Hase, du bleibst hier

Osten Von Vorpommern bis in den Süden Sachsens herrscht Männerüberschuss. Darin liegt eine Ursache für den dortigen Rechtsruck
Hase, du bleibst hier
Eisen, Schweigen, Stiefel, Scholle: Viele Einwohnerinnen haben das Weite gesucht

Foto [Montage]: Ute Mahler/Ostkreuz

Eine Horde weißer Männer läuft herum, einer von ihnen brüllt „Kanake“ und rennt auf einen anderen los, tritt nach ihm und rennt ihm über die Straße hinterher. Dieses Video, das eine rassistische Hetzjagd in Chemnitz zeigt, wurde zuletzt vielfach in den sozialen Medien verbreitet. Eine wichtige Protagonistin ist dabei gar nicht zu sehen. Sie steht hinter der Kamera. „Hase, du bleibst hier“, ruft sie.

Warum darf Hase nicht mitrennen? Vielleicht will seine Freundin nicht, dass Hasi anderen Menschen wehtut. Vielleicht hat Hase aber auch schon einige Verfahren am Hals und soll für so einen Quatsch nicht doch noch eine Haftstrafe aufgebrummt bekommen. So oder so: Hasis Freundin wirkt als soziales Korrektiv. Sie sorgt dafür, dass Hase nicht ausrastet. Sie deeskaliert.

Aggressive Männlichkeit im Zaum zu halten: das ist in der patriarchal organisierten Gesellschaft eine klassische Aufgabe von Frauen. Viele solcher Stimmen gibt es unter Neonazis und in der AfD nicht. Nur 16 Prozent ihrer Mitglieder sind weiblich. Doch nicht nur in der Rechten sind Frauen stark unterrepräsentiert – sie sind auch im gesamten Osten in der Minderheit.

Von Mecklenburg-Vorpommern bis in den Süden Sachsens herrscht ein eklatanter Männerüberschuss, und das seit fast 30 Jahren. Europaweit ist keine Region so männlich dominiert wie die ländlichen Gebiete im Osten der Republik. Das Phänomen ist nicht neu – und doch erstaunlich unterrepräsentiert in der Debatte über die Gründe für das Erstarken der Rechten.

Was nach 1989 geschah

Zur Wendezeit war das Geschlechterverhältnis noch weitgehend ausgeglichen, doch zwischen 1990 und 1995 fand ein wahrhafter Exodus junger Frauen aus dem Osten statt. Nach einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung aus dem Jahr 2007 waren fast zwei Drittel aller Menschen, die nach 1991 die neuen Bundesländer verließen, weiblich. Die Folge: 2004 kamen in der Altersgruppe der 22- bis 32-Jährigen auf 100 Männer in den Ost-Bundesländern weniger als 90 Frauen. Dabei sind einige Regionen stärker männlich geprägt als andere: In Parchim in Mecklenburg-Vorpommern kommen auf vier junge Männer nur noch drei junge Frauen. In der Gemeinde Weißkessel im Landkreis Görlitz stehen 100 Männer nur noch 56 Frauen gegenüber. Das größte Frauendefizit hatte 2009 die Gemeinde Schönbeck in Mecklenburg-Strelitz mit 17 Männern und keiner einzigen Frau im Alter von 20 bis 24 Jahren.

Der Osten ist also männlich – und nicht nur der. Auch die ländlicheren Regionen in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern weisen einem Männerüberschuss auf. In Niederbayern spricht man bereits von „chinesischen Verhältnissen“. Wo sind all die Frauen hin? Die Deutschlandkarte der Geschlechterverteilung zeigt: in die großen Städte. In Hamburg, München, Köln oder Berlin kommen auf 100 Frauen 93 bis 96 Männer.

Legt man die Karte der Geschlechterverteilung über die Karte der AfD-Wählenden, ist die Verteilung in großen Teilen deckungsgleich: Je mehr Männer in einer Region im Verhältnis zu Frauen leben, desto stärker ist die AfD. Wie genau sieht dieser Zusammenhang aus? Studien zum Männerüberschuss bieten erste Antworten, etwa hinsichtlich des Ungerechtigkeitsempfindens. Während in den ostdeutschen Bundesländern 20,8 Prozent der Männer ohne Partnerin meinen, sehr viel weniger als einen gerechten Anteil in dieser Gesellschaft zu erhalten, sind bei den Männern in Partnerschaft nur noch 15 Prozent dermaßen unzufrieden, so das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Die Autorin einer Studie der Hochschule Zittau / Görlitz zur Abwanderung von Frauen aus dem Jahr 2016, Julia Gabler, weist zudem auf die Folgen des Frauenmangels für die Zivilgesellschaft hin: In Gegenden mit eklatantem Frauenmangel breche bürgerschaftliches Engagement teils gänzlich zusammen, so Gabler: „In Regionen mit Männerüberschuss hält die soziale Kälte Einzug.“ Die Studien weisen zudem auf einen indirekten Zusammenhang zwischen Männerüberschuss und Kriminalität hin: Sie steigt dort, wo die Erwerbslosenquote der Männer unter 30 Jahren hoch ist – und wo es viele Singlehaushalte gibt.

