Liebe Museen, regt euch!

Museumsschließungen Nachdem Museen in Teilen des Landes öffnen durften, schließen sie nun peu à peu wieder – ein Umstand, den die Institutionen nicht länger hinnehmen sollten!
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Liebe Museen, regt euch!

Seit Montag, dem 8. März durften in Teilen des Landes die Museen wieder öffnen. Leider habe ich es in der ersten Woche nur in zwei Museen der Region geschafft. Nun schließen die ersten bereits wieder, weil die Inzidenz drei Tage über 100 war – und ich bleibe wütend, enttäuscht und ohnmächtig vor verschlossener Museumstür zurück.

Ich bin freiberufliche Kunsthistorikerin und berufsbedingt wie privat unglücklich mit der aktuellen Lockdown-Situation der Kulturinstitutionen. Seit November sind die Museen geschlossen und hierarchisch hinter andere Bereiche des öffentlichen Lebens gerutscht. Ich versuche nicht zu vergleichen, denn es trifft gerade viele schwer und das Vergleichen reißt die klaffenden Gräben noch weiter auf. Dennoch nagt die Frage an mir: ist mein Recht auf Coffee to go, auf einen Haarschnitt oder Blumenkasten größer als mein Recht auf Kulturkonsum, Bildung, intelligente Erholung, mentale Fernreise? Ganz zu schweigen von den unzähligen Menschen, die „hinter den Kulissen“ einem tatsächlichen Berufsausübungsverbot ausgesetzt sind und durch die Bestimmungen ihre Lebensgrundlage, also ihre Brötchen, verlieren – frei nach dem Motto: „sollen sie doch Kuchen essen“! (derzeit noch v.a. Freiberufliche aber auch Kurzarbeitende)

Nein, so nicht! Ich möchte wieder Vollkornbrot! Kunst und Kultur ist kein Amuse Gueule, kein Nachtisch oder Leckerli. Es ist der Ballaststoff, der unser Menschsein ausmacht. Seit Jahrtausenden zeichnet es die Menschheit aus, dass sie in Gruppen lebt, jagt, sammelt und: Kunst schafft. 45.500 Jahre alte Wandmalereien und 30.000 Jahre alte Plastiken zeugen davon. Die Kunst trotzte widrigsten Zeiten, seien es schwierige Umstände (Steinzeit, Mittelalter…) oder politische Systeme (Diktaturen). Im Zweifel gab sie Halt, Zuversicht, war Ausdruck des Überlebens. Nun werden Musiker:innen, Künstler:innen, Theatertreibende, Tänzer:innen sprachlos gemacht und wir, die als Gesellschaft daraus positive Energie ziehen könnten, um durch diese schwierige Phase zu kommen und Resilienz aufzubauen, aber auch einfach um Mensch sein zu dürfen, wir müssen stumm, taub, blind und zunehmend gefühlsarm unserem Dasein fristen. Es mag pathetisch klingen, aber genug ist genug. Wir sind es unseren Vorfahr:innen schuldig, aber auch und vor allem unseren Mitmenschen.

Liebe Museen, liebe Theater, liebe Kultureinrichtungen, liebe freischaffenden Künstler:innen!

Regt euch: kämpft dafür, eure Tore nicht zu schließen, seid mutig, macht weiter! Es gibt nach meinem Kenntnisstand keine fundierten Untersuchungen, dass die Ansteckungsgefahr bei Kulturkonsum immanent höher ist. Im Gegenteil: Es ist mittlerweile in unterschiedlichen Studien erwiesen, dass die Ansteckungsgefahr bei Kulturkonsum sehr gering ist.[1] (alleine oder zu zweit, Maske tragende mit Abstand, andächtig schweigend vor einem Gemälde…kein Wunder!) Vielleicht waren die Regelmacher:innen lange nicht im Museum, sie sind bekannt beschäftigt und haben hierfür keine Zeit. Aber LEIDER leiden die Museen im Durschnitt nicht an Überfüllung. Die Konzepte sind in den Kulturinstitutionen gut. Wenn die Lage es erfordert könnten noch weitere Optionen ausgearbeitet werden, wie bspw. Tage oder Zeiten für vulnerable Gruppen anzubieten, wie es in Tübingen beim Einkaufen gehandhabt wird. Es gab durchaus schon offene Briefe von den Verbänden und Direktor:innen, aber leider reicht es noch nicht.[2] Vielleicht braucht es nun andere Mittel und Wege um der Politik zu zeigen, wie wichtig Kultur für unsere Gesellschaft ist. So wäre es meines Erachtens an der Zeit für eine juristische Prüfung der Verhältnismäßigkeit und damit verbunden der den Entscheidungen zu Grunde liegenden Zahlen (Infektionsrisiko). Es wird immer offensichtlicher, dass Inzidenzen KEINE Aussage zum aktuellen Befinden der Gesellschaft machen (die Zahl zeigt kein Verhältnis zu den getätigten Tests, vor allem jetzt, da mit den Schnelltests auch symptomfreie Menschen getestet werden[3], die Zahl spiegelt nicht die Auslastung des Gesundheitssystems[4].) Wir müssen lauter und mutiger werden, wir müssen die gesellschaftliche und politische Herausforderung annehmen. Gerade jetzt, wo die Stimmung in der Bevölkerung zunehmend rau wird, müssen wir daran arbeiten, die Menschen wieder zusammenzubringen und ihre verbindenden Elemente zu stärken. Wenn wir uns nicht regen, arbeiten wir nicht zuletzt aktiv daran mit, uns selbst irrelevant zu machen und untergraben damit unsere Existenzberechtigung für die nahe oder fernere Zukunft.

Aber Kultur ist relevant. In dubio pro artes.

[1] https://depositonce.tu-berlin.de/handle/11303/12578

[2] Z.B.: https://www.museumsbund.de/die-menschen-brauchen-einen-lichtblick-museen-spielen-dabei-eine-zentrale-rolle/; https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/kunstmuseen-lockdown-offener-brief-li.135264

[3] https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/durch-massentests-steigt-automatisch-die-inzidenzrate-17230276.html

[4] https://www.welt.de/politik/deutschland/article226880263/Corona-Unter-Amtsaerzten-broeckelt-Rueckhalt-fuer-Inzidenz-Kurs.html

11:06 19.03.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisabeth Bohnet

Freischaffende Kunsthistorikerin und Germanistin
Elisabeth Bohnet

Kommentare