„Wir wuchsen isoliert auf“

Interview In Marion Krafts Kindheit war Rassismus der Alltag. Inzwischen feiert sie den Black History Month

Seit 1990 wird in vielen deutschen Städten der Black History Month gefeiert, um afrodeutsche Geschichte und Gegenwart zu würdigen. Marion Kraft war von Anfang an dabei. Mit der afrodeutschen Journalistin Bebero Lehmann spricht sie über Gemeinsames und Trennendes.

Bebero Lehmann: In den USA wird seit Mitte der 1970er Jahre alljährlich im Februar landesweit der Black History Month gefeiert. Warum war es euch wichtig, diesen Monat auch in Deutschland zu feiern?

Marion Kraft: Das war wichtig, um deutlich zu machen, dass Schwarz*sein und Deutschsein kein Widerspruch ist und Schwarze Menschen in Deutschland eine sehr lange Geschichte haben, die sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Für mich persönlich war das außerdem ein wichtiges Erlebnis, weil ich zu einer Generation Schwarzer Menschen in Deutschland gehöre, die weitgehend in Isolation aufgewachsen ist. Erst in den 1980er Jahre begannen wir uns zu organisieren und zu politisieren. 1986 erschien das bahnbrechende Buch „Farbe bekennen“, wir gründeten die „Initiative Schwarzer Menschen“ in Deutschland, es entstand eine afro-deutsche Bewegung und eine neue Community, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hatte. Dem ersten Black History Month ging also einiges voraus. Doch erst dort in Hamburg, wo ich auf so viele Menschen traf, die in vielerlei Hinsicht ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie ich, wurde mir so richtig klar: „Wow, wir sind nicht allein. Wir haben eine Geschichte, wir sind eine Community und wir können was tun.“

Seither gibt es auch eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten und Publikationen zu afrodeutscher Geschichte. Ein selbstverständlicher Teil der deutschen Geschichte ist das aber noch nicht. Auch heute kann man an vielen deutschen Unis Geschichte studieren, ohne sich mit afrodeutscher Geschichte auseinanderzusetzen. Dementsprechend spielt das dann auch im Schulunterricht keine Rolle.

Ja, diese Dinge halten nur schleppend Einzug in unser Bildungssystem. Dabei wäre es gerade in der heutigen Zeit des erstarkenden Rechtspopulismus für alle Kinder wichtig, zu lernen, dass unsere Gesellschaft schon immer vielfältig war und die vermeintlich „Anderen“, die „Fremden“, nur konstruiert sind. Der Black History Month ist für mich deshalb eine wichtige Gelegenheit, sowohl um uns selbst zu empowern, als auch um wichtige Bildungsarbeit zu leisten.

Auch ich habe in der Schule nichts über afrodeutsche Geschichte gelernt und mich erst später mit meiner afrodeutschen Identität auseinandergesetzt. Mein Vater starb sehr früh bei einem Unfall, viel Kontakt zur Familie im Tschad gab es nicht. Trotzdem war für mich in den 1990er Jahren vieles einfacher, weil ihr vorher dafür gekämpft habt. Ich wage kaum, dich zu fragen, wie es gewesen ist, im Nachkriegsdeutschland aufzuwachsen.

Es war nicht einfach. Ich wurde 1946 in Gelsenkirchen geboren und bin in Mannheim aufgewachsen. Mannheim war die größte US-Garnisonsstadt nach dem Krieg. Da gab es eben auch viel Beziehung zwischen amerikanischen, auch afroamerikanischen Soldaten und deutschen Frauen. In der Folge kamen viele Kinder zur Welt und eins davon war ich. Was wir damals erleben mussten, war die absolute Stigmatisierung. Beschimpfungen waren an der Tagesordnung, auf der Straße und auch in der Schule. Die Lehrer waren ja alle noch in der Nazi-Zeit ausgebildet worden. Außerdem gab es in den 1950er und 1960er Jahren eine Reihe soziologischer Studien, die noch von den Rassentheorien des Faschismus geprägt waren und die uns Kinder als „gemeinschaftsschädlich“ betrachteten. In der Folge wurden tatsächlich viele Mütter von deutschen Behörden überzeugt, ihre Kinder zur Adoption durch afroamerikanische Familien freizugeben. Ich hatte das Glück, dass meine weiße deutsche Großmutter mich als Kind sehr bestärkt und beschützt hat. Sie war durch und durch Antifaschistin, hatte sich am Widerstand gegen die Nationalsozialisten beteiligt. Bei ihr wuchs ich auf, weil meine Eltern beide sehr früh tödlich verunglückt waren. Dennoch hatte ich eine behütete Kindheit.

Zur Person

Marion Kraft, geboren 1946, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, Autorin, Dozentin und Übersetzerin. Zuletzt erschien 2018 ihr Buch Empowering Encounters with Audre Lorde im Unrast Verlag

Anfang der 1970er Jahren gingst du zum Studieren nach Frankfurt am Main. Dort hatte wenige Jahre zuvor Angela Davis studiert. Spielte das für deine Studienortwahl eine Rolle?

