„Le Monde“ fordert Solidarität für den Schriftsteller Antonio Tabucchi

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In seiner online-Ausgabe vom 18. November hat Le Monde eine Solidaritätsadresse für Antonio Tabucchi veröffentlicht. Darin heißt es:

„Der Schriftsteller Antonio Tabucchi sieht sich einer Schadensersatzforderung von 1,3 Millionen Euro wegen Verleumdung von Renato Schifani, Präsident des Senats und Anwalt aus Sizilien, ausgesetzt. Dieser ist der Hauptunterstützer von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Im Mai 2008 hatte Tabucchi in der linksgerichteten Tageszeitung L’Unità geschrieben, dass Schifani in der Vergangenheit Gegenstand von Ermittlungen wegen angeblicher Verbindungen zu Personen gewesen war, die der Mafia angehören. Er übernahm Nachrichten, die bereits erschienen waren und präzisierte, dass der Präsident des Senats „freigesprochen“ wurde. Die Episode zeigt die Gewalttätigkeit der Verhältnisse zwischen der Macht und der Presse.“

Der inkriminierte Artikel (*) war am 20. Mai 2008 mit den Worten „Die Tatsachen und das Gift“ erschienen. Der eher als Schriftsteller und Übersetzer bekannte Antonio Tabucchi, Jahrgang 1943, hatte sich darin mit einer Artikelfolge in der Tageszeitung La Repubblica auseinander gesetzt, bei der es weniger um Schifani ging, als vielmehr um die Journalisten und Autoren Giuseppe D’Avanzo und Marco Travaglio. Letzterer, im April mit dem Preis der Pressefreiheit 2009 desDJV ausgezeichnet, hatte in einer Fernsehsendung beim staatlichen Sender RAI sein neuestes Buch in Zusammenarbeit mit Peter Gomez „Wenn du sie kennst, meidest du sie“ vorgestellt. Dessen Inhalt: Geburtsorte und -daten, Curricula, besondere persönliche Merkmale, Strafregister, Abwesenheiten im Parlament und berühmte Sätze der soeben frisch (wieder-)gewählten Politiker im italienischen Parlament. In dem natürlich Renato Schifani, Jahrgang 1950, nicht fehlen konnte. Dank seiner Wiederwahl im April 2008 und der neuen Mehrheitsverhältnisse seit Mai war er gerade zum Präsidenten des Senats aufgerückt und damit gemäß Verfassung in eines der vier höchsten Ämter im Staat. Travaglio referierte in der Fernsehsendung demzufolge auch über diesen Staatsmann und seine vorherigen geschäftlichen Verbindungen, was ihm eine ernste Rüge seitens eines der Federführer von La Repubblica, Giuseppe D’Avanzo, eintrug. Das sei kein „Informationsjournalismus, wie er sich selbst darstellt“, sondern in schlechtester italienischer Tradition „Meinungsjournalismus, der sich dem Publikum nie korrekt mitteilt.“ Das sonderbare Geplänkel, das daraus in der Tageszeitung entstand, war der Gegenstand der Betrachtungen von Tabucchi beim Mitkonkurrenten L’Unità, wobei er Schifani als Ausgangspunkt der Debatte nahm, der er auch tatsächlich war. Er zitierte dabei nicht aus dem Buch von Travaglio, sondern aus der Gesamtheit der Äußerungen in Fernsehsendung und Artikelfolge, nahm also diese in der Welt befindlichen Tatsachen auf und verarbeitete sie auf einer Meinungsseite. Warum genau nun Schifani und vor allem wieso in dieser Höhe geklagt hat, erschließt sich nicht. Tabucchis Verleger Gallimard jedenfalls sieht darin einen Versuch, „ein Gewissen einzuschüchtern“ und hat folgerichtig die Solidaritätsadresse mit ins Leben gerufen. Sie wurde unter anderem bereits von Philip Roth und Orhan Pamuk unterzeichnet.

Renato Schifani ist, nachdem seine ursprüngliche politische Heimat, die Democrazia Cristiana, sich aufgelöst hatte, seit 1995 Mitglied der Partei von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, Forza Italia, die sich seit März 2009 in Popolo della Libertà (Volk der Freiheit, PdL) umbenannt hat. Er war 2003 der Initiator eines Gesetzes („lodo Schifani“), das für die vier höchsten Staatsämter die Unterbrechung sämtlicher gegen sie angestrengten Strafprozesse vorsah. Dieses war Vorläufer eines weiteren Gesetzes zur Immunität desselben Personenkreises, dem sog. „lodo Alfano“. Beide Gesetze wurden wegen Verfassungswidrigkeit vom italienischen Höchstgericht aufgehoben.

Antonio Tabucchi hat seine Liebe zum Schreiben über den portugiesischen Schriftsteller Fernando Pessoa entdeckt, dessen Werke er übersetzte. Er beschreibt im eigenen Werk („Erklärt Pereira“) kritisch die politische Wirklichkeit und kommt in seinen Analysen speziell im italienischen Kontext zu pessimistischen Ergebnissen. Einige seiner Auszeichnungen sind der Prix Médicis étranger (1987), der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur (1998). Seit 1989 ist er Mitglied des portugiesischen Ordens „Do Infante Dom Herique“ und „Chevalier des Arts et des Lettres“ in Frankreich.

(*) Auf eine Verlinkung hat dieser Blog(g)er bewusst verzichtet. Einerseits um die Plattform, andererseits sich selbst nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Soweit ersichtlich, ist dies der erste Beitrag im deutschsprachigen Netz dazu. Den Rest kann man sich denken, wenn man will. So auch den Originalartikel finden, ebenda.

14:11 22.11.2009
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ed2murrow

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