Wut, Wahn, Witz

Buchmesse Am 17. Oktober wird der Deutsche Buchpreis 2016 vergeben. Hans Hütt stellt die sechs Kandidaten vor
der Freitag | Ausgabe 41/2016

Fremde Seele, dunkler Wald

Die österreichische Literatur kennt Sportmärchen, Elfriede Jelinek, Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard. Karl Kraus hat vor 100 Jahren den Weg freigeräumt, für Robert Musil, aber auch für einen so konventionellen wie fantastischen Autor wie Alexander Lernet-Holenia. Im Kontrast zu dieser Überlieferung literarischer Brüche, rigoroser Abkehr oder des so geliebten Holzhackens wirkt das Werk Reinhard Kaiser-Mühleckers wie ein geschlossener Schlusssprung zurück in eine ländliche Welt, über die der Autor infolge seiner Ausbildung – er studierte Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung – auch ganz anders schreiben könnte. Man könnte denken, dass dieser Raum als Heimatidylle nach dem Kälberstrickwerk Josef Winklers abgebrannt sei. Hier aber feiert sie Wiederkehr, als sei nichts gewesen, als sei über alles dieses würzige Gras gewachsen, wie man es als Waldwiesenidylle aus Claude Lanzmanns Filmbildern aus Belzec und Sobibor erinnert. Das Grauen verteidigt auf Filzpantoffeln seinen Platz in der Gegenwartsliteratur. Natürlich ist so ein Erzählen legitim. Nur stellt sich die Frage, was es mitteilt, welche Funktion es übernimmt. Warum reden seine Protagonisten so, wie sie reden, warum scheinen sie so hinter dem Mond? Seine Figuren, zwei gescheiterte Brüder, ziehen sich zurück auf das Land, in eine bäuerliche Familienhölle aus Wahn, Wille und Gülle. Die lange Dauer dieser Welt im Windschatten einer hohen Autobahnbrücke erweckt namenlosen Verdruss. Im Leser formt sich dagegen eine kaum zu bändigende literarische Autoimmunreaktion. Turgenjews Satz, eine fremde Seele sei wie ein dunkler Wald, liefert den Titel zu diesem bleiernen Traum. Das darf nicht wahr sein! Der Widerwille des Lesers dagegen bezeugt Achtung. (S. Fischer, 304 S., 20 €)

Ein langes Jahr

Das Gesellschaftliche wird porös. Die Ligaturen dünnen aus. In 38 Episoden erzählt Eva Schmidt lakonisch über Menschen in einer Stadt am See, verbindet sie durch Blickachsen – von Balkonen hinunter, von unten hinauf – und durch Spaziergänge der Hundebesitzer. Die Hunde sind die verhaltenen Anthropologen dieser Welt am See. Ein Sohn aus gutem Hause, aus dem die Mutter geflohen ist, sein bester Freund, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, eine ältere Journalistin, eine Künstlerin, ein Rentner, der seinen Hund Hem (für Hemingway) nennt. Die Episoden bezeugen das Auseinanderdriften des Zusammenhangs. Die Menschen beobachten sich, fühlen sich beobachtet. Gesellschaft scheint nur noch in der Gleichzeitigkeit des Geschehens zu sein. Die episodische Montage belegt es. (Jung und Jung, 212 S., 20 €)

Hool

Ein Schlag in die Fresse! Eine Coming-of-Age-Geschichte aus der Unbehaustheit eines Hooligans und seiner Kumpel. Der Ton des erzählenden Hools Heiko ist erbarmungslos, was ihn nicht daran hindert, sein Milieu, die zerfransende Familie, die Freunde genau und glaubhaft zu beschreiben. Das führt manchmal zu einer Unwucht im Text. Tritt Heiko aus seiner Macho-Hool-Haltung heraus oder mischt sich der Autor auf Kosten der Glaubwürdigkeit seines Erzählers ungefragt ein? Philipp Winkler erzählt einen Bildungsroman aus dem Abseits. Es ist eine erstaunliche Prosa für den Befund, dass wir angeblich in einer postheroischen Welt leben. Auch Siege in den Kämpfen zwischen den Hools bezeugen ein unverstandenes Sicheinrichten Heikos in der Welt. Er lebt einen Fatalismus, der nur durch Wut phasenweise von der Einsicht verschont bleibt, dass er am Arsch ist. Dann knallt er sich die Birne zu. (Aufbau, 310 S., 19,95 €)

