Zuversicht in Zeiten der Krise

Reform Wird dieses verrückte Jahr am Ende dazu beigetragen haben, eine bessere Welt für uns zu schaffen?
Zuversicht in Zeiten der Krise

Illustration: der Freitag

Es sind schon verrückte Zeiten. Noch befindet sich die Welt in einer Phase kollektiven Innehaltens. Zugleich sind die Dinge in Bewegung wie selten zuvor. Eine andere Welt scheint möglich. Die Chance auf einen echten Neuanfang – sie liegt in der Luft. Wie werden wir uns in zwanzig, dreißig Jahren an diese besondere Zeit erinnern? Was wird bleiben von dem Moment, als die Erde für eine gefühlte Ewigkeit stillstand? Ein Moment, in dem die Weichen gestellt wurden? Werden wir diese einmalige Situation genutzt haben? Konnten wir in derart unsicheren Zeiten unser Verhältnis zum Privatesten, also der Liebe, und zum Öffentlichsten, also der Politik, neu bestimmen?

Die Unsicherheit bestand sicherlich schon vor Corona. Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman sprach wenige Monate vor Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 von „Liquid Times“. Die gegenwärtige Corona-Krise stellt in dieser Hinsicht einen vorläufigen Höhepunkt dar, wie der Philosoph Jürgen Habermas unlängst in einem Interview ausführte: „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit zu handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.“ Dazwischen lagen nicht wenige faustdicke Überraschungen: die Wahl Donald Trumps zum US-amerikanischen Präsidenten 2016 und der EU-Austritt Großbritanniens nach langem Hin und Her Ende Januar dieses Jahres. Deutsche Fußballfans werden ergänzen wollen: das Ausscheiden der Nationalmannschaft gegen Südkorea bei der WM im Frühsommer 2018.

Riesige Finanzmittel

Wenn unser Tun und Lassen in den nächsten Jahren also von einer radikalen Unsicherheit bestimmt wird, stellt sich die zentrale Frage, mit welcher Grundhaltung wir diese gestalten können. Die deutsche Sprache bietet mit dem Wort „Zuversicht“ hierfür eine treffende Beschreibung. Laut Duden ist damit das „feste Vertrauen auf eine positive Entwicklung in der Zukunft, auf die Erfüllung bestimmter Wünsche und Hoffnungen“ gemeint. Zuversicht also als Bedingung der Möglichkeit, persönliche Freiheitsräume zu erschließen und sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt anzustreben. Eine solche Herangehensweise kann visionär sein, ist aber nicht unrealistisch. Die einmalige Chance an der Angst einflößenden Corona-Situation liegt dann nicht in der unerreichbaren Utopie oder der resignierenden Dystopie, sondern in der Verbindung von Zuversicht und Entscheidung. An die Stelle einer vagen Vorstellung tritt die konkrete Entscheidungssituation – der Politik und jedes Einzelnen. Zuversicht kann dann dazu führen, das Naheliegende jetzt zu tun und nicht weiter aufzuschieben.

Die von Ulrich Beck bereits 1986 in seinem Buch Risikogesellschaft (der Freitag 14/2020) attestierte „Grenzen aufhebende Dynamik der Gefahr“ kann zu neuen Solidaritäten zwischen Menschen, zwischen gesellschaftlichen Gruppen sowie zwischen einzelnen Staaten führen. Das kollektiv erlebte Gefühl eines Gefahrenverzugs öffnet politische Handlungsräume in historischem Ausmaß. Bundesfinanzminister Olaf Scholz verabschiedete sich mir nichts dir nichts von der zuvor mantrahaft beschworenen Schuldenbremse, und die Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte eine „große europäische Kraftanstrengung“ an, um dem „symmetrischen Schock“ zu begegnen. In Rekordzeit schnürte die Bundesregierung ein erstes Konjunkturpaket in Höhe von 130 Milliarden Euro, das in erster Linie den schnellen Konsum ankurbeln und die Digitalisierung vorantreiben soll.

Viel zu oft werden notwendige politische Entscheidungen mit dem Hinweis auf zu wenige Daten oder Fakten in weite Ferne verbannt. Als ob die epochalen Umbrüche und ihre Folgen in den letzten 100 Jahren auch nur annähernd im Voraus erfasst werden konnten. Es ist doch gerade die Unfähigkeit zur präzisen Prognose externer Schocks, die immer offensichtlicher wird. Wenn gegenwärtig riesige Finanzmittel wuchtig in Bewegung gesetzt und wesentliche Grundrechte eingeschränkt werden können, dann müssen auch zentrale Zukunftsentscheidungen nicht weiter vertagt werden. Ausgehend von den großen Fragen der Erkenntnistheorie – was wir wissen können, was wir hoffen dürfen und was wir tun sollen –, bleibt dann schon auch eine Forderung, die Ödön von Horváths Protagonistin Elisabeth im Drama Glaube, Liebe, Hoffnung formuliert hatte: „Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind – aber es könnt doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen.“

