Belarus und mal wieder Zensur bei der "Zeit"

Geopolitik und Propaganda Westliche Medien lassen bei den aktuellen Ereignissen in Weißrussland Wesentliches weg – es geht mal wieder um Propaganda zugunsten der geopolitischen Interessen der USA
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In seinem jüngsten Beitrag auf den „Nachdenkseiten“ führt Albrecht Müller unter dem Titel „Die Kampagnen unserer Hauptmedien sind der eigentliche Skandal“ als eine der jüngsten Kampagnen auch die aktuelle Berichterstattung über Weißrussland auf:

Wer – wie ich – die Berichterstattung und Kommentierung der zwangsweisen Umlenkung des Ryanair-Flugzeugs verfolgt hat, wird beobachtet haben, wie einseitig die deutschen Hauptmedien diesen Vorgang kommentiert und wie einseitig Interviewpartner ausgesucht worden sind: Kampagnenmäßig wurde die Botschaft verbreitet, es handele sich um einen einmaligen Vorgang, kampagnenmäßig wurde die Vermutung verbreitet, Russland stecke hinter diesem Angriff auf die Zivilluftfahrt. Beliebte Interviewpartner waren Einflussagenten der NATO und der USA wie der CDU-Politiker Röttgen. Hier konnte man beobachten, wie undifferenziert unsere Medien vorgehen.

https://www.nachdenkseiten.de/?p=72893

Ein Beispiel von vielen brachte wieder einmal die "Zeit", in einem der beiden Meinungsartikel auf Seite 1, bei denen die Propagandadichte oft sehr hoch ist – bei außenpolitischen Themen geht es dabei immer sehr "transatlantisch" zu, ganz auf Linie mit den geopolitischen Interessen der USA und somit auch immer gegen Russland. Diesmal war es also Weißrussland:

Belarus: Im Reich der Rache

https://www.zeit.de/2021/22/belarus-entfuehrung-blogger-alexander-lukaschenko-roman-protassewitsch-eu-sanktionen

Ich schrieb dazu einen Kommentar – kurz, um den vorgegebenen Umfang nicht zu überschreiten:

Westliche Medien wie auch hier die „Zeit“ geben die Fakten nur sehr verzerrt wieder.

Der Funkverkehr zwischen Pilot und Fluglotse in Minsk ist veröffentlicht.

Der Fluglotse hat den Piloten von der Bombendrohung informiert. Die E-Mail mit der Bombendrohung lässt sich nicht mehr zurückverfolgen. Sie könnte natürlich aus Weißrussland kommen, aber auch woanders her.

Die Drohung sagte aus, die Bombe würde beim Anflug auf Vilnius explodieren. Der Pilot hatte damit einen guten Grund, Vilnius gerade nicht anzufliegen. Die Flughäfen Warschau und Lviv hätten sich geweigert, die Maschine landen zu lassen. Der Pilot hat sich deshalb für Minsk entschieden.

Der weißrussische MIG-Kampfjet, der die Maschine dann begleitet hat, stieg erst auf, nachdem der Pilot sich für Minsk entschieden hatte.

Westliche Medien haben die weißrussischen Angaben einfach verschwiegen. Wenn sie falsch wären, wäre es ein Leichtes gewesen, sie zu widerlegen. Genau das ist aber nicht passiert. Stattdessen wird auf Empörung gemacht.

Gerade die steht aber dem „Westen“ schlecht an: 2013 zwangen NATO-Länder (sicher auf Weisung der USA) die Maschine des Präsidenten von Bolivien zur Landung in Wien. Die Maschine wurde durchsucht, man war hinter Edward Snowden her (er hatte Glück und war in Russland geblieben). 2016 unternahm die Ukraine ein ähnliches Manöver, um einen Maidan-Gegner verhaften zu können.

Wie windelweich hatte die „Zeit“ 2013 berichtet: https://www.zeit.de/politik/ausland/2013-07/wien-morales-kommentar

Und das darf man bei der "Zeit" offenbar nicht mehr sagen. Der Kommentar wurde zweimal eingestellt, auch am Tag darauf war er nicht zugelassen. Was das transatlantische Narrativ wirklich in Frage stellt, wird ausgeschieden.

Wegen der vorgegebenen Kürze hatte ich weder Wichtiges zur Vorgeschichte noch weitere Quellen angeben können. Das sei daher hier noch nachgeholt:

Wenige Wochen vor den Ereignissen im den Ryan Air-Flug wurde ein Putschversuch aufgedeckt, mit dem die Lukaschenko-Regierung hätte gestürzt werden sollen. Dabei war auch reichlich Blutvergießen vorgesehen. Berichterstattung im westlichen "Mainstream": Praktisch Null. Eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung dieser Aktion spielte auch Prostasewitschs Telegramm-Kanal Nexta. Wenn ihn die weißrussische Regierung nun als "Terroristen" verfolgt, ist das zumindest nachvollziehbar. Nexta entpuppt sich als ein vom Westen gesponsortes Regime-Change-Instrument, wie es sie auch für andere Länder gibt. Welche Rolle Prostasewitsch und Nexta bei dem Putschversuch gespielt haben, wäre noch zu untersuchen.

