Das nackte Fressen

Hartz IV Andrea Beutler hat den Bus verpasst und wurde sanktioniert, Wolfgang Probst arbeitet jetzt am Jobcenter-Empfang. Mit Demütigungen sind sie vertraut

Die Anreise sei nicht so einfach, warnt mich Andrea Beutler schon am Telefon, „ich glaube, Sie sollten lieber mit dem Auto kommen.“ Ach was, sage ich, ich finde sicher einen Weg mit Bus und Bahn, Vorpommern ist ja nicht das Ende der Welt. Das Geräusch zynischer Belustigung, dass Beutler dann ausstößt, wird mir in Erinnerung bleiben.

Es begleitet mich die drei Stunden von Berlin nach Greifswald im fast leeren Zug durch fast leere Landschaften. Es begleitet mich die halbe Stunde Fußmarsch vom Bahnhof zur Greifswalder Autovermietung. Es begleitet mich im geliehenen Skoda über die Landstraße, erst Stau aus Greifswald heraus, dann immer einsamer, über die schmale Allee in Vorpommern, die Bäume blassgrün, die Kirche fast hübsch, die Dörfer fast malerisch, bis zur Wiese an der Linkskurve, hinter der ich Beutler in ihrem Garten erblicke, ihr lächelndes rundes Gesicht, ein unpassendes Gesicht eigentlich zu diesem Geräusch, das einem „Hrmpf“ nahekommt. „Hrmpf“, das sagt die rothaarige, gepiercte Frau, die in ihrem fransigen schwarzen Kleid gar nicht wie 46 aussieht, sondern eher wie eine alterslose Pippi Langstrumpf. „Hrmpf“ sagt sie, wenn es um die Busse nach Greifswald geht. Denn die fahren nicht. Genauer: Sie fahren nur viermal am Tag, der letzte um 13.22 Uhr. Und wenn Beutler den Bus verpasst? „Dann sanktioniert mich das Jobcenter.“

Die alleinerziehende Mutter bekommt seit Jahren Hartz IV, keine Ausbildung, drei Kinder, die älteste Tochter ist schon ausgezogen. Ihren Namen soll ich bitte ändern, ihr Dorf nicht nennen, der Vater ihrer zehnjährigen Tochter sei „nicht so ganz einfach gewesen“. Besser, wenn er sie nicht finden kann. Ja, ein bewegtes Leben, lächelt sie, „aber frei bin ich“. Wenn nur das Jobcenter nicht wäre. Dieses System.

Dass man über dieses System jetzt auch in Berlin redet, in der SPD, hat Beutler noch gar nicht mitbekommen. Anne Will schaut sie nicht, „wir haben keinen Fernseher, wir leihen uns nur Videos aus“. So werde ich zur Botschafterin aus der Hauptstadt, auf dieser Wolldecke im Garten vor Beutlers kleinem Steinhaus, neben uns einige Säcke mit Pferdedünger, „wir bauen Porree an, Spinat, Radieschen“. Der Sozialminister, Hubertus Heil, überlege, die Sanktionen abzumildern, sage ich, „aber nur für junge Erwachsene“. „Echt? Nur für junge, warum denn nicht für Alleinerziehende wie mich?“ – „Er sagt, die Sanktionen beträfen eh nur 3,1 Prozent der Fälle.“ Beutler schüttelt den Kopf, „das sind doch keine Fälle, es geht um mein Leben!“. Ich nicke, sie zuckt die Schulter, hinter uns macht es „hrmpf“. Wir schauen rüber zu Liese-Lotte, das Schaf hat die Familie letztes Jahr auf der Tombola gewonnen, „hrmpf“ macht Liese-Lotte und dreht sich um.

Ständig unter Verdacht

3,1 Prozent: rund 137.000 Menschen, die 2017 sanktioniert wurden, nicht nur auf dem platten Land. Auch in Hamburg. Wolfgang Probst lebt in Altona, der ehemalige Drucker kann schon lange nicht mehr drucken, kaputte Hüfte, erst Arbeitslosenhilfe, von 2005 an dann Hartz IV. Das Jobcenter bot ihm einen Ein-Euro-Job an, „habe ich abgelehnt, ich arbeitete ja schon in der Sozialberatung. Ehrenamtlich.“ Dann wurde Probst sanktioniert. „Der Regelsatz reichte auch vorher nicht“, sagt er, „aber nach der Sanktion geht es um das nackte Fressen.“

