Ich berühre, also bin ich

Social Distancing Wir leben seit Wochen weitgehend in Isolation. Das ist nicht nur schwer auszuhalten – es ist auch nicht gesund

„Die Machtverhältnisse durchziehen das Körperinnere.“ Ein komischer Satz. Durchziehen. Dieses Wort hat der französische Philosoph Michel Foucault gewählt, um zu beschreiben, wie der Mensch mit all den anderen Menschen als Bevölkerungskörper organisiert wird. Er sagte nicht: Macht unterdrückt den Körper. Nicht: Macht formt den Körper. Nein. Sie durchzieht.

Foucault untersuchte die Biopolitik: Wie bestimmen die Machtverhältnisse das Leben und Sterben? Wie das soziale Miteinander der Körper? In einer Zeit, in der der Staat das Leben und Sterben einer Bevölkerung mehr denn je reguliert und dabei sogar Zugriff auf die Entscheidung hat, von wem wir uns umarmen lassen, scheint es geraten, auf Foucault zu hören: Um zu verstehen, wie aktuelle Machttechniken funktionieren, muss man darauf schauen, welche Körper sie gerade produzieren.

Derzeit scheinen unsere Körper wenig von irgendetwas durchzogen. Da sitzen wir Kopfarbeiterinnen, einzelne Körper in jeweils vier Wänden, miteinander verbunden über die schöne glatte Glasoberfläche unserer Smartphones, über Tasten und Bildschirme. Kommunikation in Zeiten von Corona: ein körperloses Netzwerk aus Gedanken. Und dennoch stellt sich dieses Gefühl der Einsamkeit ein, kein Videotelefonat kann es lindern. Lässt sich ein Körper etwa nicht digitalisieren? Braucht er Berührung?

Der Psychologe Martin Grunwald untersucht genau diese Frage. Er hat 1996 eigens dazu das Haptik-Forschungslabor an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig gegründet. „Nähe ist nicht über ein Telefonat herstellbar“, sagt Grunwald. Das merke ich auch. Aber warum? „Nahe sein heißt für ein Säugetier, den dreidimensionalen Körper auch dreidimensional wahrzunehmen. Dies lässt sich nur durch den Körperkontakt erfahren. Fällt der über einen längeren Zeitraum weg, ist das wie ein neuronaler Leerlauf.“ Eine Berührung, erklärt der Psychologe, löse einen komplexen biochemischen Prozess im Körper aus: Die Rezeptoren in der Haut senden ihre elektrischen Signale Richtung Gehirn, dort werden biochemische Substanzen ausgeschüttet, die im Hirn zur Wirkung gelangen, aber auch über die Blutbahn den übrigen Teil des Körpers erreichen. Die Herzfrequenz verlangsame sich, die Atmung werde flacher, die Muskulatur entspanne sich: „Vertraute Berührung sorgt für ein Rundum-sorglos-Paket ohne Nebenwirkungen.“

Positives Feedback

Und was passiert, wenn sie wegbleibt? „Andauernder Körperkontaktmangel kann zu leichten bis mittelgradigen Depressionen führen, einschließlich psychosomatischer Erkrankungen.“ Um sicher zu sein, dass der andere da sei, brauche man Körperinteraktion. Denn ein Bild auf dem Laptop könne ja auch eine Illusion sein: „Ein Ton kann auch ein Traum sein. Sehen Sie nur, was wir alles träumen!“ Soll das heißen, ich werde mir gerade unsicher, ob es meine Liebsten noch gibt? Martin Grunwald geht noch weiter: Berührung brauche ein Mensch auch, um sicher zu sein, dass er selber existiere. Kinder, die keine ausreichende Körperinteraktion erfahren, gerieten in Gefahr, magersüchtig zu werden: „Die eigene Körperwahrnehmung braucht das positive körperliche Feedback aus dem sozialen Umfeld.“

Aber können wir nicht nicht lernen, unsere Körper digital wahrzunehmen? Die Stimme des anderen als Berührung zu verstehen? Grunwald schüttelt den Kopf, jedenfalls stelle ich mir das vor, ich sehe ihn ja nicht. Er sagt: „Ein Bild genügt unseren sensorischen Bedürfnissen auf Dauer nicht. Unsere Säugetierspezies hat sich in der Evolution bislang ausschließlich in Gruppen entwickelt. Unsere Art ist elementar auf physischen Kontakt mit anderen ausgerichtet.“

Wir sind Säugetiere, also können wir uns nicht digitalisieren? Ganz schön biologistisch gedacht. Ich ziehe eine Neurowissenschaftlerin hinzu. Schließlich können sich Gehirne beispielsweise nach einem erlittenen Trauma neu strukturieren, ganz neue Verknüpfungen schaffen. Dann müssten sie sich doch auch auf digitale Nähe einstellen. In Zeiten von Corona.

