Nicht in Stein gemeißelt

SPD Norbert Walter-Borjans flog oft aus politischen Ämtern – diesmal ging er freiwillig. Was plant der Ex-Parteivorsitzende jetzt?
Hervorstehende Stellen wegflexen, Oberflächen abrunden: Ex-SPD-Chef und Hobby-Bildhauer Norbert Walter-Borjans
Hervorstehende Stellen wegflexen, Oberflächen abrunden: Ex-SPD-Chef und Hobby-Bildhauer Norbert Walter-Borjans

Foto: Nikita Teryoshin für der Freitag

Nur noch 1.500 Kalorien will Norbert Walter-Borjans am Tag zu sich nehmen. Er hat dafür eine App auf seinem Handy installiert, die „MyFitnessPal“ heißt und mit der er seine Ernährung organisiert. Wenn er Sport macht, kriegt er Kalorien „gutgeschrieben“. Für heute zeigt die App erst 20 solcher gutgeschriebener Kalorien an, „ich bin noch nicht joggen gewesen“, und deswegen bestellt er nur Wasser und einen Hähnchensalat in dem griechischen Restaurant, von dem aus man rüber auf das andere Rheinufer und den Kölner Dom blicken kann. Wenige Meter von dem Gasthof entfernt ragt der Lanxess Tower in die Höhe. Ohne das Zutun von Walter-Borjans hätte der heute einen anderen Namen.

Seit dem 11. Dezember ist er nicht mehr SPD-Vorsitzender. Bereits im Oktober hatte der 69-Jährige seinen Abschied mit dem Satz „Jetzt sollen mal Jüngere ran“ angekündigt und so den Weg für Lars Klingbeil frei gemacht. Das war neu, denn als SPD-Vorsitzender geht man nicht – man muss gehen. Beim Rücktritt von Andrea Nahles war gar von Mobbing und planmäßiger Demontage die Rede. Und Walter-Borjans? Der hat mit Saskia Esken die Partei geeint und dadurch Olaf Scholz zur Kanzlerschaft verholfen: „Er ist einer, der Zustimmung in breiten Bevölkerungskreisen findet“, sagt er. Nun sitzt er in Köln, trägt eine graue Sweatjacke – und ist happy, nicht mehr ständig in Online-Gremien sitzen zu müssen. „Die Kilos müssen ja runter!“

Abschiede ist er gewohnt. 1998 habe „ein spezieller Typ“ das Amt des Ministerpräsidenten in NRW übernommen und ihn als Regierungssprecher rausgeworfen. Er meint Wolfgang Clement, der als Choleriker bekannt war und dem er „als einer der wenigen“ widersprochen habe. Vielleicht einmal zu oft? Glaubt er nicht. Er habe einfach „zur alten Mannschaft“ gehört, zum Kabinett von Johannes Rau, der ihn Anfang der 90er Jahre zum Sprecher gemacht hatte. In NRW kursierte das Bonmot, Clement leide am „Prinz-Charles-Syndrom“, weil der olle Rau einfach nicht abdanken würde als Ministerpräsident. Als dann Clement am Zuge war, fiel Walter-Borjans von heute auf morgen von 180-Prozent-Auslastung auf null. „Das war erst mal ein Loch“, sagt er heute, „später war das aber gelernt.“

Der Millionenacker

Mit „später“ meint er zum Beispiel das Jahr 1999. Kurz nachdem er zum Staatssekretär im saarländischen Wirtschaftsministerium ernannt worden war, verlor die SPD die Landtagswahl und Walter-Borjans wurde von der Nachfolgeregierung in den „einstweiligen Ruhestand“ versetzt. Da war er 47 Jahre alt. Oder er meint 2005, als wieder eine Wahl verloren ging, diesmal in NRW, und Walter-Borjans exakt denselben Posten verlor, den er zuvor im Saarland gehabt hatte: „Da saß ich mit einer Riege von anderen Staatssekretären am Tisch, die alle Trübsal bliesen“, erinnert er sich. Seinen Kollegen habe er gesagt: „Ich weiß auch, wie man alleine Auto fährt oder ’ne Umsatzsteuererklärung macht.“

Nach der Wahl wurde Christa Thoben von der CDU Wirtschaftsministerin in Düsseldorf. Als Staatssekretär der abgewählten Regierung musste Walter-Borjans noch einige Wochen den Übergang organisieren, „rumrödeln“, nennt er das. Aber nicht lange, dann nahm er sich Urlaub: „Was sollte ich noch in dem Laden?“

Wenn man im Amt sei, würden einem viele „den Hof machen“, sagt der gebürtige Krefelder, aber 90 Prozent von denen seien danach weg. Anders der damalige Kommunikationschef von Lanxess, mit dem er sich angekumpelt hatte als Staatssekretär in NRW und der auch 2005 bei ihm anrief, nachdem dieser Job futsch war. „Ich würde den Kontakt gerne aufrechterhalten“, habe der ihm gesagt. Als Walter-Borjans im Jahr drauf Wirtschaftsdezernent in Köln wurde, setzte er sich erfolgreich für den Umzug des Leverkusener Chemiekonzerns in die Domstadt ein. „Deswegen sitzen wir genau an der richtigen Stelle“, sagt er und zeigt auf das 95 Meter hohe Gebäude, in dem Lanxess seit 2013 untergebracht ist. Vor Kurzem sei er am „Millionenacker“ im Stadtteil Ostheim vorbeigelaufen, einem Grundstück, auf dem in den 60er Jahren ein Krankenhaus gebaut werden sollte. Der Plan wurde verworfen, aber der Vertrag mit dem Landwirt stand. Und der fuhr sechzehn Millionen Euro Pachtzins über die Jahre ein – für ein brachliegendes Grundstück. Walter-Borjans krempelte die Ärmel hoch und sorgte für die Bebauung mit Wohnhäusern: „Hier in Köln ist mein Wirken am sichtbarsten.“ Und das, obwohl er 2010 sogar Finanzminister in NRW wurde (als die SPD dort wieder am Drücker war) und zum gefürchteten Robin Hood avancierte. Wie viele Steuerbetrüger er hinter Gitter gebracht hat? Weiß er nicht.

