Luftangriff im Jemen und Propaganda

Geisterautos im Jemen: Ein verheerender saudischer Luftangriff mit 119 Toten. Die Propaganda spricht von "Kämpfern". Belege: Keine. Und sie schickt einen "Stammesführer" und drei Autos los.
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119 Tote – das ist die letzte allgemein verbreitete Zahl für die Todesopfer des letzten verheerenden Luftangriffs der saudischen „Koalition“. Er traf am 15. März mitten am Tag einen belebten Markt in der Provinz Hajjah, die in dem von den Houthis kontrollierten Gebiet liegt. Dazu kommen etwa 47 Verletzte und 24 Vermisste (ausführlich: https://www.freitag.de/autoren/dklose/krieg-im-jemen-neue-artikel-zum-nachlesen-116 unter cp16, saudische Luftangriffe)

In den Meldungen stieg die Zahl der Toten immer weiter nach oben. Recht lange hielt sie sich bei 41 – und auf diesem Stand kam, von der französischen Nachrichtenagentur AFP ausgehend, eine Meldung, die die deutschen Medien (bzw. diejenigen, die überhaupt berichtet haben), so wiedergegeben haben, hier von Zeit Online:

Stammeschef: 33 Rebellen unter 41 Toten nach Luftangriff in Jemen

Bei den 41 Todesopfern nach einem Luftangriff der arabischen Militärkoalition im Jemen handelt es sich nach Angaben eines Stammeschefs entgegen früherer Angaben von Rettungskräften nicht ausschließlich um Zivilisten. Es seien 33 Huthi-Rebellen und acht Zivilisten getötet worden, sagte ein Stammesführer, der den Aufständischen nahe steht und nicht namentlich genannt werden wollte, am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP.

http://www.zeit.de/news/2016-03/16/jemen-stammeschef-33-rebellen-unter-41-toten-nach-luftangriff-in-jemen-16093403

Mit eine solche Meldung würde allgemein eine wesentliche Entlastung der Saudis und ihrer Verbündeten verbunden werden: Also doch, sie haben ja damit militärische Ziele angegriffen, und damit hätten sie eine Rechtfertigung für diesen Angriff (1). Da wundert es nicht, dass westliche Agenturen und Medien diese Meldung gerne weiterverbreitet haben, sie wurde von vielen übernommen.

Nur dass es sich leider um eine völlig substanzlose Propagandameldung handelt, die nichts mit den tatsächlichen Ereignissen zu tun hat.

Ein Stammeschef, der „nicht namentlich genannt werden wollte“, „sagte“ das also AFP. Wie lief das ab? War ein AFP-Reporter vor Ort? Offensichtlich nicht, das hätte wohl einen detaillierteren Bericht gegeben. Wie sah der Kontakt zwischen AFP und dem „Stammesführer“ aus? Im besten Fall ein Telefonat. Wie kam der Kontakt zustande? Wahrscheinlich etwa so wie wenn ich in China bei Xinhua anrufe und mich als Oberbürgermeister von Köln ausgebe und Xinhua verbreitet dann den Unsinn, den ich ihnen erzähle, weil es ihnen in ihr „Narrativ“ passt.

Selbst wer diese Meldung gelesen und an den anonymen „Stammesführer“ geglaubt hat, hätte doch seinen kritischen Verstand einschalten können: Wie konnte er so genau erkennen, dass von den 41 Toten genau 33 „Rebellen“ (das ist in den deutschen Meldungen ungenau, in den englischsprachigen heißt es „Kämpfer“) waren?

Ist er über den verwüsteten Markt gelaufen und hat die Toten einzeln identifiziert? Zivilisten und „Kämpfer“ sehen in einem Land wie dem Jemen nun einmal völlig gleich aus. Da gibt es keinen Unterschied in der Kleidung, und ein Gewehr hat im Jemen fast jeder, viele tragen es auch mit sich herum, ohne deshalb irgendetwas wie ein „Kämpfer“ zu sein. Also, woran hätte er die „Kämpfer“ erkannt?

