Walter Schilling, 1930–2013

Nachruf Der Vater der Offenen Arbeit in der DDR ist am 29. Januar im Alter von 82 Jahren gestorben. Bekannt wurde der Pfarrer durch sein Rüstzeitheim in Braunsburg

Die alten Herren da oben können sich schon mal warm anziehen, denn Walter ist im Anflug. Walter Schilling, der Vater der Offenen Arbeit in der DDR, hart und kantig, direkt und einfühlsam.

Ich lernte ihn Anfang der achtziger Jahre kennen. Als junger Spund begann ich in Karl-Marx-Stadt bei der Offenen Arbeit aktiv zu werden, die bei uns so nicht hieß. Einmal fuhren wir mit einer Delegation nach Hirschluch bei Berlin zu einem großen Treffen aller Vertreter der kirchlichen Jugendarbeit, in der es zwei Flügel gab: die Offene Arbeit und die Sozialdiakonische Jugendarbeit. Die OA-Leute saßen auf der einen Seite, wilde Männer mit langen Haaren und Bärten in Unterhemden und mit Bier in der Hand. Unter ihnen Walter Schilling, ohne Bart. Die Sozialdiakonische Jugendarbeit wollte missionieren, die Offene Arbeit ein Miteinander, (Frei)Räume schaffen, Experimente ermöglichen. Walter verstand es, die Diskussion zu lenken, ohne andere vor den Kopf zu stoßen.

Bekannt wurde Walter in den Siebzigern. In der DDR hatte sich die Szene der „Kunden“ herausgebildet: Jugendliche, die durch die Republik trampten, Hippiemusik hörten, feierten und sich für die bürgerliche Karriere nicht interessierten. Es gab Ärger mit der Polizei. Und ihnen fehlten eigene Räume.

Walter Schilling hatte durch seine Pfarrstelle im thüringischen Braunsdorf Zugriff auf ein altes Stallgebäude, das ab 1968 als Rüstzeitheim für Jugendliche genutzt wurde. Zuerst kamen Jugendliche aus Saalfeld und Rudolstadt, die bei Watzdorfer Bier und Karo-Zigaretten mit Walter über ihre Probleme und Träume sprachen und Proberäume für ihre Bands fanden. Es folgten gemeinsam gestaltete Jugendgottesdienste mit Hunderten Teilnehmern, ehe es mit „June 78“ und „June 79“ in Rudolstadt zum Mini-Woodstock mit 2.000 Leuten aus der ganzen Republik kam.

Walter Schilling bot Schutz. Er versteckte einen Deserteur der NVA, besuchte Menschen im Knast und half denen, die von der Stasi als IMs angeworben werden sollten. Bei konspirativen Treffen mit dem Führungsoffizier tauchte er „plötzlich“ am Treffpunkt auf. Walters Wunschbild von Kirche und Gesellschaft zeigte sich 1987 bei einem Kirchentag von Unten in Berlin, auf dem sich linke Oppositionsgruppen, Punks, Künstler, fortschrittliche Theologen und Mitglieder der Offenen Arbeit tummelten – libertär, herrschaftslos, aber mit Regeln, die im Miteinander entwickelt wurden.

Im Herbst 1989 engagierte Walter sich im Infobüro in der Berliner Gethsemanekirche, wurde selbst verhaftet und brachte sich im Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der Polizeiübergriffe vom 7. und 8. Oktober 1989 ein. Seiner Heimstatt blieb er stets verbunden. Nach 1990 widmete er sich der Stasiverstrickung einzelner Pfarrer in Thüringen und wurde erneut Leiter des Rüstzeitheimes in Braunsdorf, das allerdings nie wieder die Bedeutung der siebziger Jahre erlangte.

Ende 2001 trat Walter als Unterzeichner einer Stellungnahme ehemaliger DDR-Oppositioneller mit dem Titel „Wir haben es satt“ noch einmal medial in Erscheinung. Diese Erklärung versammelte zum letzten Mal Vertreter linker Oppositionsgruppen aus DDR-Zeiten, um gegen die bestehenden Verhältnisse Wort zu ergreifen. Dort hieß es: „Wir haben es satt, dass unter dem Banner von Freiheit und Demokratie gegen unsere Interessen regiert wird.“

Am 29. Januar ist Walter Schilling im Alter von 82 Jahren in Saalfeld gestorben.

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