Der 59-Jährige winkt selbstbewusst den Kellner heran, bestellt sich einen Kaffee, schwarz, mit Zucker. Er kennt seine Rechte, und das nutzt er jetzt aus – um anderen Hartz-Beziehenden zu helfen. Von der anderen Seite. Denn seit seiner Umschulung zum Verwaltungsfachangestellten arbeitet Probst selbst im Jobcenter. „Ich habe erkannt, dass ich ein Talent habe“, lächelt er, „ich kann den Leuten helfen, zu ihrem Recht zu kommen.“ Bei seiner Vermittlung zwischen Hartz-IV-Beziehenden und Arbeitsvermittlern habe er schon manche Sanktion abwenden können. Deshalb will er seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Als ich ihm Beutlers Geschichte erzähle, fällt er nach hinten, als hätte das Jobcenter persönlich ihm einen Kinnhaken verpasst. „Solche Fälle gibt es ständig“, stöhnt er. „Ich versuche dann, eine Brücke zwischen den Beziehern und Arbeitsvermittlern zu bauen. Was hat sie bei der Anhörung angegeben?“

Dass sie den Bus verpasst hat, das hat Beutler bei der Anhörung angegeben. Das Jobcenter bestand aber darauf, sie vorher schon einmal eingeladen zu haben, „den Brief habe ich nie gesehen“. Beutler bekam die erste Kürzung, zehn Prozent von 416 Euro zog das Jobcenter ihr ab. Es folgte weiterer Streit über Termine, die zugestellt wurden oder nicht, wer soll das jetzt noch klären. Am Ende steht die dreifache Mutter mit 291,20 Euro monatlich da. Und das Jobcenter mit „Einsparungen“ von 125 Euro.

„Der Druck stieg nach und nach“, sagt Beutler. Sie schiebt ihren Nasenring zurecht, schaut durch den Garten in die Ferne. „Mein Selbstbewusstsein hat langsam die Nulllinie erreicht. Ständig bin ich unter Verdacht: Habe ich den Brief nicht doch verloren, fährt nicht doch ein Bus? Im Jobcenter herrscht nur Misstrauen. Ich halte den Druck nicht mehr aus. Manche wachsen unter Druck, sagt man doch so. Ich nicht.“ Beutler arbeitet gerne, sagt sie, sie organisiert Müttertreffen, sie hilft aus, alles ehrenamtlich. Dass es genug bezahlte Arbeit gibt, daran glaubt sie nicht, „jedenfalls nicht hier in der Region“. Und als sie es nach dem Terminchaos endlich schafft, sich mit der Arbeitsvermittlerin zu treffen? „Da meint die doch tatsächlich, sie wäre fertig mit meinem Fall, sie hätte mir nichts mehr zu sagen. Die wollten gar nichts von mir!“ Beutler schüttelt den Kopf. „Will Deutschland Hartz IV behalten – oder muss es das? Demütigt unsere Gesellschaft die Menschen absichtlich?“

Kann die Demütigung weg? Wolfgang Probst nickt heftig mit dem Kopf, seine blauen Augen, gerade noch von der Erinnerung an die Hartz-IV-Demütigung zwei traurige Pfützen, werden plötzlich feurig: „Kann mir keiner erzählen, dass Hartz IV nicht von heute auf morgen abzuschaffen wäre. Ich habe das vorherige System doch miterlebt! Hat doch funktioniert!“ Vor 2005, da habe man noch ein Recht auf Arbeitslosigkeit gehabt. Aber Hartz IV habe ihn von heute auf morgen vom Anspruchsberechtigten zum Bittsteller degradiert. „Die Sanktionen treffen ja nicht nur die Sanktionierten“, sagt er. „Wer arbeitet, hat Hartz IV im Nacken. Und wer Hartz IV bekommt, hat die Sanktionen im Nacken.“ Die Selbstbestimmung der Arbeitenden und der Arbeitslosen habe Gerhard Schröder damit abgeschafft, den Bedürfnissen des Kapitals zum Fraß vorgeworfen. Damals beschloss Probst, der Linken beizutreten: um Hartz IV abzuschaffen. Klar kenne er die Diskussionen aus der SPD. Von Heil, der das System nur anders nennen will. Von der neuen Vorsitzenden Andrea Nahles, die meint, die Abschaffung von Hartz IV beantworte keine einzige Frage.

„Unfug!“, sagt Probst. „Einfach erst mal zurück in das alte System. Dann können wir meinetwegen in Ruhe diskutieren.“ Verärgert nimmt er den letzten Schluck Kaffee, stellt die Tasse ab und schaut hoch auf seinen neuen Arbeitsplatz, ein himmelblau gestrichenes Jobcenter in Hamburg-Altona. Man kann seinen inneren Kampf, in seinen Augen sehen, erst die Angriffslust, dann den Frust, die Ohnmacht. „Mit Hartz IV schlägst du auf dem Boden auf“, murmelt er, plötzlich wieder leise. „Im Kinderbuch sitzt das Monster unter dem Bett. Für mich steckte es im Briefkasten. Ich hatte immer Angst, dass Post vom Jobcenter da ist.“ An dieses Gefühl werde er jetzt immer erinnert, bei seiner Arbeit am Empfang. „Alle müssen als Erstes zu mir, ich bekomme die Leute in ihrer vollen Traurigkeit ab.“ Da stehen Männer vor ihm, die vor Scham weinen, weil sie einen Antrag stellen müssen oder weil das Portemonnaie leer ist und sie Gutscheine brauchen. Oder eine Frau, 59 Jahre alt, plötzlich Witwe, vier Kinder großgezogen, „und dann steht die auf einmal im Jobcenter, bar jeder Selbstbestimmtheit, und wird gezwungen, sich zu bewerben. Der Horror.“

