Kalender mit 24 Türen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nach Deutschland kommen war nicht schwer, selbst als junger Erwachsener. Der Reisepass hatte die richtige, grüne Farbe; makellos, weil frei von jeder Inflexion, war die Sprache in Wort und Schrift; die nötigen Mittel zur Bestreitung des Jurastudiums standen bereit.

So dass die erste Konfrontation mit einer deutschen Wirklichkeit nicht die klassische mit Ämtern war. Da, wo ich herkam, war der freundliche Umgang mit Menschen eine Selbstverständlichkeit, auch wenn sie hinter einem Schalter sitzen oder einem staatlichen Büromöbel. Und umgekehrt, davor stehend. Unabhängig vom Wortschatz. Ausgerechnet in dem Wirtshaus, das mangels anderer preiswerter Unterkünfte das erste Domizil wurde, nahm Wirklichkeit eine harte Gestalt an.

Die neugeborene Uni war überschaubar. Wo sich das soziale Leben naturgemäß für junge, stets hungrige Menschen abspielt, in der behelfsmäßigen Mensa, war mit Handschlag bald jede und jeder begrüßt. So dass ich mir an einem Dezemberabend einen Südafrikaner (aus den Augen verloren), einen Hessen (Versicherung, in den neuen Bundesländern), eine Fränkin (in Griechenland verheiratet), eine Italienerin (Richtung Hamburg verschwunden) einlud. Ins Wirtshaus, anderswo auch als Gasthaus bekannt, aufs Zimmer. Zu einer Feuerzangenbowle.

Pünktlich um 22:00 Uhr standen die Herren in Grün vor der Tür, die Wirtshausleitung samt den Gästen hätten sich beschwert. In meinen unmittelbaren Erinnerungen, an denen sich im Laufe der Jahre nichts geändert hat, war der Lärmpegel nicht hoch gewesen. Was aber viel mehr verstörte, war, dass nicht der Wirt (die Wirtin? so genau weiß ich das nicht mehr) oder die Gäste angeklopft hatten. Wo ich herkam, hätte der Nachbar geschaut, ob er nicht auch etwas von dem immens schlaffördernden Trunk abbekommen könnte. Weil Jugend, so die weise Einsicht, ohnehin nicht zu bremsen ist.

Der Rückzug ins Private, könnte die Überschrift über einem der Türchen im Count-down zum Fest der Feste lauten. Nach mehr als dreißig Jahren auch in dem Land, aus dem ich kam wie im Land, in dem ich bin. Die Tür hinter sich zumachen, damit keiner mehr herein kommt. Oder sich entfremden.

13:38 03.12.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ed2murrow

e2m aka Marian Schraube "zurück zu den wurzeln", sagte das trüffelschwein, bevor es den schuss hörte
ed2murrow

Kommentare 4

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
hibou | Community