Man kann sich ja einmal die Filme und Fotos von dem Markt nach den Angriffen und den vielen Toten ansehen (2), wenn man starke Nerven hat, und die angeblichen „Kämpfer“ heraussuchen. Mit ebenso großem Erfolg kann man bei den Toten auch Bauern, Lehrer, Handwerker, Markthändler unterscheiden…

Die englischsprachigen Berichte sind noch etwas ausführlicher. Da heißt es: „„Die Kämpfer fuhren in drei Autos zu einem Militärlager, das von drei Luftschlägen getroffen wurde“ berichtete der (Stammes)führer AFP“ ("The fighters were riding in three vehicles at a military camp that was hit by three air raids," the chief told AFP): http://www.france24.com/en/20160316-saudi-led-yemen-market-strike-killed-33-rebels-tribal-chief.

Seltsam, es wurde doch ein Markt und kein Militärlager getroffen? Da sieht man in den Bildern auch noch die Obstkisten und das verstreute Obst, wie es wohl eher auf einen Markt als in ein Militärlager gehört. Weiter: Wenn 33 der Toten „Kämpfer“ sind, muss es ja wohl Volltreffer auf die Autos (offensichtlich Kleinbusse, 11 Mann in einem) gegeben haben. Also müsste es im Film- und Bildmaterial drei Autos voller Leichen zu sehen geben. Die Leichen liegen allerdings weit verstreut in der ganzen Gegend herum.

Nun, es blieb ja nicht bei 41 Toten, die Zahl stieg immer weiter an. Was hier anfangs dank dieses unsichtbaren „Stammesführers“ noch als ein Angriff auf ein militärisches Ziel verkauft werden konnte (ein Prozentsatz von etwa 80 % getroffenen „Kämpfern“ gegen nur 20 % Zivilisten als „Kollateralschäden“ mag ja gerade für einen US-Militär oder die ständig danebenzielenden (????) Saudis tatsächlich eine Traumzahl sein).

Nur: Mit steigenden Totenzahlen verschlechterte sich diese Bilanz immer weiter, bei 119 Toten ist auch die Zahl von 33 „Kämpfern“ gegen nunmehr 86 Zivilisten (wozu man ja wohl auch noch einen großen Teil der Vermissten wird dazurechnen müssen) nicht mehr so glorreich. Und den „Stammesführer“ konnte man ja jetzt schlecht noch einmal auf Tour über den Markt und durch das Krankenhaus schicken und seine Leichensortiererei weiterbetreiben lassen. Dieses Propagandamärchen nutzte sich also zunehmend ab.

Es kommt aber noch besser. Am 27. Februar 2016 trafen die Saudis einen Markt im Bezirk Nehim östlich von Sanaa. Bilanz dort: Etwa 40 Tote. In der kurzen Meldung vom 27. Februar 2016, wie sie die (auch wieder auf AFP fußende) Webseite der österreichischen Zeitung „Die Presse“ zeigt, heißt es: „Aus Stammeskreisen an Ort und Stelle hieß es, der Angriff habe drei Fahrzeuge ins Visier genommen, in denen Rebellen transportiert wurden.“ (http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4934932/40-Tote-nach-Luftangriff-auf-Markt-im-Jemen).

Und die englischsprachige Variante, 27. Februar 2016, AFP: „The air strike targeted three rebel vehicles as they entered a market in the town of Naqil bin Ghaylan, killing at least 30 Huthi insurgents and civilians, one tribal source in the area said”. (http://www.dailymail.co.uk/wires/afp/article-3467031/Air-strike-Yemen-market-kills-30-rebels-civilians-witnesses.html ).