Der Sohn will Jura studieren

„Ich bin nicht mehr zu gebrauchen, wenn ich wieder einen Termin habe“, sagt auch Beutler. Den Jobcenter-Ärger von den Kindern fernzuhalten, das sei ihr wichtig. Gelinge aber nicht immer. Die Brille für ihren Sohn hat das Jobcenter nicht genehmigt, das zahle die Krankenkasse. Die lehnte jedoch ab, sie übernehme die Kosten nur für Kinder bis zwölf, Jan war aber schon 16. Zwei Jahre ist das her, noch immer trägt er keine Brille. Beutlers Tochter Lydia verträgt keinen weißen Zucker, der Arzt bescheinigte ihr den Bedarf nach Sonderernährung, das Jobcenter genehmigte nicht; „Bio-Essen gibt es doch in jedem Supermarkt!“, sagte der Zuständige. Beutler seufzt. „Ich bin zu müde“, sagt sie, „ich kann nicht für jeden Antrag einzeln kämpfen.“

Für sein Recht kämpfen musste ihr Sohn auch schon. „Ich habe einiges zu sagen zum Jobcenter“, meint der 18-Jährige ernst, mit dem Hippie-Auftreten seiner Mutter hat er nichts gemein, grauer Pulli, weiße Hose, kurze Haare. In Beutlers Villa Kunterbunt kann ich ihn mir kaum vorstellen. Ich treffe Jan in Greifswald. Ärger gab es wegen seines Ferienjobs vergangenes Jahr in der Eisdiele, erzählt der Abiturient, 345 Euro verdiente er. „Sofort flatterte ein Brief vom Jobcenter rein: Ich solle sämtliche Kontoauszüge meiner Mutter vorlegen. Dabei darf ich als Schüler bis zu 1.200 Euro anrechnungsfrei verdienen! Die respektieren unsere Rechte nicht.“ Jan blickt wütend in die Ferne, dorthin, wo die Ostsee am Horizont flimmert. Nach seinem Abitur will er Jura studieren. „Damit ich mich auskenne.“

Jans Mutter aber hat ihre ganz eigene Art, für ihr Recht zu sorgen. Das Jobcenter mag ihr zwar das Einkommen gekürzt haben, aber mit 291,20 Euro leben muss die Alleinerziehende nicht: „Ich bekomme die Kürzungen von Sanktionsfrei zurück!“ Die 2016 von der Jobcenter-Rebellin Inge Hannemann gegründete Initiative fängt Sanktionen gegen Hartz-Beziehende auf, indem Spenden als „Hartz Plus“ ausgezahlt werden. Schon lange habe sie der Initiative gespendet, erzählt Beutler, nicht viel, nur acht Euro im Monat. Jetzt profitiert sie selber davon: Die Initiative gleicht ihr die Kürzungen aus, wie aktuell insgesamt 25 Jobcenter-Gestraften. „Wir haben uns damit unsere eigene Hartz-IV-Versicherung geschaffen!“, lacht Beutler los, „ein bisschen Unabhängigkeit vom Jobcenter!“ Das freche Grinsen in ihrem Gesicht: Pippi ist wieder da, denke ich, auf dem Weg zurück zum Bahnhof pfeift es fröhlich durch meinem Kopf: „Widdewidde wie sie mir gefällt!“

In Hamburg jedoch findet Probst diese Lösung wenig lustig. „Ich halte nicht viel von der Initiative, auch wenn sie im Einzelfall sicher Erleichterung bringt.“ Er schüttelt gequält seinen Kopf, wieder ist da der Widerspruch zwischen individuellen Kämpfen und seiner Kritk am ganzen Jobcenter-System. Probst stoppt, inzwischen stehen wir vor dem Rathaus Altona, nur wenige Meter vom Jobcenter entfernt. Hier ist er abends als Bezirksabgeordneter aktiv, für die Linke und für Altona. „Weder Sanktionsfrei noch die Tafeln lösen das Problem, das ein Politisches ist“, erklärt Jobst. „Hartz IV muss weg, weil es ein Recht auf Arbeit geben muss – und genauso ein Recht auf Arbeitslosigkeit!“

06:00 13.06.2018

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