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Ateliernotstand Die Berliner Uferhallen sind eine neue Spielwiese für einen Kölner Investor, ansässige Künstler werden hinausgedrängt
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Foot: Hermann Bredehorst/Polaris/Laif

Ein ausrangierter Stadtbus im Café Pförtner dient als Treffpunkt für die Künstler, die in den 50 Ateliers der Uferhallen tätig sind. Peter Dobroschke ist einer von ihnen. 2003 ist er während seines Bildhauerei-Studiums nach Berlin gekommen. Zuvor hatte er eine Lehre als Holzschnitzer in Oberammergau abgeschlossen. Die Kunst habe ihn hierher gezogen, klar. Seit ein paar Jahren arbeitet der 41-Jährige nun schon als Künstler in der Stadt. „Doch ehrlich gesagt sind die Tage rar, an denen ich überhaupt noch dazu komme.“ Es ist das alte Business as usual: Alleine von seiner Kunst kann der Künstler nicht leben, deshalb erledigt er nebenbei Aufträge für andere Künstler und eine Galerie. Oft fährt er dann erst abends in sein Atelier. Es ist direkt um die Ecke vom Café. Wir machen uns auf den Weg dorthin, vorbei an den Backsteingebäuden, in denen die Berliner Verkehrsbetriebe früher Busse und U-Bahnen reparierten und wo heute Künstler zu guten Konditionen ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. „Es liegt zentral und ist bezahlbar. So etwas bekomme ich in dieser Stadt wohl nie wieder“, sagt Peter. Viele Arbeitsstunden hat er in seine Werkstätte hineingesteckt. Er zeigt auf eine Empore, auf die eine kleine Holztreppe hinaufführt: „Die habe ich selber gebaut. Im Winter kann es hier manchmal verdammt kalt werden und dort oben sammelt sich dann die Heizungsluft.“

Wer kein festes Einkommen hat, kommt noch schwerer an eine Wohnung, klar. Wohnen überhaupt kann in Berlin immer noch zum Abenteuer werden: In Mitte musste Peter einst in einem entkernten Haus ohne Dach wohnen. Der Vermieter riss die Kamine in der kalten Jahreszeit einfach ab. Jetzt wohnt Peter in der Nähe seines Ateliers – ein unverhoffter Luxus in dieser Boomtown. Doch spätestens seit vor einem Jahr bekannt wurde, dass die Uferhallen AG an einen Großinvestor verkauft wurde, ist es auch mit diesem Luxus wieder vorbei. Etwa 27 Millionen Euro haben die Anleger für den Komplex in Wedding auf den Tisch gelegt. Das sind 21 Millionen mehr, als die vorherigen Eigentümer vor zehn Jahren zahlten, als sie das Kulturzentrum der Stadt Berlin abkauften.

Die Aktien sind gemalt

Auch Alexander Samwer mischt jetzt mit an der Panke, dem kleinen Fließgewässer, das diesen Kiez so idyllisch macht – und attraktiv als nächstes Gentrifizierungsareal. Alexander ist einer der drei „Samwer-Brüder“ aus Köln, die zusammen den milliardenschweren Berliner Startup-Inkubator Rocket Internet gegründet haben. Seit vielen Jahren erwirbt das Trio mit einem komplizierten Konglomerat Immobilien. In Berlin kennt man sie: 2016 kaufte Marc Samwer den „Privatclub“ in Kreuzberg und vermietete die darüberliegenden Räume an Startups – die sich prompt über die Lautstärke beschwerten. Samwers Firma setzte ein Schreiben auf, verdoppelte die Miete für den Club und begrenzte die Anzahl von Konzerten. Der Mietvertrag läuft noch bis 2022, dann wird man sich eine neue Location suchen müssen.

Auch in den Uferhallen sieht man sich bedroht. Peter berichtet von einer Veranstaltung, die im Juli unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, in der die Künstler über die Planungen der neuen Eigentümer informiert wurden. Klotzhafte Türme sollen demnach auf die alten (denkmalgeschützten) Hallen gebaut, einige Atelierflächen aber abgerissen werden. Doch zu Gesicht bekommen hat man Alexander Samwer dort wieder einmal nicht. Er gibt sich gerne bedeckt, geheimnisvoll. Nur selten rutscht seinem Kollegen Jeremias Heinrich der Satz heraus: „Das muss ich mit Alex absprechen!“

Wir steigen die Treppe zur selbst gebauten Empore hinauf, Peter setzt sich in einen knarzenden Stuhl, überall liegen Skizzen und Papier. Er öffnet ein Buch und zeigt auf eine von ihm designte Aktie. Die Idee, dass jeder Künstler 25 solcher Wertpapiere gestaltet und im Gegenzug an der AG beteiligt wird, war unter der Ägide des alten Eigentümers entstanden. „Die neuen Eigentümer planen, den Squeeze-out einzuleiten. Das ist Aktienrecht: Sie haben über 95 Prozent der Anteile und wollen uns zwingen, unsere Aktien zu verkaufen“, sagt Peter und verrät, es gebe Pläne vom Land Berlin, den Künstlern ihre Anteile abzukaufen und sie so vor Einzelverhandlungen mit dem Investor zu schützen. Zuvor gab es eine Offerte der neuen Eigner. Das Angebot: Rückkauf der Wertpapiere für 9.000 Euro je Aktie plus drei Jahre Vertragsverlängerung auf den Mietvertrag. „Aber dieses ‚Angebot‘ richtete sich natürlich lediglich an diejenigen, die Aktien besitzen – und das ist nur ein Bruchteil von uns.“

Unter dem Schreiben stand: keine weiteren Angebote. In ihrer Not ließen sich einige Künstler darauf ein, für die meisten dürfte es viel Geld gewesen sein. Wie viele, ist unklar. „Da entscheidet letztlich jeder für sich“, meint Peter. Eine Umfrage auf dem Hof ergab, dass die meisten Mietverträge Ende des nächsten Jahres auslaufen. Zwar verhandelt Berlins Atelierbeauftragter Martin Schwegmann, der noch vor Kurzem einen „Ateliernotstand“ feststellte, zwischen den Künstlern und dem neuen Eigentümer. Verhindern allerdings, dass Herr Samwer den Komplex in Büros für Startups verwandelt, kann er dann nicht mehr. Dann halten die nächsten Proletarier Einzug.

06:00 16.09.2018

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