Mr. Bunga-Bunga most wanted

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Fast scheint es, als wollten die Ermittler das gestrige Urteil des italienischen Verfassungsgerichtshofes abwarten. Denn kaum da fest steht, dass Ministerpräsident Silvio Berlusconi sich nicht mehr ohne weiteres durch „begründetes Fernbleiben“ seinem gesetzlichen Richter entziehen kann, wird er mit einem Verdacht konfrontiert, der mit den bisher ihm vorgeworfenen „white-collar-Delikten“ rein gar nichts mehr zu tun hat: Amtsmissbrauch und Jugendprostitution.

Den Fall ins Rollen gebracht hatte ein Artikel der in Rom erscheinenden Tageszeitung Il Fatto Quotidiano vom 26. Oktober 2010. Eine Marokkanerin, die, um ihre Anonymität zu schützen, Ruby genannt wurde, war nach einer Diebstahlsanzeige am frühen Abend des 27. Mai in Mailand festgenommen worden. Bei der Identitätsfeststellung ergab sich, dass sie zu der Zeit minderjährig und ohne festen Wohnsitz war. Während auf der Polizeistation das Ergebnis einer Entscheidung des Jugendrichters abgewartet wurde, erreichte ein Telefonanruf den Dienststellenleiter, wonach Ruby die Tochter des ägyptischen Präsidenten Mubarak und daher sofort auf freien Fuß zu setzen sei. Auf sie warte bereits ein Auto vor dem Kommissariat. Der Anruf kam direkt aus dem Amt von Ministerpräsident Berlusconi.

Zwar übernahm kurz nach Bekanntwerden der Einzelheiten ein Mann aus der Eskorte des Ministerpräsidenten die Verantwortung für den Anruf. Die Ermittlungen jedoch, so weit ist man bereits, sprechen davon, dass Berlusconi selbst am Telefon gewesen sein soll und dass Ruby natürlich keine Tochter des ägyptischen Staatspräsidenten ist.

Ein Märchen entpuppt sich als saftige Geschichte

Sie von der Polizei fern zu halten, habe vielmehr einen weitaus saftigeren Hintergrund gehabt: Sie sei in einen Prostitutionsring rund um den Geschäftsmann Lele Mora geraten, der dafür bekannt sei, weibliche Begleitung für die zahlreichen privaten Feste Berlusconis in Rom und Mailand zu liefern. Offenherzig berichtete Ruby später, sie habe an mindestens zwei solcher Veranstaltungen teilgenommen. Beliebtestes Gesellschaftsspiel dabei das „Bunga-Bunga“, dessen Regeln sie zwar nicht preis gab, aber irgendwie damit zu tun hatte, dass alle Anwesenden schließlich nackt waren. Im Übrigen sei Berlusconi stets generös gewesen, seine Zuwendungen hätten von Kleidern bis zu einem Auto mit den vier Ringen gereicht.

Die Arbeitshypothese der Mailänder Staatsanwaltschaft ist nun, dass Berlusconi, sein Gewicht und Amt missbrauchend, den Anruf getätigt habe, um eine potentiell unbequeme Zeugin seiner Eskapaden von noch unbequemeren Fragen fern zu halten. Zwar hatte nach Erscheinen des Artikels des Fatto Quotidiano Staatsanwalt Edmondo Bruti Liberati noch dementiert, dass der Ministerpräsident selbst auf der Liste der Verdächtigen stehe. Seit heute in den frühen Morgenstunden durchsucht jedoch die Polizei Büros und Privaträume diverser an der Sache Beteiligten, unter anderem auch das von Giuseppe Spinelli, einem der engsten Vertrauten Berlusconis und Leiter dessen politischen Büros als Abgeordneter. Auf den Durchsuchungsbeschlüssen wird der Ministerpräsident Medienberichten zufolge als Angeschuldigter geführt. Damit steigen die gegen Berlusconi aktuell laufenden Ermittlungs- und Strafverfahren auf vier; Amtsmissbrauch ist in Italien mit zeitiger Strafe von vier bis zwölf Jahren bedroht.

[15.01.2011, 10:50 errata corrige: Ruby wurde in dem erwähnten Telefonat nicht als "Tochter", sondern als "Enkelin" des ägyptischen Staatspräsidenten bezeichnet]

12:35 14.01.2011
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ed2murrow

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ed2murrow

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