Das Gewicht

Gewicht Manchmal, an Tagen wie diesen, hat man den Wunsch, die Hand auszustrecken und die Wolke, die am Himmel scheinbar sinnlos hängt, zu fangen und an sich zu ziehen...
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Manchmal, an Tagen wie diesen, hat man den Wunsch, die Hand auszustrecken und die Wolke, die am Himmel scheinbar sinnlos hängt, zu fangen und an sich zu ziehen, um in ihrer Sanftheit zu versinken. Aber dieser Wunsch nach Ruhe im Leben schien unerreichbar zu sein. Dieser Wunsch und viele andere Wünsche waren durch meine Erfahrungen, in der Enge in meiner Brust erstickt. Ich trug nur ihre Leichen im Herzen und jetzt hielt die Leiche meines eigenen Sohnes in den Armen. Leicht, wie diese Wolke schien sie mir. Es war schwer zu entscheiden: Sollte ich diesen sanften Körper fühlen oder mich eher nach der der Wolke sehnen?

Mit Träumen und Wünschen kam ich in dieses Land. Ich hatte zwar keine Schulzeit und keine Ausbildung, wohl aber den Traum, etwas aus meinem Leben zu machen. Manche Träume, wenn andere davon erfahren, bringen die Menschen nur zum Lachen. Mich lachten die Menschen auch aus, als ich von meiner glorreicher Zukunft sprach. Schließlich musste ich doch in der Küche irgendeines Restaurants landen, musste spülen und als ein Arbeiter mein Leben fristen. Dies alles tat ich und vieles andere auch, bis die Träume im geregelten, organisierten Leben untergingen. Ich sah alles mit leeren Augen an und zuckte nur noch mit den Schultern. Die Gänge zu Behörden, zu Instituten, zu verschiedensten Arbeitsplätzen, die Beschimpfungen der Chefs, die erniedrigenden Blicke, die Verneinung aller meiner Ideen durch Andere. Das alles brachte mich schließlich dazu, dass ich gar nichts mehr sagte. Ich versuchte meine Gefühle zu unterdrücken. Ich schaute nur noch mit leeren Blicken, ich suchte den Ausgleich in der Anpassung. Ich wurde zu einer Marionette, die nicht dachte, nicht sprach, sich nicht bewegte. Sie wurde bewegt, ihr wurden Worte in den Mund gelegt und eigenes Denken war verboten.

Erst trat meine Frau, dann meine Kinder in mein Leben. Sie brachten mich kurzfristig aus diesem Starrezustand der Träume heraus, um mich daraufhin wieder zu verlassen und mich in den vorherigen Zustand zurückzuwerfen. Mein Sohn, dessen wärmelose Leiche ich in den Händen trage, wurde langsam älter, kam in die Pubertät und starb schon in seinem 25. Lebensjahr. Völlig abgemagert sah er aus. Wie jene Wolke, ganz ohne Gewicht, fühlte er sich an. Rotschwarzes Blut trat aus seiner Nase und aus dem Arm und wurde so trocken wie seine Augen. Hässlich sah es aus, so wie die Spritze neben ihm. Ich, der mein Leben lang schwere Kisten, Steine und alles möglich tragen mußte, fühlte mich jetzt nicht imstande, diesen leichten Sohn zu tragen. Ich konnte ihn nicht lange halten. Meine Beine, meine Arme, mein ganzer Körper fühlten sich zu schwach für dieses Gewicht. Wie gerne hätte ich auch heute an seiner Stelle jene schweren Kisten getragen.

Als er in die Pubertät kam, änderten sich bestimmt seine Gedanken. Er definierte seine Welt neu. Er suchte bestimmt eine andere Liebe der Eltern, als ich sie ihm je geben konnte. Er verschloss sich langsam vor uns. In meinem traumlosen Zustand, ohne Ideen und ohne Worte, unsicher in meiner ganzen Person, hatte mich nie getraut, ihn darauf anzusprechen. Ich hatte das auch nirgends gelernt. Ich fühlte immer eine Barriere, eine Unsicherheit, als ob auch er über meine Schwächen lachen würde. Ich hatte oft versucht, ihn zu fragen, was los sei. Er hatte zwar diese hilfesuchenden Blicke, aber sagte nichts. Bestimmt hatte er mich durchschaut. Er wusste, dass ich keine Gefühle mehr hatte, keine Träume mehr spürte, sondern nur noch arbeitete. Von der Arbeit nach Hause, dann Fernsehen, ohne etwas zu verstehen und sonst nichts mehr. Er hatte mich wirklich als eine Marionette des Systems durchschaut. Er wusste, dass ich keine Zeit für ihn hatte. Er hatte es erkannt. Und mit dieser Erkenntnis hatte er sicherlich mit Drogen angefangen. Er war unter 18, als er damit begann. Oder war er etwa über 18? Ach, das war doch egal. Das spielte keine Rolle mehr. Er war jetzt 25 und wog weniger als ein Fernsehgerät.

