Zur Sonne!

Ikone Triumph und Zärtlichkeit: Julia Korbik berauscht sich an Simone de Beauvoir

Die Frau an sich gibt es nicht. Nicht als Subjekt, nicht als eine eigenständig denkbare Kategorie. Das jedenfalls behauptet Simone de Beauvoir, jene französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin, die das Geschlechterbild komplett infrage stellte. Ihr Buch Das andere Geschlecht, ein Welthit, gilt bis heute als Meilenstein der feministischen Literatur.

Frauen, stellt de Beauvoir 1949 fest, sind in der Geschichte nicht mehr als defizitäre Männer, im besten Fall genauso gut wie ein Mann. Und wenn eine Frau geworden ist wie ein Mann – bleibt sie eben doch stets „das Andere“.

Das klingt provokant. Nicht nur damals, kurz nach dem Krieg, als die Autorin diese Sätze zu Papier brachte. Sondern immer noch. Oder vielleicht: mehr denn je in Zeiten eines Backlash zu feministischen Themen durch die Erfolge der Rechtspopulisten? Sich mit Simone de Beauvoir intensiver zu beschäftigen, kann gleichermaßen ein großer Genuss und ein großer Rausch sein.

Eine Frau hat sich intensiv mit der großen Französin beschäftigt, die in diesen Tagen 110 Jahre alt geworden wäre. Julia Korbik, freie Journalistin in Berlin, hat gerade das Buch Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten veröffentlicht. Korbik liest seit ihrer Schulzeit immer wieder neu Beauvoir und hat 2016 das einzige deutschsprachige Blog ins Leben gerufen, das allein Beauvoir gewidmet ist. In ihrem neuen Buch beleuchtet sie das Leben der Philosophin von allen Seiten, von ihren Lieblingsplätzen in Paris bis hin zum Wesen ihres Denkens.

Visitenkarte als Kind

Beauvoir hat sich nie vorrangig als Frau gefühlt, in dem Sinne. „Ich war ich“, sagt sie schlicht. Beauvoir wird im Januar 1908 in Paris als Tochter einer Bibliothekarin und eines Anwalts geboren, studiert als eine der ersten Frauen an der Sorbonne Philosophie. Die schwere agrégation besteht die jüngste Antretende als Zweitbeste ihres Jahrgangs – vor ihr nur der berühmte französische Schriftsteller Jean-Paul Sartre. Gerüchteweise wohl nur deshalb, weil eine Frau nicht die Beste sein durfte.

Als Beauvoir drei Jahre alt ist, sieht es für sie noch nicht nach einer intellektuellen Laufbahn aus. Familie Beauvoir gehört zur bürgerlichen Gesellschaft, und wie für eine höhere Tochter angemessen, besitzt die kleine Simone ihre eigene Visitenkarte, die sie bei Besuchen in fremden Häusern diskret zurücklässt, so wie die standesbewusste Mutter ihr das beigebracht hat. In Wahrheit ist das Geld da schon knapp, und als Beauvoir elf Jahre alt ist, steigt die Familie gesellschaftlich ab. Das bedeutet für sie und ihre Schwester Hélène, dass ihnen der weibliche Lebensweg Verheiratung versperrt ist. „Ihr, meine Kleinen, werdet nicht heiraten, ihr müsst arbeiten“, erklärt ihnen der Vater.

Und das tut Beauvoir. Ihr Arbeitspensum ist zeitlebens gewaltig. Sie, die Intellektuelle, Philosophin, Schriftstellerin, begründet den Existenzialismus mit, erhält für ihre schriftstellerische Leistung den Prix Concourt, den höchsten Literaturpreis Frankreichs. Sie bereist ihr Leben lang die Welt und verarbeitet alles in Romanen, Essays, Briefen, ihrer Autobiografie in vier Bänden Sie verfasst ein epochales Werk, über das ihre amerikanische Kollegin Kate Millet später sagen wird: „Wer hätte je ein Buch geschrieben, das das Schicksal aller Menschen verändern würde?“

Dieses Buch, Das andere Geschlecht, macht in der öffentlichen Wahrnehmung eine Frau aus Beauvoir – wie paradox. Denn es ist ein Buch darüber, sich von der Unterdrückung als Frau, von dem Zur-Frau-gemacht-Werden, zu befreien.

In der ersten Woche schon werden circa 22.000 Exemplare verkauft, der Vatikan setzt es auf den Index. Es schiebt die zweite Frauenbewegung an. Für Beauvoir selbst bedeutet das aber: Aus dem brillanten Geist wird die „Frauenrechtlerin“. In einer Zeit, in der Verhütungsmittel in Frankreich verboten sind, eine Frau trotz Einführung des Frauenwahlrechts für ihr eigenes Bankkonto das Einverständnis eines Mannes braucht, der französische Präsident die Diskussion um ein Frauenministerium verspottet mit den Worten: „Ein Ministerium für Frauenfragen? Warum nicht eine Behörde für Strickfragen?“

In dieser Zeit ist „Feministin“ eine Brandmarkung. Ferner führt Beauvoir eine lebenslange Beziehung mit Sartre, dessen Berühmtheit – und Männlichkeit – sie zu seiner Gefährtin degradiert. „Die Feministin“, „Sartres Geliebte“: Beauvoir ist fortan so markiert, als Frau.