Ein paar Tage später im Berliner Prenzlauer Berg. Unter dem Klingelschild von Walter-Borjans steht der Name „Rau“. Kein Verwandter des verstorbenen Bundespräsidenten, nur ein gleichnamiger Nachbar. Im Februar 2020 hatte er als frisch gewählter Parteichef die Zweitwohnung mit seiner Partnerin bezogen. Die Ostberlinerin hatte schon zu DDR-Zeiten in dieser Gegend gewohnt. Ab kommendem März wird eine der Töchter von Walter-Borjans in die Bude einziehen, „dann muss ich hier raus“. Er geht ins Hotel, sollte er mal in die Hauptstadt müssen. Aber was soll er noch hier? Er wohnt in Düsseldorf, ist in Meerbusch aufgewachsen, heute ein „Reichen-Ghetto“, wie er sagt, damals wohnte die Familie Walter im bescheideneren Teil der Stadt namens Lank-Latum. Und sein Herz? Hängt an Kölle.

„Nowabo 08“ steht als Signatur unter einer Aktzeichnung, die an der Wand hängt. Über das Bild der nackten Frau hat er mit schwarzem Stift ein Zitat von Alanis Morissette gepinselt: „It’s the good advice that you just didn’t take. And who would’ve thought, it matters.“ Als junger Mann war Walter-Borjans DJ in einem katholischen Jugendclub. Und so spielt er den Song Ironic, aus dem das Zitat stammt, in voller Lautstärke auf seinem Handy. Dort heißt es eigentlich „figures“ und nicht „matters“, er habe das aus dem Kopf aufgeschrieben, als er das Bild gemalt hat. Lässt sich das Zitat politisch auslegen? Er wollte ja nie Parteichef werden, selbst dann nicht, als Andrea Nahles zurückgetreten war. In den Vorstand habe er gewollt, damit da ein Experte für Steuergerechtigkeit drinsitzt. Doch ein Seiteneinsteiger wie er hätte schlechte Chancen auf einen Vorstandsposten, hieß es aus der Partei, „es sei denn, du wirfst den Hut in den Ring für ganz oben“. Walter-Borjans erinnerte sich an einen Satz, den er auf der Lesereise seines 2018 erschienenen Buches Der große Bluff oftgehört hatte: „Dat is’ noch echte Sozialdemokratie!“ Also folgte er dem Rat der Genossen und bewarb sich mit Esken um den Parteivorsitz. Aber mit dem Lied Ironic und dessen Aufforderung, „good advice“ anzunehmen, habe das nichts zu tun gehabt. „So stark beeinflusst mich Alanis Morissette dann doch nicht.“

Die Kälte der Macht

Eine Home-Story über Walter-Borjans zu schreiben, ist nicht einfach. „Immer diese Interpretationen“, sagt er, wenn man versucht, seine Kunst politisch zu deuten. Zum Beispiel die Bildhauerei, die er seit 20 Jahren betreibt. Hervorstehende Stellen wegflexen, Oberflächen abrunden, ist das kein guter Vergleich mit dem Job, den er zuletzt bei der SPD hatte? „Die war ja kein Rohdiamant“, sagt er. Vielleicht hat er wegen solcher Metaphern, bei denen man sich etwas hilflos vorkommt, bisher nur einen einzigen Journalisten in seine Berliner Wohnung reingelassen. Und der war vom Radio, nix mit Bildern.

Er steht auf und zieht ein Buch aus seinem Regal: Monrepos oder die Kälte der Macht. Das hat Manfred Zach 1996 veröffentlicht, einer, der ab den 70er Jahren enger Mitarbeiter des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Spät (CDU) gewesen war. In dem Roman habe Zach den intriganten Apparat von Späth „bis zur Kenntlichkeit entstellt“, sagt Walter-Borjans, die Namen waren kaum verändert. „Aber da ist viel Wahres drin.“ Gelesen hat er ihn 2005, da kannte er sich schon aus mit den Methoden des politischen Systems. Sich selbst sieht er als „untypisch“ für dieses System.

Nach oben gekommen ist er durch seine Bekanntheit als Steuerjäger – und die 53,1 Prozent, die Esken und er im November 2019 bei der Stichwahl des SPD-Mitgliederentscheids bekamen. Der Fotograf klingelt schon an der Tür, als Walter-Borjans Urlaubsbilder ausgräbt. Auf seinem Touchpad, aus den Tiefen der Cloud, in die er sie kürzlich hochgeladen hat. Baseball-Cap, grauer Bart, die Hände auf einem großen Marmorklotz: So sieht es aus, wenn er an einem Workshop des Bildhauers Raphael Beil nahe der italienischen Stadt Carrara teilnimmt. Damals habe niemand gedacht, „der mit dem verstaubten Gesicht“ sei bestimmt der Finanzminister von NRW. Ob er nun öfter angesprochen wird, wenn er diesen Sommer wieder hinfährt? Bei einer NGO will er erst „in 20 oder 30 Jahren“ einsteigen, sagt er ironisch. Seine Biografie spricht eine andere Sprache.

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