Wir sind politisch

Afghanistan RAWA-Aktivistin Shalah Asad* über Fundamentalismus, Stigmatisierung sowie Bedingungen und Perspektiven für politische Arbeit in Afghanistan

FREITAG: Es gibt mehrere Frauenorganisationen in Afghanistan und Pakistan. Was ist das Besondere der Arbeit von RAWA?
SHALAH ASAD: RAWA ist politischer als andere Organisationen. Meiner Meinung nach ist RAWA die einzige soziale und politische Organisation afghanischer Frauen, die unabhängig arbeitet. Bei uns steht der anti-fundamentalistische Kampf deutlich im Vordergrund.

Identifiziert RAWA ihre Arbeit mit dem Begriff "feministisch"?
Ja. Mit unserer feministischen Arbeit in Afghanistan machen wir keine Arbeit gegen Männer. Wir wollen aber von Männern getrennt arbeiten, um frei von männlicher Vorherrschaft zu sein und unabhängig zu arbeiten. Wir kämpfen für gleiche Rechte von Männern und Frauen.

RAWA wird auf vielfältige Weise stigmatisiert, man sagt, ihr wäret Maoistinnen, mal geltet ihr als Agentinnen des pakistanischen Geheimdienstes ISI (Inter Services Intelligence).
Wir sind politisch aktiv. Das bringt allerlei Probleme mit sich. Insbesondere von fundamentalistischer Seite. Eine lange Zeit hörten wir RAWA sei eine Gruppe von Prostituierten, weil wir auf der Straße demonstrieren. Wir wollen Demokratie, Frieden und Säkularismus. Vor allem unsere Forderung nach Säkularismus wird in Europa verwechselt mit einem Kampf gegen Religion. Das ist nicht der Fall. Außerdem heißt es, wir hätten Verbindungen zur pakistanischen Regierung. Dabei haben wir eine Menge Sicherheitsprobleme in Pakistan. Die pakistanische Regierung ist eine fundamentalistische Regierung. Wir können nicht offen agieren. Wir demonstrieren zwar in Pakistan. Aber die pakistanische Polizei greift uns an, schlägt Frauen und verhaftet sie. Dann wird uns noch vorgeworfen, wir bekämen Unterstützung aus den USA. Dabei haben wir immer kritisiert, dass die USA fundamentalistische Gruppen unterstützen. Weil wir für Demokratie kämpfen, für gleiche Rechte, wir nennen uns selbst revolutionär. Wir sind eine linke Organisation. Daher kommt der Maoismus-Vorwurf.

Ist Dir dieser Vorwurf hier auch in der BRD begegnet?
Nicht direkt. Indirekt habe ich gehört, dass es Stimmen innerhalb der Grünen Partei gibt, die dies sagen.

Wie haben wir uns die Bedingungen der Arbeit von RAWA in Pakistan und Afghanistan vorzustellen?
Wir arbeiten im Untergrund. Wir können den Namen von RAWA in Afghanistan nicht benutzen. Andere Organisationen wie Afghan women council oder Shuada, die legal in Afghanistan arbeiten, benutzen ihre Namen für ihre Arbeit.

Shuada ist in Pakistan eine offiziell anerkannte Non-Governmental Organisation (NGO). Will Rawa in Pakistan als NGO registriert werden?
Ja, wir haben mehrfach versucht, offiziell als NGO anerkannt zu werden. Es würde uns eine Menge neuer Möglichkeiten für unsere Arbeit eröffnen. Doch jedesmal, wenn wir versucht haben, mit der pakistanischen Regierung deshalb Kontakt aufzunehmen, wurde uns mitgeteilt: nein, ihr seid politisch aktiv. Wir haben dann argumentiert: Was ist mit all den fundamentalistischen Gruppen, die in Pakistan arbeiten? Das sind auch alles politisch aktive Gruppen, nicht soziale, und die haben eine offizielle Anerkennung.

Bedeutet die Verweigerung einer NGO-Anerkennung eine Illegalisierung der Arbeit von RAWA in Pakistan?
Mehr oder weniger. Beispielsweise organisieren wir regelmäßig Demonstrationen. Wenn wir dafür offiziell eine Erlaubnis einholen, dann bekommen wir natürlich keine. Also müssen wir das anders organisieren, das müssen wir dann geheim erledigen (lacht); was sollen wir sonst machen? Oder man verbietet uns eine Demonstration in Islamabad, weil sie sich sicher waren, dass wir die Straßen blockieren. Dann gehen wir eben in Peshawar auf die Straße, wenn es dort geht.

Ändert sich irgendetwas aufgrund der aktuellen politischen Situation?
Nein, überhaupt nicht! Denn wir denken, der größte, der gefährlichste Feind für die Menschen in Afghanistan und besonders für uns Frauen sind islamisch fundamentalistische Gruppen. Da macht es keinen Unterschied, ob die Nordallianz heißen oder Taleban.

Sieht RAWA irgendwelche positiven politischen Ansatzpunkte in der aktuellen Situation durch die Interimsregierung?
Nein, überhaupt keine. Die jetzige Regierung genügt nicht. Ja, es gibt jetzt zwei Ministerinnen, aber keine mit einem expliziten Standpunkt gegen Fundamentalismus.
Das Gespräch führten Ariane Brenssell und Christiane Leidinger

* Name geändert

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00:00 25.01.2002

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