Wir können nichts, auch nicht Hochdeutsch

Sachlich richtig Professor Schütz kommt vom Eidgenössischen zum Zeitgenössischen und wünscht sich eine neue Buchreihe
Wir können nichts, auch nicht Hochdeutsch
Apoll und Daphne festgehalten von Lorenzo Bernini als Marmorskulptur (1598-1560)

Foto: Imago Images/Leemage

In einer frühen Kolumne, der noch Hunderte folgen sollten, schrieb Peter Bichsel 1966: „Sachbücher sind die Bücher der Fachleute, belletristische die der Laien.“ Hier nun, von Beat Mazenauer aufgespürt, seine frühen Texte für Zeitungen, um die man ihn bat, seit er mit seinem Milchmann-Band 1964 jäh Bekanntheit erlangte. Es sind das alles Texte eines Menschenbeobachters und Lesers, heimischen wie weltoffenen, eines Fachmanns für sachkundige und belletristische Miniaturen zugleich. Profilaie in Zeitgenossenschaft. Durchaus eidgenössisch. Wenn er in der wenig friedfertigen Auseinandersetzung um die Autonomiebestrebungen des Jura sich mäßigend äußert. Zeitgleich zum Vietnamkrieg, ruhig, aber entschieden. Wie er Steinbecks blinden Eifer für die US-Intervention zerlegt! Oder solches: „Hans Albers war wohl der faszinierendste der absolut untalentierten Schauspieler. Ein Schmierentragöde erster Klasse.“ So kommt er zu Kiesinger und Ufa-Filmen im Fernsehen. Auch diese Weisheit kommt von ihm: „Literatur muß lesenswert sein.“ Seine ist es. Und so sachdienlich wie nur irgend.

„Bücherlesen empfinde ich als Leistung. Ich kann mich dabei nicht entspannen, es ermüdet mich, was darauf schließen läßt, daß es eine Arbeit ist“, hat Bichsel geschrieben. Der schreibende Bücherleser ist Doppelarbeiter. Und aller Ehren wert, wenn er seinen Lesern Mühen macht, die verlohnen. Ovids Metamorphosen sind eine abendländische Kulturikone. So große Wirkungen sie gehabt haben, sagt der Latinist Burkhard Müller, so fremd sind sie uns heute in ihrer ursprünglichen Gestalt, selbst jenen mit Großem Latinum, ja, noch in Übersetzungen. Sein Exempel: Apoll, vom verspotteten Amor per Pfeil zu glühender Liebesbrunst geimpft, jagt Daphne, der Amor höchsten Widerwillen eingeschossen hat. Am Ende bleibt ihr zur Rettung nur, wie oft bei Ovid, die Verbaumung. Sie wird zum Lorbeer, von dem Apoll sich ein Kränzchen pflückt, für sein Haupt – und ausgerechnet das des Augustus, der ihn ans Schwarze Meer verbannt hat. Müller entfaltet das in dichter Nacherzählung. Ein Musterstück der Auslegekunst, in dem philologisches Wissen sich subtil mit kulturgeschichtlichen Kenntnissen und lebensweltlicher Erfahrung verknüpft. Folgt ein Kapitel zu Leistungen und Mängeln von Übersetzungen, sowie eins zu ausgewählten Bildern der Kunstgeschichte. Das alles wirkt auf den ersten Blick fernst von dem, was uns umtreibt. Doch gerade in seiner völligen Freiheit von Stammesjargon und Fachzaubersprüchen, ganz ohne aktualistische Mätzchen und lockere Eselsbrücken macht es vertraut mit gewordener Fremdheit, ist ein mehrfach gespiegelter Kommentar zum Verhältnis von Kunst und Macht, der sich dem Aktualiendruck verweigert, doch zu tieferem Verständnis auch der Gegenwart führt.

Schön wäre ein geistes- und kulturwissenschaftliches Pendant zur wunderbaren Naturkunden-Reihe. Keine Katechismen für Vor- und Nachbeter, sondern Breviere für die Diaspora der Neugierigen und Aufgeschlossenen. Müllers Büchlein könnte da hineingehören. Und dies hier: Zwar bin ich befangen, da es von einem langjährigen Kollegen stammt, aber es ist nun einmal eine gediegene Werbung fürs Fach. Das liegt nicht zuerst am Gegenstand. Felix Dahns Historienschinken Ein Kampf um Rom (1890 – 95) ist zwar der erfolgreichste deutsche Longseller, aber gründlich vergessen, selbst wenn dtv ihn noch vorrätig hat. Vergessen wie die Biografie und das sonstige Werk eines der bekanntesten Rechtshistoriker und -philosophen seiner Zeit, gleichzeitig Autor eines massiven literarischen Werks. Ernst Osterkamp liest aus all dem die Psychostruktur der Epoche heraus – Kippfiguren von Heroismus mit weichem Kern, aggressivem Inferioritätsgefühl, triumphaler Mediokrität und Weltgeltungssucht mit Lust am Untergang. Ich kann hier nur entschieden behaupten, dass es sich um ein Glanzstück souveräner und raffinierter Sezier- und Auslegekunst handelt, zugleich um ein Florilegium pointierter Bemerkungen und luzider Einsichten. Wer’s mir plausibel widerlegt, dem zahle ich die Gestehungskosten.

Irgendwer hat ihn als Meister der Kürzestkolumne bezeichnet. Diesen Texten von Björn Kuhligk wird man Kürze nicht absprechen wollen, selbst wenn einige über fünf Seiten gehen, etwa auf Spuren Fontanes. Bemerkenswert ist das in Beobachtung und pointiertem Fürsichselbstsprechenlassen. Ein Mosaik aus spitzen Steinchen des alltäglichen Ausnahmezustands. Ein Bild der Stadt, so stachelig, so nervig wie, aber viel pfiffiger als diese. Wenn er zum Beispiel einem badischen Landeskind hinterherruft: „Wir können nichts, auch nicht Hochdeutsch.“ Aber: „Wir haben Oberförster wie Diepgen und Landowsky überstanden, wir haben hier einen Flughafen, der gebaut wurde, um zu verrotten. Wir haben drei Jahre nach einer Wohnung gesucht. Fahre also weiter, junger Mann, du wirst verlieren.“ Oder die protokollierte Weisheit eines Taxifahrers über Opern: „Solange die noch singen, is die Oper nich vorbei, dit gilt ooch fürs Leben, so einfach ist dit!“ Solange Björn Kuhligk Berlin belauscht, lebt es noch.

Auch der Esel hat eine Seele. Frühe Texte und Kolumnen 1963 – 1971 Peter Bichsel Suhrkamp 2020, 351 S., 18 €

Apoll und Daphne. Geschichte einer Verwandlung Burkhard Müller zu Klampen 2020, 88 S., 14 €

Felix Dahn oder Der Professor als Held Ernst Osterkamp Carl Friedrich von Siemens Stiftung 2019, 140 S.

Kurzstrecke. Neue Berliner Szenen Björn Kuhligk Quintus 2020, 160 S., 14 €

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06:00 26.09.2020

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