Lauter spitze Ohren

Hamburg zu Fuß Seit Doris Brandt einen Kinderwagen durch Hamburg schiebt, hat sie ganz neue Perspektiven auf die Stadt. Diesmal versucht sie, Loriots Mops-Liebe zu verstehen

Ich schätze Loriots Witz. Wirklich. Loriot war für mich einer der geistreichsten und feinsinnigsten Humoristen seiner Zeit. Umso mehr bereitet mir schon seit längerem eines seiner Zitate Kopfzerbrechen. "Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos." Ich, die ich keine besonders innige Beziehung zu dieser Leberwurst-förmigen Hunderasse pflege, frage mich: Warum? Was macht ein Leben mit Mops lebenswerter als ein Dasein ohne?

Die Hundewiese an der Außenalster scheint mir am heutigen Nachmittag wie geschaffen für meine Mops-Erhebungen. In den hier angrenzenden Stadtteilen gibt es keine Tierhandlungen, sondern Hunde-Accessoire-Geschäfte mit klangvollen Namen wie Koko von Knebel, Luxury Dogs, V.I.Pets. Wo wird das neue Equipment für Kleinhunde ausgeführt, wenn nicht hier. Eine hohe Mops-Dichte sollte vorprogrammiert sein, so denke ich.

"Bubi, komm' zu Mutti"

Der Frühling ist da. Endlich. Hundebellen, Vogelgezwitscher und Sand-Gummi-Sohlen-Schlurf-Geräusche, verursacht von Joggern, die geduldig Hunde, Spaziergänger, Kinderwagen und Kleinkinder mit Bobbycars umrunden. Derzeit lassen die Möpse auf sich warten. Stattdessen kommt mir eine Dogge entgegen, die meine Kleidergröße hätte, trüge sie Kleider. "Bubi, komm' zu Mutti!" Noch hoffe ich inständig, dass die zierliche Frau in kariert, die mir gerade entgegen kommt, ihren Sohn mit einem etwas unpassenden Kosenamen zu sich hin zitiert. Aber Bubi gehorcht, schlabbert, bellt und hätte meine Kleidergröße.

Die Alster ist gesäumt von Hightech-Laufequipment, von Händchen-haltenden Pärchen, von Büro-Anzugsmenschen mit Coffee-to-Go in der verspäteten Mittagspause. Eine Farbe sticht aus dieser frühlingshaften Spaziergänger-Karawane hervor: orange. In hoher Taktung ziehen sogenannte Best-Ager vorbei, mit einer Hautfarbe, die darauf schließen lässt, dass sie entweder gerade ihrem spanischen Überwinterungs-Quartier Adiós gesagt oder es einfach mit der Karotten-Creme zu gut gemeint haben.

Und da! Endlich der erste Mops. Zielstrebig gehe ich auf das Frauchen zu: orangefarben, um die siebzig, New-York-Yankees-Mütze mit Strass-Steinchen besetzt. Auf meine Frage hin, was ein Leben mit Mops so lebenswert macht, eine knappe Antwort: "Dann schauen sie ihn sich doch an!" Ich schaue ihn an. Ein zu heiß gewaschener Franz Josef Strauß in einem zu engem Kurzhaarfell blinzelt zurück. Die peinliche Stille wird zum Glück von den Steuermann-Kommandos eines auf dem Wasser vorbeiziehenden Ruder-Achters unterbrochen.

"Agility-Aufgaben" für den Hund

Ich bin verabredet und warte auf meine Verabredung. Schaue dabei kleinen Hunden zu, die auf kaum vorhandenen Beinchen versuchen, einem Ball hinterher zu tippeln. Am Baum ein Aushang des "Chi-Sitters – Hundesitter für die Kleinen". Das Programm würde jede Kindertagesstätte und jede Senioren-Residenz ins Abseits drängen: "Agility-Aufgaben", die bei schönem Wetter im Wald stattfinden, DiscDogging auf dem Feld verspricht Action, geniale Schnüffelspiele trainieren das kleine Näschen, individuelle Trainingseinheiten auf schönen Spaziergängen den Intellekt. Nur der angebotene "Beaty-Service" irritiert auf den ersten Blick ein wenig, auf den zweiten Blick wurde der "Beauty-Service" nur um ein "u" gebracht.

Ich wusste es. Ich befinde mich in einem Mops-Eldorado. Plötzlich okkupieren kleine Hunde mit nach innengekehrter Schnauze das grüne Gras. Ein Herrchen – es ist zwar erst um die 30, aber trotzdem ziemlich orange – passiert mich mit einem hechelnden Kleinhund. Ich stelle meine Frage und bekomme eine Antwort: "Das ist kein Mops." Mit allem habe ich gerechnet, damit nicht. Jetzt erfahre ich, dass ein Mops mit spitzen Ohren kein Mops, sondern eine französische Bulldogge ist.

Trend zum spitzen Ohr

Ich wage einen Blick in die Runde und sehe spitze Ohren, soweit das Auge reicht. Die Mops-Dichte siecht dahin, das imaginäre Säulendiagramm mit der Anzahl französischer Bulldogen schießt in den Himmel. Ein mickriger Mops am ganzen Nachmittag. Proportionen identisch, Mäntelchen, Halsband mit aufgestickten Namen identisch, nur geht der Trend zum spitzen Ohr. Die Dichte Französischer Bulldoggen wird mir zu hoch. Ich beschließe – Loriot hin oder her –, mich zukünftig nur mit klar zu identifizierenden Tieren auseinanderzusetzten. Was macht eigentlich ein Leben mit Nilpferden lebenswerter als ein Dasein ohne?

Immer dienstags setzt Doris Brandt, Freitag-Autorin und Community-Mitglied, ihren Rundgang durch Hamburg fort und zeichnet so ihr ganz eigenes Stadtbild. Dass sie rechts und links verwechselt, kommt nur in Ausnahmefällen vor.

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