Widerfahrnis

Reither hat seine Verlagsbuchhandlung eingestellt. Die Leser blieben aus oder starben weg. Er lebt, etwas verschroben, in einer Seniorenwohnanlage in den Voralpen, verfügt als Verleger über die Gabe eines spekulativen Zweifels daran, wie eine Geschichte in die Gänge kommt, von der man nicht weiß, wohin sie führt. In der örtlichen Bibliothek findet er ein Buch ohne Titel. Auch gegen diesen Text, und gegen die Aussicht darauf, in einen Lesekreis dieser Seniorenwelt eingeladen zu werden, formt sich bei Reither ein heftiger Widerwille. Seine Vorgeschichte aber scheint ihn zu wappnen gegen Schicksalsschläge aller Art. Seine ästhetische Bildung, sein Handwerk des Verlegens verwandelt alles in erzählerisches Material, das ihn vor die Frage stellt, wie ihm beizukommen, wie es von Schlacke zu befreien sei. Und schon sitzen Reither und seine neue Freundin Leonie Palm, ihrem Hutladen sind die Hutgesichter abhanden gekommen, im Auto und fahren, fast 230 Jahre nach Goethe, nach Taormina. Bodo Kirchhoff erzählt eine Liebesgeschichte zwischen zwei alten Menschen, leider nicht frei von Kitsch. In die späte Amour fou, auch sie formt sich unter der männlich-postheroischen Selbstbeobachtung Reithers zu erzählerischem Material, grätscht die Zeitgeschichte hinein. In die Seniorenresidenz findet sie diskret inszeniert durch Rezeptionistinnen aus Bulgarien und Eritrea. Auf Taormina läuft den beiden ein Flüchtlingsmädchen in die Arme. Auf der Fähre leistet dem verletzten Reither ein nigerianischer Flüchtling erste Hilfe. Der Eigensinn der Realgeschichte scheint dem Erzähler wie ein Schicksalsschlag ins Handwerk zu pfuschen, als sei sie nur dafür geschaffen (oder wie gerufen), das Erzählen auf die Probe zu stellen. (Frankfurter Verlagsanstalt, 224 S., 21 €)

Die Welt im Rücken

Ein ganz anderer Fall ist das Buch von Thomas Melle. Es erzählt in bestürzender Dichte mehrere Episoden einer Leidensgeschichte. Der Befund einer manisch-depressiven Erkrankung, heute nennt man sie bipolar, tritt aus dem bürokatischen Sound einer Krankenakte heraus, in die Literatur hinein. Spuren der Literatur-, Kunst- und Zeitgeschichte durchziehen ein Leiden, das nicht allein den Autor in seinen Krallen hat. Auch seine Freunde bleiben nicht unversehrt. Melle begibt sich auf Spurensuche. Der Schizo ergreift das Wort, durchschreitet das Leiden und findet als Versehrter wieder ans Licht. Der Wahn führt das Wort und es wird glaubhaft. Dass etwas nicht stimmt, ist offenkundig. Aber weder reichte es zu sagen, dass mit ihm, dem Autor Thomas Melle, etwas nicht stimmt, noch wäre es „der Welt“ in ihre zu großen Schuhe zu schieben. Das ist der Anton Reiser des 21. Jahrhunderts, der aus Thomas Melles Buch tönt. Der Witz des Wahns ergreift den Leser nicht zu knapp. Der Stadtraum Berlins verwandelt sich in einen „Mob aus Zeichen und Bildern“. Melles Buch gilt als Favorit. Wir würden jedoch das Folgende auszeichnen. (Rowohlt Berlin, 295 S., 19,95 €)

Skizze eines Sommers

Noch eine Coming-of-Age-Geschichte. René wird in diesem langen Sommer 1985 16 Jahre alt. Sein Vater ist Reisekader und verschwindet für acht Wochen nach Genf. René lässt er einen Haufen Geld da. Gäbe es die DDR noch, in der André Kubiczek 1969 geboren wurde, bekäme er für diesen Roman zack, zack den Nationalpreis, und Hermann Kant reservierte ihm im sozialistischen Dichterhimmel schon mal eine eigene schwarze Wolke. Schwarz muss alles sein. Die Freunde René, Dirk und Michael tragen schwarze Anzüge, legen großen Wert auf Frisuren, die nur mit viel Spray und Haarfestiger ihre Form behalten. In diesem Sommer lesen sie Baudelaire beziehungsweise schreiben ihn aus dem Hanserband ab. Dirk und Michael schwärmen von Rebecca, die mit ihren Künstlereltern in einer verfallenden Villa am Heiligen See wohnt. René schwärmt von dem schönsten Mädchen der Welt ohne Namen. Als er sie endlich kennenlernt, kann er sie anfangs nur „die große Schwester von Fritzi“ nennen. Die beiden verlieren sich aus den Augen, nicht aber aus dem Sinn, und finden schließlich nach wunderbaren Wirren endlich wieder zusammen. Das ist in einem leichten und zugleich melancholischen Ton erzählt. Den Roman durchzieht eine Tonspur, die von The Cure über New Order bis zu den Triffids und einem Echo der Einstürzenden Neubauten reicht. André Kubiczek gelingt etwas Atemberaubendes. Renés Liebe weitet sich zu einem Resonanzraum für Literatur-, Musik- und Realgeschichte. In dieser Resonanz findet der lakonische Erzähler René zu einer Stimme, die an Ulrich Plenzdorfs unverwüstlichen Klassiker Die neuen Leiden des jungen W. erinnert. (Rowohlt Berlin, 384 S., 19,95 €)

Hans Hütt ist Literaturkritiker und Gewinner des Michael-Althen-Preises 2014

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06:00 09.11.2016
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Ausgabe 28/2020

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