Angela Davis war schon eine Art Vorbild für mich. Andererseits war das für mich als Schwarze deutsche Frau an deutschen Universitäten damals schon Pionierarbeit. Ich war bis auf ganz wenige Ausnahmen in meinen Seminaren oder Vorlesungen immer die einzige Schwarze Frau. Und auch der Sprachgebrauch war damals noch ein anderer. In einem Seminar über amerikanische Literatur zum Beispiel, in dem wir sogar über James Baldwin sprachen, war plötzlich von der „N-Literatur“ die Rede. Damals habe ich versucht zu protestieren. Daraufhin wurde mir vom Professor der Mund verboten.

Gab es denn wenigstens Rückhalt von deinen Kommilitonen? Immerhin war doch der afroamerikanische Befreiungskampf ein zentrales Thema für die Studentenbewegung.

Das schon, doch viele verstanden nicht, warum das schlimm war, was der Professor da sagte – und auf die Frage nach Rassismus in Deutschland selber sind die allerwenigsten gekommen. Es gab kein Bewusstsein darüber, wie Rassismus insbesondere Schwarze Menschen in Deutschland trifft oder dass es die überhaupt gibt, sowohl in West- als auch in Ostdeutschland.

In der Frauenbewegung gab es dieses Bewusstsein auch nicht. Es wurde viel erkämpft, Rassismus gab es in feministischen Kreisen dennoch. Erst mit der afrodeutschen Frauenbewegung haben sich du und andere Frauen dem entgegengestellt.

Dafür war die Begegnung mit Audre Lorde ganz entscheidend. Ich erinnere mich noch genau, wie ich sie 1986 in Berlin besuchte, um ein Interview mit ihr zu machen. Darin sagte sie: „Schwarzer Feminismus ist nicht weißer Feminismus im Schwarzen Gesicht“ und „Schwarze und weiße Frauen teilen viele Erfahrungen, aber es gibt auch viele Erfahrungen, die sie nicht teilen.“

Persönlich war es für mich von vorneherein eine Begegnung in herzlicher und warmer Atmosphäre. Das war der Beginn unserer Freundschaft. Sie hat mich zu vielem angeregt. Das war eine ihrer ganz großen Stärken. Kaum dass sie bei ihrem ersten Aufenthalt in Deutschland ein paar afrodeutsche Frauen kennengelernt hatte, sagte sie zum Beispiel: Ihr müsst unbedingt eure Geschichte aufschreiben. In der Folge entstand Farbe bekennen, das bahnbrechende Werk der afrodeutschen Frauenbewegung, das schlussendlich die Aufarbeitung afrodeutscher Geschichte angestoßen hat, lange bevor es an deutschen Unis die Lehrveranstaltungen dazu gab.

Inwiefern siehst du den Rassismus innerhalb feministischer Kreise heute als überwunden?

Wir müssen Feminismus im 21. Jahrhundert neu definieren, auch unter dem Aspekt des Rassismus, den es auch in feministischen Kreisen gibt. Kürzlich wurde ich von einer jungen, linken, feministischen Initiative zum Thema 1968 eingeladen. Aber nicht als Expertin, nicht als Wissenschaftlerin, nicht als Aktivistin, sondern als Schwarze Frau. So hieß es in der Anfrage an meinen Verlag: „Uns ist aufgefallen, dass uns noch Schwarze Frauen fehlen.“

Außerdem habt ihr bereits in den 1980ern kritisiert, dass Feminismus und Rassismus historisch gesehen immer wieder gegeneinander ausgespielt worden sind.

Das passiert heute noch. Beispiele dafür sind die Reaktionen auf die Kölner Silvesternacht oder die Hetzjagden auf geflüchtete Menschen in Chemnitz letztes Jahr, wo von rechter Seite argumentiert wurde, dass der Ermordete seine Freundin vor einem Geflüchteten beschützen wollte. Ich finde das ungeheuerlich, weil hier wieder ein Bild von nicht-weißen Männern gezeichnet wird, die übersexualisiert sind. Das ist das alte rassistische Argumentationsmuster. Aus der Kolonialzeit kennen wir die gleichen übersexualisierten Darstellungen, im Nationalsozialismus gab es die aggressive Schmähkampagne gegen die Kinder Schwarzer Besatzungssoldaten und weißer Deutscher Frauen im Rheinland, die in Verfolgung und Zwangssterilisation dieser Kinder gipfelte.

Rassismus scheint in Deutschland wieder salonfähiger.

Wir haben den Fehler gemacht, in den 1990ern zu sagen: Ich werde nicht mehr jeden Tag gefragt, warum ich so gut Deutsch spreche, da kann man es sich auch mal gemütlich machen, wenn es nicht mehr ganz so schlimm ist.

Info

*Um das Wort „schwarz“ nicht als Eigenschaft, sondern als konstruierte Zuschreibung zu charakterisieren, wird es im Text großgeschrieben. Die Historikerin und Journalistin hat in Köln den 1. Black History Month initiiert.

Das Gespräch führte Bebero Lehmann. Die Historikerin und Journalistin hat in Köln den 1. Black History Month initiiert.

06:00 28.02.2019
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