Die Entwicklungen in der Arbeitswelt spielen für weibliche Abwanderung und männliche Krise ebenfalls eine Rolle: Während Berufe, in denen der kräftige männliche Körper eine wichtige Rolle spielt, durch die radikale Deindustrialisierung ganzer Regionen und Digitalisierung wegfallen oder „verweichlichen“, wurden im Dienstleistungsbereich Jobs geschaffen, in denen vor allem Frauen arbeiten – sie finden sich aber vor allem in den Städten. Die Frauen ziehen ab in die Fremde, die Männer bleiben abgewertet in der Provinz sitzen.

Beschleunigend wirkt das unterschiedliche Bildungsniveau. Weibliche Schulabgängerinnen, so heißt es in der Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, haben im Durchschnitt deutlich bessere Schulabschlüsse. In Löbau-Zittau stellen Frauen nur 35 Prozent der Schulabgänger mit Hauptschulabschluss, aber 61 Prozent der Abiturientinnen. Julia Gabler kommt zum gleichen Ergebnis: Hohe Erwerbsneigung, höhere Schulbildung und die Suche nach geeigneten Lebensbedingungen seien die Motivation für weibliche Abwanderung in die Städte.

Die Angst vor dem Fremden

Betrachtet man diese Entwicklung aus der Perspektive der dagebliebenen Männer, lassen sich patriarchale und antifeministische Reflexe zwar nicht entschuldigen, aber womöglich erklären. Warum haben einige Männer im Osten Angst, „der Fremde“ könnte ihnen „ihre Frauen“ wegnehmen – obwohl Migranten nur zwischen drei und sechs Prozent der Bevölkerung ausmachen? Vielleicht muss man „den Fremden“ nur anders denken. Es war erst der Westen, der Frauen anzog, jetzt sind es die kosmopolitischen Städte mit ihren Bildungs-, Job- und Kulturangeboten. Das Fremde: der Kosmopolit.

Das wirft ein sehr interessantes Licht auf das geschlechterpolitische Programm der AfD. Was tun gegen diese Frauenflucht? Nun, man könnte versuchen, Frauen möglichst früh in einer heterosexuellen Beziehung zu einem Mann zu binden, die man mit einer Eheschließung besiegelt, aus der man nur durch einen Schuldspruch bei der Scheidung wieder herauskommt. Man könnte ihr früh „ein Kind machen“ und Abtreibung verbieten – und die Ehe für alle: Wo kommen wir denn hin, wenn die wenigen Frauen auch noch untereinander heiraten. Man müsste die Hetero-Familie als „schützenswerte Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft“ stärken, und dafür müsste man diese urbane Gender-Kultur zurückdrängen. Man müsste das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend umfunktionieren in ein Ministerium für Familie und Bevölkerungsentwicklung. Es sind extrem patriarchale Lösungen zur Bekämpfung von Fluchtursachen der Frauen aus der Provinz, welche die AfD anbietet, und sie stehen zudem in deutlichem Widerspruch zur Frauen- und Familienpolitik der DDR: Frauen sollen vom Partner abhängig gemacht werden.

Dass viele Frauen mit dieser Perspektive nicht viel anfangen können, zeigt ihr Wahlverhalten. Unter ostdeutschen Männern wurde die AfD mit 26 Prozent stärkste Kraft, nicht aber unter ostdeutschen Frauen mit 17 Prozent. Aber – immerhin 17 Prozent! Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung untersuchte jüngst die Frauenpolitik der AfD und wies darauf hin, dass einige Frauen die AfD-Geschlechterpolitik durchaus teilen. Womöglich sind es jene, die auf dem Land bleiben und mit einer Kindspauschale von 25.000 Euro für Mütter mehr anfangen können als mit Genderstudien.

Der Frauenmangel in der Provinz ist nicht die eine Ursache des Erstarkens der Rechten. Warum etwa Neonazis in Dortmund so stark sind, lässt sich damit nicht erklären. Zudem wählen nicht alle ostdeutschen Männer ohne Partnerin die AfD. Dennoch ist ein Zusammenhang zwischen toxischer Männlichkeit, patriarchaler Kultur und Rechtsruck nicht von der Hand zu weisen. Wie kann feministische Politik zur Bekämpfung von Fluchtursachen in der Provinz also aussehen? Statt die Sorgen patriarchaler Männer in den Mittelpunkt zu stellen, könnte eine frauenfreundliche Umgebung helfen, eine dezentrale Verteilung von Geistes- und Sozialwissenschaften etwa: Die Universitätsstädte Greifswald, Jena, Potsdam, Leipzig und Erfurt weisen einen Frauenüberschuss auf. Infrastruktur könnte ausgebaut, ein kulturelles Angebot für Frauen in Kleinstädten gefördert werden. Die patriarchale Stammtischkultur aber trägt aktuell dazu bei, dass die Abwanderung von Frauen anhält. Und wenn sie nicht mehr da sind, was wird dann aus Hase – und was wird aus dem Mann, den Hase so gerne jagen will?

06:00 18.09.2018

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