Das andere Geschlecht schreibt Beauvoir allerdings als Existenzialistin. Sie fragt danach, was Freiheit ist und stellt fest, dass nicht alle Menschen die gleichen Bedingungen für freies Handeln haben. Als Philosophin unternimmt sie es, „die Möglichkeiten zu untersuchen, die diese Welt den Frauen bietet, und die Möglichkeiten, die sie ihnen vorenthält, ihre Begrenzungen, ihr Glück und Unglück, ihre Ausflüchte, ihre Leistungen“. In 14 Monaten verfasst sie auf knapp 1.000 Seiten ein radikales Manifest, eine äußerst komplexe Analyse der Geschichte und Situation der Frau. Sie bedient sich aus ganz unterschiedlichen Disziplinen: Ethnologie, Biologie, Medizin, Literaturgeschichte und Psychoanalyse. Zudem forscht sie und fragt Frauen nach ihren Leben, Wünschen und Erfahrungen.

Frauen kennen viele Begrenzungen. Insbesondere der Mythos vom „Weiblichen“ schreibt Frauen einen Charakter und Platz in der Welt zu, der sie zu Zweitrangigen macht. Das Weibliche ist für vieles ungeeignet, so der Mythos: Mütter etwa gehören an den Herd. Beauvoir schreibt gegen ökonomische Abhängigkeit an, gegen Schönheitsnormen, das Schattendasein von Frauen in Öffentlichkeit und Politik. Sie geißelt die Unterdrückung weiblicher Kreativität, Intellektualität und Lust.

Zeit ihres Lebens weist sie die Ehe als „beschränkende Verbürgerlichung und institutionalisierte Einmischung des Staates in Privatangelegenheiten“ zurück. Später sagt sie, sie habe sich in die Heterosexualität gedrängt gefühlt und rät den Frauen, gegen diese Konditionierung anzugehen.

Beauvoir leugnet die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht. Sie erklärt lediglich, dass sie nicht durch die Natur vorgegeben sind, sondern kulturell hergestellt werden. Und damit sind sie veränderbar.Diese Idee von der sozialen Erschaffung von Weiblichkeit (und Männlichkeit) ist revolutionär. Nach Beauvoir ist sie nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Auch jüngere Generationen werden heute von Beauvoir inspiriert, die eigene Lebenssituation zu reflektieren und den bestehenden Verhältnissen zu trotzen. Sich nicht mit einem weiteren Gleichstellungsgesetz zufriedenzugeben, stattdessen die großen Fragen anzugehen: Was ist Freiheit und wie können wir sie für möglichst viele gewährleisten? Wie wollen wir Arbeit organisieren und unsere Beziehungen leben? Wie können wir uns als Individuen begegnen?

Manifest der Schlampen

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Beauvoir nicht mehr dieselbe. Ihr inneres Leben ist gekippt, sie sagt: „Der Krieg hatte nicht nur meine Beziehungen zu allem verändert, er hatte überhaupt alles verändert.“ Noch während der deutschen Besatzungszeit gründet sie die Widerstandsgruppe „Socialism et Liberté“, Sartre ist an ihrer Seite.

Sie unterstützt den algerischen Kampf um Unabhängigkeit von Frankreich und während des Pariser Mai die Studentenbewegung. Sie unterzeichnet nicht nur das öffentliche Bekenntnis Manifest der 343 (Schlampen) zur Legalisierung von Abtreibungen, sondern verfasst es auch. Zusammen mit der Frauenbewegung geht sie auf die Straße.

Das ist typisch Beauvoir. Auf mehr als alles andere besteht sie auf Freiheit, darauf, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, Anspruch zu erheben auf die ganze Welt. „Mein Werk ist mein Leben“, hat Beauvoir gesagt. Und in der Tat stehen sie und ihr Leben weiterhin Modell: Vor allem mit dem anmaßenden und sehr entschiedenen Ehrgeiz, sich selbst in ganzem Umfang ernst zu nehmen.

Wer heute Beauvoirs eigene Schriften und auch das neue Buch von Korbik liest, erfährt, wie schwierig und berauschend diese Frau zugleich sein kann. Ihre Sätze sind oft seitenlange leidenschaftliche Triumphzüge. In die intellektuelle Kühnheit und Unsentimentalität ihrer Analyse mischen sich prosaische, beinahe zärtliche Betrachtungen. Da heißt es beispielsweise: „Mehr als einmal verspürte ich in den folgenden Tagen, wenn ich unter der Blutbuche oder den Silberpappeln saß, mit Angst die Leere des Himmels über mir.“ Beauvoir neu entdecken – was für ein Abenteuer.

Info

Oh Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten Julia Korbik Rowohlt Verlag, 2017, 12,99 €

06:00 14.01.2018

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