2 Anmerkungen zu S. Gabriel im akt. Spiegel

Im Schafspelz Zu Gabriel kann man viel sagen, hier aber geht es erstmal um 2 Dinge:
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

1. Verfassungspatriotismus

Im Anschluß an P. Glotz, der laut Gabriel für Schland die "Gefahr" einer Demokratierevision von rechts erkannt hatte, schreibt G.:
"Zwar hieß es immer, die Linke habe den Kampf um die kulturelle Hegemonie gewonnen. Doch es blieb offen, ob im Unterstrom nicht das nationale Identitätsbedürfnis den Verfassungspatriotismus aushöhlen und entkräften würde."

Dem ist entgegenzuhalten, daß der VP erkennbar - und seit seinem ersten Auftritt offen kritisiert -, schon per se kein sehr "kräftiges" Eigenleben hatte, - erst recht nicht als sozialer Leim fungieren konnte, eher ein absichtsvoll "hohles" Konstrukt ist/war, das im guten/bestmöglichen Verfahren notfalls auch mal (kurzfristig) die wildesten Widersprüche in sich aufnehmen kann. Das ist natürlich eine wesentliche Aufgabe nahezu jedes "guten/bestmöglichen Verfahrens", aber es entbindet nicht von der Bearbeitung der Widersprüche außerhalb und innerhalb seiner Hohlräume, - doch genau das, diese Widerspruchsbearbeitung, ist trotz/gerade wegen (?) einer relativen "kulturellen Hegemonie" linkerseits unterblieben.

Und wo der Großmagen der Verfassungsordnung geweitet bleibt, aber bis auf gelegentliche Neu- u. Sondersituationen wie Wende/Vereinigung, Euro, Agenda 2010 u. ä. nicht so wahnsinnig viel zu tun ist, weil es den Meisten leidlich bis ausgezeichnet geht, - auch wenn das noch deutlich zuwenige sind -, braucht man sich nicht zu wundern, daß auch Rechte ihren Marsch durch die Institutionen antreten, - erst recht, wenn die Wege darin derart mit Gold gepflastert sind, - siehe AfD-Aktion noch voriges Jahr (und zunächst gleichgültig ob als Übergangsphase oder Ziel)

Gleiches gilt für die Räume außerhalb des großen Verfassungsverfahrens, die dessen konkretere Zielwerte setzen : Die höchst relative (Peter Stein hat schon in den 70gern B. Strauß in der Schaubühne am H.Ufer/Lehniner Platz aufgeführt, - ok: da inserierte sich B.S. noch als "Linker", aber das kennzeichnet ja das Problem noch besser ...) "kulturelle Hegemonie" erschien nur deshalb so, weil man Spielplätze 'erobert' hatte, in denen man der Widerspruchsbearbeitung perfekt ausweichen konnte. So entstand aus der Innen-/Sandkastenperspektive der falsche Anschein, zumindest in weiten "Kultur"-Teilen "gesiegt" zu haben, während sich Räume/Grundlagen für Rechte schon durch die Leere und Unbesetztheit, - auch ganz konkret von den Arbeitsstellen (gerade auch dispositiver Arbeit), Ämtern & Funktionen bis hin zu den neue(este)n technischen und anderen Entwicklungen, die den Linken (zu) unbequem waren -, erhebliche Gedanken- u. Gestaltungsräume ergaben.

Dazu trug nicht nur der "Sieg" relativ linker Anliegen im Kanzleramt/CDU u. ä. bei, wie Gabriel richtig anmerkt, sondern auch die Erfahrung relativer Machtlosigkeit auf den Siegerstraßen der einst mal links auftretenden "Denker", Kulturträger/-analytiker, aber auch der dortigen Schwätzer usw.:
Die Umstellung von Steuern und deren politisch-verfassungsmäßiger Verausgabung (Cameralistik) auf den Paternalismus der "gebenden Hand" begründete Slotti einst auch damit, daß sein Adoptivsohn, der wohl sehr gut violiniert/bratschiert, selbst für IHN nicht am berühmten Wiener Konservatorium unterzubringen war.(TV)

SEITHER (spätestens) geht's mit ihm bergab.

