ungewiss, unentscheidbar ist. Das schien nicht immer so. Gut katholisch gab es fromme Endmoralien, hierarchialisch vertraute man dem Gutsherrn, wurde die Buche zum „Sitz der Seele“. Nicht minder exzentrisch sind jüngere Lesarten, die in Friedrich Mergel einen Juden oder Inzest am Werke sehen. Das Spannende ist, wie höchst fachlich, aber sehr gut lesbar, Schritt für Schritt so argumentiert wird, dass es ein detektivisches Vergnügen ist. Wenn eine „zuverlässige Unzuverlässigkeit“ konstatiert wird, ist die Lektüre jedenfalls das Zuverlässigste, was man bekommen kann.

Rumänien, liest David Wagner, „sei Romanien, das Land, das nur in Romanen existiere, ..., in dem alles zum Roman werde.“ Das steht in einem Tagebuch, das er 2002 in Bukarest führte. Für den Rumänien-Schwerpunkt der Buchmesse kam das zu spät. Wagner-Fans ist das gleich, solange es nur von ihm ist. Für Rumänien-Interessierte hat das den Reiz einer eigentümlichen Mischung aus inzwischen Vergangenem und weiterhin Vorhandenem. Bestechend die vielen kleinen Beobachtungen und Selbstbeobachtungen eines Fremden in einer Nichtganzfremde: „Immer finde ich jemanden, der sich um mich kümmert.“ Hier wird das Tagebuch geradezu zeitlos eindrucksvoll, wenn es eine Intellektuellenszene schildert, die unter widrigsten Umständen auskommt, ohne irgend zu resignieren.

Einige Autoren werden im Alter verbal wie publikatorisch inkontinent, andere obstipativ. Hans Magnus Enzensberger ist hier ein Chamäleon. Nun hat er sich – eher inkontinent – gleich 99 Kollegen vorgenommen. Doch was hätte er tun sollen, um als 100. dabei sein zu können? Die „Überlebenskünstler“ rangieren von 1859 (Hamsun) bis 1936 (Kadare), von Andersch bis Wodehouse. Frauen gibt‘s nur zehn. („Bitte wenden Sie sich an das Patriarchat.“). Das ist vignettenhaft kurz, nicht immer deutlich von Wikipedia entfernt und nicht selten von Fehlern oder Begradigungen durchzogen. Macht nichts: Es funkeln immer wieder Diamanten (oder zumindest Svarovskys). Was er eher dilatorisch behandelt, ist auch so. Dass der morsche Knochenzitterer Hans Baumann dabei ist, ist, wenn nicht eine späte Spitze gegen die Bachmann, zumindest apart. Vielleicht hat der junge Enzensberger zu Weihnachten zu oft Hohe Nacht der klaren Sterne schluchzen dürfen?

Info

Christian Kracht revisited. Irritation und Rezeption Matthias N. Lorenz, Christine Riniker (Hrsg.) Frank & Timme 2018, 68 €

Walter Benjamin und Wilhelm Speyer. Freundschaft und Zusammenarbeit Sophia Ebert Aisthesis 2018, 34,80 €

Herausforderung der Literaturwissenschaft: Droste-Hülshoffs ‚Judenbuche‘ Ulrich Gaier u. Sabine Gross J. B. Metzler 2018, 49,90 €

Romania David Wagner Verbrecher Verlag 2018, 14 €

99 Überlebenskünstler. Literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert Hans Magnus Enzensberger Suhrkamp 2018, 124 €

06:00 08.07.2018

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