Gerechtigkeit also. Der nach wie vor enge Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen ist in Deutschland frappierend und wird in jeder internationalen Vergleichsstudie immer wieder aufs Neue bemängelt. Braucht es wirklich noch einen weiteren, noch dringlicher appellierenden Klimabericht, bevor der notwendige Reformsprung eingeleitet wird? Auch die Quantifizierung alles Sozialen – vom Konsumverhalten bis hin zu unseren Freundschaften und Liebesbeziehungen durch Algorithmen, Sternchen und Listen – führt kaum zu höherer Wertigkeit, Tiefe und Beständigkeit. Die Soziologin Eva Illouz hat bereits vor Jahren auf die drastische Zunahme flüchtig-oberflächlicher Beziehungen im digitalen und flexiblen Kapitalismus aufmerksam gemacht. Das Mit- und Füreinander scheint zunehmend verloren gegangen, die „Kunst des Liebens“ (Erich Fromm) verlernt oder nie erlernt worden zu sein. Möglicherweise kann von der Krisenerfahrung neben einem neuen Bewusstsein für persönlichen Zeitgewinn auch mehr echtes Gefühl – trotz allen vorgeschriebenen Social Distancings – bleiben. Vielleicht wächst die Einsicht, dass es sich lohnt, seine Energie für den „Luxus“ einer reifen Liebe einzusetzen.

Selten war das Individuelle so politisch, selten das Politische so individuell. Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch führten eine intensive Auseinandersetzung darüber, ob in unruhigen Zeiten nicht jedes Buch, das sich nicht direkt mit der Verhinderung des Krieges oder der Schaffung einer besseren Gesellschaft befasst, illegitim wäre. „Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten“, entgegnete Frisch seinerzeit. „Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.“ Frisch war ein Bewunderer des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard. Dessen Hauptwerke Furcht und Zittern, Der Begriff Angst und Entweder – Oder könnten in der derzeitigen Krise passender nicht sein. Der Wegbereiter der Existenzphilosophie brachte den Aspekt der „Selbstwahl“ auf den Punkt: „Darin liegt nämlich die ewige Würde des Menschen, dass er eine Geschichte bekommen kann (…) dass er selbst, wenn er will, dieser Geschichte Kontinuität verleihen kann; denn die bekommt sie erst, wenn sie nicht den Inbegriff dessen darstellt, was mir geschehen oder widerfahren ist, sondern meine eigene Tat, dergestalt, dass selbst das mir Wiederfahrene durch mich verwandelt und von Notwendigkeit in Freiheit übergeführt ist.“

Ein Solidaritätsjahr

Wie könnte nun die Politik den Einzelnen dabei unterstützen, dass er seine Entwicklungspotenziale besser wahrnehmen kann? Eine Option könnte es sein, jeder Bürgerin und jedem Bürger für ein Solidaritätsjahr im Lebensverlauf Zeit zur Verfügung zu stellen. Die Solidaritätszeit könnte monatsweise und damit variabel eingesetzt werden. Sie diente in den Phasen der Unsicherheit, mit denen wir bis auf absehbare Zeit leben müssen, als Zukunftsvorsorge zur Stabilisierung familiärer und gesellschaftlicher Bindungen. Konkret könnte die Zeit beispielsweise für die Pflege der ältesten oder die Betreuung der jüngsten Gesellschaftsmitglieder eingesetzt werden.

Mit dem Solidaritätsjahr könnten neue persönliche Freiheiten erschlossen und gesellschaftlicher Fortschritt ermöglicht werden. Auf individueller Ebene würden alle Bürger des Landes dabei unterstützt werden, was Psychologen als Ambiguitätstoleranz kennen, also der Fähigkeit zum unerschrockenen Navigieren in widersprüchlichen Fahrwassern. Auf politischer Ebene würde die staatlich ausgestalte individuelle Zukunftsvorsorge nicht nur zu einer resilienteren Gesellschafts- und Wirtschaftsformation beitragen, sondern schlichtweg dazu führen, dass wir auf den nächsten Schock besser als bisher vorbereitet wären.

Sven Rahner ist Autor von zwei Büchern sowie zahlreichen Artikeln zur Zukunft von Arbeit und Bildung. 2018 erschien seine Dissertation Fachkräftemangel und falscher Fatalismus im Campus-Verlag. Sven Rahner ist Politik- und Literaturwissenschaftler

Eva Rahner ist ausgebildete Schauspielerin. Sie ist seit rund zehn Jahren in unterschiedlichen Funktionen am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung tätig. 2012 gründete sie den Verein Kunst schafft Wissen e.V.

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06:00 20.06.2020

Ausgabe 32/2020

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