Angriff auf einen Markt voller Menschen, viele Tote, anonyme Stammesleute, genannt „Stammeskreise“ oder „tribal source“. „Kreise“ – ein dämliches Wort in der deutschen Mediensprache, hinter dem alles versteckt wird, was nicht näher genannt werden soll, die englische „source“ ist auch nicht viel besser. Da nun die meisten Jemeniten auch einem bestimmten Stamm angehören, hat die Benennung „Stammeskreise“ eigentlich keinen Sinn, wenn es nicht Leute bezeichnet, die eben in einem Stamm eine wichtige Rolle spielen (und nicht beim Militär, in der Verwaltung oder in der Wirtschaft).

Nun, unser anonymer Stammesführer und die drei Autos waren also auch schon in Nehim vor Ort, als es im Nachhinein darum ging, diesem verheerenden Angriff auf einen Markt den Anstrich eines Angriffs auf ein militärisches Ziel zu geben. Schon in Nehim hätte man im Bildmaterial im Übrigen vergeblich nach drei Autos voller Leichen gesucht.

Wie dumm und phantasielos kann solche Märchenpropaganda manchmal sein, wenn sie eine alte Geschichte (die auch für die erstmalige Verwendung damit klar als Lügengeschichte kenntlich wird) an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit, aber in einem ganz identischen Zusammenhang, wieder aufwärmt? Nicht einmal die Zahl der Autos wurde geändert, und auch beim bewährten Stammesführer blieb es, man hätte ja zur Abwechslung mal einen Schuldirektor draus machen können, denn jemand mit Autorität sollte es ja wohl schon sein…

Und ist es in beiden Fällen auch noch keinem der saudischen Propagandamärchenonkel und ihren Nachbetern in den westlichen Medien aufgefallen, was für ein seltsames Licht diese Geschichten – und noch besonders in der Wiederholung – auf die Saudis werfen müssen? Autos voll mit Leuten sind üblicherweise in Bewegung und fahren (dazu sind sie ja normalerweise da). Wenn man also diese drei Autos im Visier hat und treffen will, dann wartet man genau bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie den belebtesten Platz einer Stadt passieren, damit es ordentlich knallt dabei? Das ist offenbar saudische Logik, wenn man den eigenen saudischen Propagandaonkeln glauben soll.

Es steht also wohl zu befürchten, dass es mit dem zweimaligen Erscheinen der drei Autos voller „Kämpfer“ und des auf ihren Spuren wandelnden anonymen Stammesführers nicht sein Bewenden haben wird. Diese Gruppe scheint sich auf belebten Märkten wohl zu fühlen, so dass wohl beim nächsten verheerenden Luftangriff auf einen Markt im Jemen wieder mit ihrem Erscheinen zu rechnen ist.

Der „Fliegende Holländer“ auf Arabisch.

Da freilich diese Story sich für den Markt in der Provinz Hajjah wegen der steigenden Totenzahlen selbst ad absurdum geführt hatte – zuletzt war das Verhältnis nur noch knapp 28 % angebliche „Kämpfer“ zu 72 % „Kollateralschäden“ – musste also jetzt eine neue Story her. Und das, obwohl die neue nunmehr auch noch der alten widersprach. Das Neueste lautet jetzt, und es kommt wieder von AFP: “Ein Sprecher der Koalition sagte, dass die Luftschläge auf ein “Kämpfer-Treffen” zielten“ ( „A coalition spokesman said the strikes targeted "a militia gathering" (https://www.yahoo.com/news/toll-tuesdays-strikes-yemen-market-rises-119-dead-135046372.html).

Und AFP schafft es sogar, das in einer Meldung zusammen mit dem Stammesführer und den drei Autos unterzubringen! Ja, was war es nun, drei Autos voller Kämpfer, oder ein Kämpfertreffen auf dem Markt?