Ausführlich hat der "Anti-Spiegel" über die in den westlichen Mainstreammedien vernachlässigten Hintergründe und Aspekte der Ereignisse um den nach Minsk umgeleiteten Ryanair-Flug berichtet, weshalb ich diese Artikel hier verlinke:

4. Juni: Teil 1: Das gesamte Interview von Roman Protasewitsch auf Deutsch

4. Juni: Teil 2: Das gesamte TV-Interview von Roman Protasewitsch auf Deutsch

4. Juni: Teil 3: Das gesamte TV-Interview von Roman Protasewitsch auf Deutsch

4. Juni: Protasewitsch gibt dem weißrussischen Fernsehen ein langes Interview und nennt seine Hintermänner

3. Juni: Protasewitsch packt aus: In Weißrussland wurden neue Videos vom Verhör des Verhafteten veröffentlicht

31. Mai: Wie die Ryanair-Landung in Minsk propagandistisch ausgeschlachtet wird

30. Mai: Wer sind Roman Protasewitsch und seine Freundin Sofia Sapega?

27. Mai: Alle Jahre wieder: Der Spiegel, Chodorkowski und gefälschte E-Mails

26. Mai: Lukaschenko wirft dem Westen die Inszenierung des Vorfalls um die Ryanair-Landung vor

25. Mai: Lukaschenko, Protasewitsch und der Westen – Wer ist in wessen Falle getappt?

25. Mai: Kein „beispielloser“ Vorfall: Die erzwungenen Flugzeuglandungen des letzten Jahrzehnts

25. Mai: Kompletter Funkverkehr veröffentlicht: Ryanair-Piloten haben selbst entschieden, in Minsk zu landen

24. Mai: Wer ist der in Minsk verhaftete weißrussische Oppositionelle Roman Protasewitsch?

24. Mai: Alle Fakten über die Landung des Ryanair-Fluges in Minsk und die Verhaftung des Oppositionellen

24. Mai: Wie in Russland über die erzwungene Landung und die Verhaftung in Minsk berichtet wird

6. Mai: Der Telegram-Kanal NEXTA eröffnet Ausbildungsprogramm für den Umsturz in Weißrussland

24. April: Neue Details über den Putschversuch und welche Konsequenzen Lukaschenko zieht

18. April: Alle bekannten Einzelheiten über den vereitelten Putsch in Weißrussland

Nun könnte man dem "Anti-Spiegel" Einseitigkeit vorwerfen. Das mag schon sein, das gilt aber für den westlichen Mainstream einschließlich der "Zeit" mindestens genauso. Und hier geht es um Hintergründe und Fakten, die "Zeit" und Co. weglassen oder zurechtbiegen, damit sie ins westliche Narrativ passen.

Auch andere alternative Medien haben den Umgang des Westens und der westlichen Medien mit den Ereignissen in Weißrussland kritisch kommentiert:

Nachdenkseiten, 29. Mai: Ist der weißrussische Blogger Roman Protasewitsch kein Freiheitsheld, sondern ein verkappter Nazi?

Nachdenkseiten, 25. Mai: Bei dem einen ist es „Staatsterrorismus“, bei dem anderen ein kleinerer Fauxpas

Nachbemerkung: Es soll hier keineswegs darum gehen, Weißrusslands Präsidenten Lukaschenko und seine Politik zu rechtfertigen. Es geht um die lückenhafte und verzerrte Berichterstattung in unseren Medien bei allen Fragen, die die westlichen – und das heißt vor allem: der USA – geopolitischen Interessen betreffen. Regimechange in Russland ist das große Ziel – und Weißrussland wäre nun der nächste Dominostein in diesem geopolitischen Machtspiel.

Es geht dabei nie um Demokratie und Menschenrechte – der "Westen" hatte noch nie große Hemmungen, sich noch mit den widerwärtigsten Diktatoren ins Bett zu legen oder sie sogar überhaupt erst an die Macht zu bringen.

Nachbemerkung, Weitere Artikel:

https://www.unz.com/ishamir/the-abduction-of-nexta/

https://www.moonofalabama.org/2021/05/like-an-amoral-infant-how-protonmail-contributes-to-false-media-claims-about-belarus.html#more

https://thegrayzone.com/2021/05/26/belarus-roman-protasevich-plane-nazis-ukraine/

https://www.foiaresearch.net/person/roman-protasevich

10:18 29.05.2021
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Geschrieben von

Dietrich Klose

Vielfältig interessiert am aktuellen Geschehen, zur Zeit besonders: Ukraine, Russland, Jemen, Rolle der USA, Neoliberalismus, Ausbeutung der 3. Welt
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Dietrich Klose

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