„Die wollen Spaß mit Papas Auto“

Interview Die Philosophin Eva von Redecker erklärt, warum junge Leute in der FDP eine akzeptable Form des Nicht-Aufbruchs sehen
„Die wollen Spaß mit Papas Auto“
Für viele junge Menschen in Deutschland scheint die Zeit für Liberalismus gekommen

Foto: Hannah Aders und Jan Kräutle

Konservative frohlockten nach der Bundestagswahl: Die Jugend ist gar nicht links! 21 Prozent der jungen Wählenden machten ihr Kreuz bei der FDP – fast so viele wie bei den Grünen. Eva von Redecker arbeitet zu neuen Formen revolutionärer Kämpfe – aber will diese Jugend überhaupt eine Revolution?

der Freitag: Frau Redecker, ein Großteil der Erstwählerinnen ist liberal – hat Sie das überrascht?

Eva von Redecker: Vor allem hat es mich gefreut!

Wieso das?!

Die vielen jungen FDP-Wähler widerlegen die These, dass es sich bei der Klimafrage um einen Generationenkonflikt handelt. Man muss nicht jung sein, um sich für die Zukunft zu interessieren – und man kann jung sein und sich nur für die eigene Zukunft interessieren.

Wenn Sie in Ihrem Buch von der „Revolution für das Leben“ sprechen – dann gehören FDP-Wählende also nicht dazu?

Nein, ich würde eine grün-liberale Jugend nicht als revolutionär bezeichnen. Dafür müsste diese Jugend an einem Bruch mit dem Bestehenden arbeiten, an einem radikalen Wandel hin zu etwas, das bis vor Kurzem noch undenkbar schien. Die Grünen und die FDP eint jedoch, dass sie für ein „Weiter so, das wird schon“ stehen. Erstere mit moderaten Klimaschutzreformen – und bei den Liberalen herrscht die wahnwitzige Vorstellung, die Klimafrage sei mit kapitalistischer Innovation zu lösen.

Diese grün-liberale Jugend will vielleicht keinen Bruch mit dem Kapitalismus – doch kann auch ein Bruch mit der verkrusteten analogen Welt revolutionär sein?

Es hat ja niemand behauptet, dass meine Diagnose dessen, was diese Gesellschaft jetzt braucht, sich mit den Wünschen der Jugend deckt.

Nun ja: Dass die Jugend irgendwie links tickt, diese Vorstellung gibt es seit 1968 durchaus, oder?

Dann wären doch viel mehr junge Menschen auf der Straße. Die Mehrheit agitiert eher für eine Art Aufpeppung des Bestehenden. Das entspricht durchaus den Interessen, die man als Jugendlicher in Deutschland haben kann: Viele schwenken angesichts der Klimakrise lieber auf Besitzstandswahrung um. Dem entgegen steht die kleine, linke Klimagerechtigkeitsbewegung: Sie kämpft nicht für eigene Interessen, sondern für Gerechtigkeit gegenüber dem globalen Süden. Dass diese Position derzeit nicht mehrheitsfähig ist, überrascht mich gar nicht.

Nun waren die Aktiven der 1968er vermutlich auch nicht die Mehrheit ihrer Generation. Doch heute bezeichnen sich selbst bei den Fridays for Future viele nicht als Linke.

Dass Protest heute auch von rechts kommt, ist ja nicht neu: Die Proteste gegen die Ehe für alle in Frankreich, oder hier Pegida ...

Bei diesen rechten Protesten sind die Teilnehmer jedoch mittleren Alters.

Ja: Wir haben Glück, dass die AfD es nicht geschafft hat, eine attraktive, rechts-identitäre Jugendbewegung zu etablieren. Immerhin wählt die Jugend hier zur Verteidigung ihrer Privilegien „nur“ FDP.

Zur Person

Foto: Horst Galuschka/IMAGO

Eva von Redecker wuchs auf einem Biobauernhof in Kiel auf und studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte unter anderem in Cambridge und Potsdam. Ihre jüngste Buchveröffentlichung: Revolution für das Leben: Philosophie der neuen Protestformen

Sie sehen die FDP ausschließlich als Partei zur Verteidigung von Mittelschichts-Privilegien? Laut Umfragen war ihren Wählern das Freiheitliche und die Digitalisierung am Wichtigsten.

Wollen wir uns in diese Jugendlichen hineindenken, müssen wir uns die sozialen Erfahrungen anschauen, die sie bislang gemacht haben. Sie kommen aus der Schule. Sie sind mit den Zwängen des Kapitalismus kaum konfrontiert gewesen. Der Schulalltag verleitet zu dem Fehlschluss, dass Diskursregeln und progressiver Anstand leicht durchsetzbar sind: Die – oft progressive – Lehrerin ist dafür verantwortlich. Das sieht man auch bei den Fridays for Future: Sie setzen auf den Appell an eine vernunftbegabte Autorität – die Bundesregierung, die es schon richten wird. Das ist für eine Bewegung, die für einen radikalen Wandel steht, schon ungewöhnlich.