Unter dem linkerseits weitgehend unbearbeiteten Eindruck, wie wenig man auch in gehobener bis exponierter Position und gutem bis sehr gutem Vermögen/Einkommen auszurichten vermag (nahezu ein Desaster des persönlich-finanziellen "Materialismus", der sich doch zunächst so gut - "unter DIESEN Verhältnissen ...!" - mit dem ideologischen M'mus zu vertragen schien ...), vor allem wenn sich zuvor Präferiertes, wie z. B. unter linker Wertsetzung stehende "rationale Verfahren", plötzlich als hinderlich für's "andere Gute" erweisen, bis hin zur linken Unfähigkeit & zu linkem Unwillen, sich den zumeist konkurrierenden u. z. T. antagonistischen Zielbeziehungen der herrschenden Werte, darunter auch viele linke Werte, zu stellen, an denen etwa ein Fünftel der Gesellschaft in der ständigen Gefahr steht, zu zerschellen.
Einer der problematischten Werte ist, neben z. B. der Leistungsgerechtigkeit und der bedrafsgerechtigkeit auch jener der Ersitzungsgerechtigkeit (vergl. Senioritätsprinzip):
Wer ewig da war, hat mehr Rechte & Optionen als ein Newcomer, wer zuerst kommt mahlt zuerst, wer je weiter vorn in der Schlange oder einer anderen Anwartsliste steht, der hat auch desto höhere Chancen auf Zuteilung bzw. Leistung usw. (auch eine Form des Rechtes des "Stärkeren"!), - wo aber auf die Anwartsliste immer wieder Andere vor ihnen eingetragen werden (können), weil ein nach herrschendem ("linken" o. "rechten") Wert gesteuertes Rationalverfahren angewandt wird, gilt nat. auch für die Schlange beim Arzt, wo z. B. ein schwerblutender Notfall reinkommt, oder beim Sitzplatz im ÖPNV ...
Mit Glück (Familienunterstützung) nur, konnte ich z. B. die kritische Situation überbrücken, als mir das Arbeitsamt bedeutete, ein Jahr auf die Wirtschaftsinformatikerausbil- dung warten zu müssen, da ich weder alkoholkrank noch straffällig sei, und Mittel nur noch für diese Gruppen zur Verfügung stünden/solche Plätze gefördert würden.

Welche Voraussetzungen muß jemand haben bzw. bietet die Linke an Verarbeitungshilfe, um mit sowas über die Runden zu kommen und dabei nicht "rechts" zu werden, - besonders dann, wenn sich dergleichen wiederholt?

Auch weil es dann ja gut geklappt hat (toller Typ beim Arbamt, leider wohl auch von seinem AG vernachlässsigt, wie ich später zunehmend feststellen musste) nach dem Wartejahr, und mir bei der späteren, nahen Begegnung mit Alkoholkranken, der konkrete Sinn solcher Regelungen zum abstrakt immer unterzeichneten Wert direkt gegenübertrat, konnte ich natürlich leichter meinen Frieden damit machen/behalten, als jemand, bei dem es von der Bildung (einschl. des 'Charakters' im ethischen Sinn) bis zum geglückten Abschluß auch wegen rationaler Priorisierung anderer eben NICHT geklappt hat.

2. Ersitzung

Gabriel schreibt über "die gezierte und selbstverliebte Distanzierung von der ruppigen Welt der Parteiendemokratie" , die es abzulegen gälte und beklagt weiter, es sei wohl "nicht sexy, sich mit aktenlesenden Parlamentarieren gemein zu machen, die um Komprommisse ringen."
Da ist ja wohl eher die Umkehrung richtig: Politiker schätzen aktenlesende Normalos (die auch mal Experten in einer Sache sein können) nämlich ÜBERHAUPT NICHT, wie die Praxis seit je zeigt.
Denn jedes Sachargument, jeder gute Vortrag stellt den/die Politiker/in potentiell in Frage:
Er/sie hat seine Position u. z. T. sogar Legitimation ja dadurch erworben, daß er/sie einen Marathon an Sitzungen & an erheblicher Klüngelei, an Bündnispraktiken, die früher o. später dazu führen, auch mal donnernde Entschiedenheit auf Gebieten vorzutragen, von denen man nun wirklich keine Ahnung hat, hinter sich gebracht hat, - wobei der Marathon den Erwerb anderer GUTER, TIEFER Expertise geradezu zwangsläufig ausschließt, weil für fundamentale (Berufs- u. Lebens-) Erfahrungen, vertiefende Studien (Erfahrung = Erlebtes mal dessen Verarbeitung!) und ähnliches gar keine ZEIT bleiben KANN, wenn man ab etwa Mitte zwanzig schon die parteiliche Ochsentour antreten muß, wenn man in 20-40 Jahren evtl. auch mal "was zu sagen" haben will.
[Die Quereinsteigerei hat sich so natürlich auch nicht wahnsinnig/generell bewährt.]

Siehe auch Charles Taylor im akt. Zeit-Interview (Ausg. 23.6.16)

14:22 23.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

dos

blender-studies since early 70ies. Im Zweifel links von der Sozialdemokratie.
Avatar

Kommentare