Aber als würde es mit den zwei sich widersprechenden Geschichten noch nicht genügen, serviert uns die saudische Koalition auch noch eine dritte. Der "Independent" berichtet: "Ein Sprecher der Koalition erwiderte auf das Bildmaterial von Al Masirah [Fernsehsender der Huthis im Jemen], indem er hervorhob, es gäbe nichts, das belege, dass dies Bilder von den Folgen eines Angriffs der Koalition seien." ("A spokesman for the coalition responded to the Al-Masirah footage by pointing out that there was nothing to prove that the pictures were from the aftermath of a coalition attack"; http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/yemen-war-saudi-arabias-savage-air-strikes-end-but-the-crisis-remains-a6937466.html). Hoppla! Haben die ersten beiden Geschichten immerhin nicht in Frage gestellt, dass es einen Luftangriff der saudischen "Koalition" gegeben hat, bezweifelt Story 3 jetzt selbst das. Es gibt freilich niemanden sonst, der im Jemen aus der Luft bombardiert. Die Krater, die in den Boden gerissen wurden, sind beachtlich (3). Sollte es im Jemen etwa plötzlich vulkanische Aktivitäten geben??

Jetzt gibt es schon drei Stories, und die eine ist dämlicher als die andere. Die saudische Argumentation, speziell wenn es um ihre Luftangriffe geht (und das ist ja nicht das erte mal, das lief ständig so) bewegt sich auf dem Niveau eines Fünfjährigen, der die teure Vase im Wohnzimmer zerschmissen hat. Eine Story für Mama, eine andere für Papa, und etwas später für beide zusammen eine dritte.

So stolpert Propaganda über ihre eigenen Lügen. Offenbar übernehmen viele westliche Medien kritiklos fast alles, was bestimmte Leute oder „Kreise“, denen man sich halt doch verbunden fühlt, einem vorsetzen. Das ließ sich hier in dem einen Fall schön zeigen. In anderen Fällen kommt man leider nicht drauf.

Große Teile der westlichen Politik übernehmen alle diese Stories ohnehin dankbar, wie hanebüchen auch immer sie sein mögen. Sie geben dann den Vorwand (von Begründung mag ich gar nicht sprechen) dafür, weiterhin gute Waffengeschäfte mit den Saudis und ihren Verbündeten zu machen, wie auch dafür, die Saudis mit ihrem schmutzigen Krieg im Jemen weiter die "Drecksarbeit" machen zu lassen, die auch die vermeintlichen eigenen westlichen geostrategischen Interessen in diesem Raum mitbedient.

Zurück zu den Medien. Man wird wohl annehmen dürfen: Bei Meldungen aus aller Welt, und die wenigsten kennen sich in Übersee wirklich gut aus) – werden uns reichlich Propagandameldungen untergeschoben, die auch nicht viel besser sind als der ruhelos umherziehende Stammesführer mit den drei Autos. Bevorzugt wird so etwas wohl gerne dann, wenn es mit der geostrategischen Interessenlage des „Westens“ harmoniert.

Dass AFP und die eifrigen Kopierer derartiger Agenturmeldungen mit solchen Spielchen auch noch das Andenken von ermordeten Menschen schänden, ist in diesem Fall ein weiterer Effekt eines solchen Versuchs, uns für dumm zu verkaufen.

(1) Da es sich hier um keinen regulären Krieg handelt, sind auch Angriffe auf militärische Ziele nicht durch das Völkerrecht gedeckt und auf jeden Fall ein Kriegsverbrechen, wie etwa Michael Mandel und Noam Chomsky für vergleichbare Aktionen hervorgehoben haben.

(2) 18 +, Nichts für Sensible!! Film: https://www.youtube.com/watch?v=yHO1lnoWL1Q; Fotos: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=971362996287673&id=881240811966559 und https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=971203632970276&id=881240811966559 und https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=972759902814649&id=881240811966559

(3) Fotos: https://www.facebook.com/881240811966559/photos/pcb.972759902814649/972758149481491/?type=3&theater und https://www.facebook.com/881240811966559/photos/pcb.972759902814649/972759859481320/?type=3&theater

00:18 18.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dietrich Klose

Vielfältig interessiert am aktuellen Geschehen, zur Zeit besonders: Ukraine, Russland, Jemen, Rolle der USA, Neoliberalismus, Ausbeutung der 3. Welt
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Dietrich Klose

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