In der Familie lernen Kinder doch durchaus Machtdynamiken: Geschlechterhierarchien etwa.

Dennoch hat die Familie etwas von einer sozialistischen Ökonomie. Hier geht es um die Erfüllung von Bedürfnissen. Die Härten und Ungerechtigkeiten des Markts erfährt man als Kind kaum.

Jedenfalls in Ober- und Mittelschichtsfamilien nicht.

Ja, wichtiger Hinweis. Durch die starke soziale Spaltung zwischen den Schulformen sehen Mittelschichts-Schülerinnen sozial nur ihresgleichen, und untereinander zählt das Leistungsprinzip. Man hat ja keinen Schimmer davon, was in der Welt da draußen gilt! Was in den Chefetagen los ist! Ich bin selbst erst viel später Feministin geworden, nach der Schulzeit.

In den sozialen Medien aber herrscht ein krasser Konkurrenzdruck: sich auf Instagram gut zur Schau stellen, Selbstoptimierungszwänge. Ist die Jugend mehr als früher geprägt von diesen Leistungswerten?

Vielleicht – sie bewegt sich dabei im Netz in einem Rahmen, in dem jede Nutzerin offenbar das gleiche Startkapital hat. Alle fangen bei null Followern an, dann gilt das Leistungs- und Selbstoptimierungsprinzip. Bei Influencern sieht man nicht, wie soziale Ungleichheit über Vermögen vererbt wird. In dieser Welt spricht wenig gegen die FDP, im Gegenteil: Sie steht für hippe Digitalisierung.

In den USA und Großbritannien hingegen gibt es eine breite Bewegung der „Millennial socialists“, junge Sozialistinnen wie Alexandra Ocasio-Cortez sind angesagt. Wieso ist das hier so unvorstellbar?

In Deutschland ist die Erfahrung des real existierenden Sozialismus wesentlich näher, der Begriff ist daran rückgebunden, hat diesen undemokratischen, autoritären Mief. In den USA weist „Sozialismus“ nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft: Dort verbindet er sich auch mit einer intersektionalen, progressiven Utopie.

Vorhin sprachen Sie über die Lebenserfahrungen deutscher Mittelschichts-Jugendlicher. Sehen diese in den USA so anders aus?

Ja, dort sind junge Menschen früh mit Studienschulden konfrontiert, mit den Risiken eines unsolidarischen Gesundheitssystems. Auch in Großbritannien sind die Leute früh den drastischen Auswirkungen einer vermarktlichten Infrastruktur ausgesetzt. In Deutschland ist eine breitere bürgerliche Schicht sozial abgepuffert, wir profitieren auch davon, dass der neoliberale Rückbau später einsetze.

Der Aufbruch, den sich junge Menschen hier wünschen, ist also weniger sozial – als vielmehr grün-liberal?

Ich bin noch immer nicht überzeugt, dass die FDP-Wählenden für einen liberalen Aufbruch stehen. Mir scheint eher, dass die FDP die für junge Leute akzeptable Form des Nicht-Aufbruchs ist. Die Partei behauptet, es lassen sich Lösungen finden, ohne dass wir viel ändern müssen in unserer Lebens- und Produktionsweise.

Die FDP steht aber auch für Bürokratieabbau; für den schnellen Aufbau von Windkraft-Struktur.

Wie soll dieser schnelle Strukturaufbau zusammen mit der Anti-Verbotskultur denn aussehen? Wenn ich einen Windpark neben einen Ort stellen möchte, sollen die Anwohner nicht das Recht haben, sich dagegen zu wehren? Das verlangsamt die Prozesse. Aber die FDP will Bürgerinitiativen sicher nicht verbieten? Für den Bau von Infrastruktur wird oft enteignet: Grundstücke werden verstaatlicht, um Autobahnen zu bauen oder Solarparks. Wie geht die FDP damit um? Wenn man staatlicherseits nichts verbieten, nicht regulieren, nicht enteignen will, kommt das einem Verzicht auf Politik gleich. Was ist das für ein Aufbruch?

Der Aufbruchsgeist liegt womöglich in der Liebe zur Technologie?

Es gibt keinen einzigen vernünftigen Vorschlag, wie Technologien den Klimawandel wirksam stoppen können. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass die derzeitigen kapitalistischen Innovationen gemeinwohl- und ökologieverträglich sind. Im Gegenteil: Die FDP steht für Patentschutz, gegen die globale Verteilung der Impfstoffe. Das erweckt in mir den Eindruck, dass hinter ihrer Wahl eher ein post-neoliberales, sehr individualistisches, sich-das-letzte-bisschen-Spaß-mit-Papas-Auto-auf-der-Autobahn-nicht-verderben-lassen-Wollen steht.

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06:00 08.10.2021

Ausgabe 42/2021

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