Ich hatte es mit meinen Augen gesehen, dass er von Tag zu Tag magerer wurde. Dass er unausgeschlafen wirkte, dass er einfach keinen Appetit mehr hatte, dass er gereizt reagierte; er mied uns, er kapselte sich ab, er hatte kein Interesse mehr am Leben.


Nie hatte ich wieder diese Träume bekommen, die es mir erleichtert hätten, mir einen Zugang zu ihm zu verschaffen. Ich hätte doch wenigstens mit ihm reden können. Ich hätte doch mit ihm irgendwo hinfahren können. Er brauchte gar kein Geld, er brauchte nur einen Vater, einen Freund, der für ihn da war. Stattdessen hatte er einen fremden Mann in seinem Haus, den er jeden Tag ansehen musste und der gefühllos wirkte. Lustlos schien er, genervt vom Leben, wie ein Bulle unter dem Joch, mit verbundenen Augen. Einem solchen fremden Mann hätte man ja so oder so nicht vertraut. Gut, ich konnte ihn verstehen. Er muss sich einsam gefühlt haben.

Als er ein Jahr alt war und die ersten holprigen Gehversuche unternahm, half ich ihm. Das habe ich bis heute nicht vergessen. Warum konnte ich ihm nur jetzt nicht helfen?

Die Wolke kommt näher. Ich fühle ihre Schwerelosigkeit. Sie fühlt sich an, wie die tote Haut meines Sohnes. Die Drogen gaben ihm das, was ich und die Welt ihm nicht geben konnten: Träume, Fantasie, eine ruhige Ecke zur Flucht, den Tod.

Warum hatte ich ihm nicht gezeigt, wie man lebt, wenn ich ihm doch das Gehen zeigte? Weil ich selbst nicht wusste, wie man lebt?

So viele Jahre war ich einfach blind gewesen und wusste nicht, dass mit meinem Sohn etwas nicht stimmte. Oder doch, ich wusste, dass er etwas brauchte. Aber was? Ich hatte immer eine Blockade gefühlt und hatte mich nie getraut, ihn zu fragen. Ich fühlte mich genauso unsicher, wie in meinem ganzen bisherigen Leben, nachdem ich meine Träume, einen nach dem anderen begraben hatte. Ich konnte ihm nicht helfen, weil ich mir selbst nie helfen konnte. Ich hatte es nicht einmal geschafft, ihm je zu sagen, wie sehr ich ihn liebte. Ich hatte ihn nur bei besonderen Anlässen umarmt. Mit blockierten Gefühlen, bei denen ich am liebsten jedesmal in Tränen ausbrechen wollte. Ich wusste einfach nicht, wie ich meinem eigenen Sohn helfen konnte. Ich wusste es einfach nicht. Dieses Unwissen und meine ganze Lebensweise wurden bestraft. Die Strafe war sehr hart. Sie tat sogar jemandem weh, dessen Gefühle so abgestumpft waren, wie meine.

Die Wolke kam mir so nahe, dass ich sie spüren konnte. Sie war sehr sanft. Ich fühlte mich schwebend, ein Gefühl wie in der Luft.

Draußen klingelt es. Vielleicht macht meine Frau die Tür auf. Fremde Menschen traten ein. Alle waren gleich gekleidet. Sie nahmen mir meinen Sohn weg. Sie nahmen mir meine Wolke weg. Meinen letzten, irgendwo versteckten, nie erfüllten Traum. Sie nahmen mir das Gewicht weg, das ich nicht tragen konnte. Das erleichterte mich. Es tat nicht mehr weh.

22:09 02.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dr. Mohammed Sarfraz Baloch

Arzt in Neurochirurgie. Familie aus Pakistan. Dort als Ahmadi-Muslime (ahmadiyya.de) verfolgt. Deutschland ist meine Heimat. Hier mein Herz.
Dr. Mohammed Sarfraz Baloch

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