Rebecca Böhme forscht an der Universität Linköping in Schweden darüber, wie das menschliche Gehirn auf Berührung reagiert. Eine positive Berührung, erzählt sie, führe zur Ausschüttung von Oxytocin, das gerne „Kuschelhormon“ genannt wird, weil es für ein wohliges Gefühl sorgt. Aber eigentlich sei es ein „Bindungshormon“, es intensiviere die emotionale Bindung zwischen zwei Menschen.

Ich frage, ob es möglich ist, emotionale Nähe digital herzustellen? Sie schüttelt den Kopf, ich kann es sehen, weil wir zoomen: „Bei einer Videokonferenz wird kein Oxytocin ausgeschüttet.“ Eine Berührung aktiviere Nervenfasern in der Haut, der Reiz werde ins Gehirn weitergeleitet, wo Schaltkreise aktiviert würden, die sich in der Eltern-Kind-Bindung herausgebildet hätten. Der Hypothalamus löse dann die Ausschüttung von Oxytocin aus. Böhmes Gleichung: ohne Berührung keine Aktivierung der Nervenfasern, ohne Ausschüttung keine Intensivierung der emotionalen Bindung.

Und das kann sich nicht ändern? Erneutes Kopfschütteln: „Diese Schaltkreise sind evolutionär sehr alt, die verändern sich nicht so schnell.“ Natürlich könnten neue Verarbeitungsformen dazukommen, durch Kultur und Sozialisation. Nur: Wir hätten uns nun einmal in der Gemeinschaft entwickelt.

Ich gehe raus, Mittagspause. Ich fasse an: die Türklinke der Haustür; den Fahrradlenker; den Einkaufswagen; diverse Produkte im Supermarkt; die Tasten des Kartenlesegeräts an der Kasse. Wieder zurück wasche ich mir die Hände. Keine Keime von außen sollen in meine Wohnung kommen. Aber Moment: Bestehen wir nicht auch aus Bakterien? Ist unsere Haut nicht besiedelt? Was ist eigentlich mit denen? Tauschen wir die normalerweise nicht auch mit anderen aus?

Ich rufe Professor Thomas Bosch an, Mikrobiologe in Kiel. Wir sind nicht alleine, sagt Bosch: nie. „Jeder Mensch ist auf seinen Organen besiedelt mit Tausenden Bakterien, Viren, Archaebakterien. Sie bilden zusammen unser Mikrobiom.“ Das hieße gleichzeitig, dass es zu kurz gedacht ist, uns nur als Menschen zu verstehen: „Sie sind Sie, mit Ihren menschlichen Zellen, und dazu kommt mindestens noch einmal die gleiche Anzahl an Bakterien, die genauso wichtig sind für Sie, für Ihre Gesundheit, für Ihre Identität, wie Ihre eigenen Zellen.“ Durch unser Mikrobiom seien wir keine abgeschlossenen Körper. Die Mikrobiome von jenen, mit denen wir viel zusammen seien, vermischten sich über die Zeit, wie Mitbewohner gingen sie eine „Metacommunity“ ein: einen eigenen Mikrobiom-Haushalt.

Was passiert nun also, wenn solche Metacommunitys über Wochen, Monate getrennt werden? Thomas Bosch wird vorsichtig, so genau wisse man das nicht, aber: „Wir sind gemacht als soziale Wesen, die Mikroben in sich tragen, und dass diese Mikroben untereinander agieren, macht uns fit. Der Umkehrschluss ist: Wenn das nicht möglich ist, entwickelt sich – so erwarten wir – das Gegenteil von Gesundheit. Es gibt viele Hinweise dafür, dass Kontaktlosigkeit krank macht.“

Mischen ist wichtig

Ich muss den Mikrobiologen gar nicht erst nach der digitalen Gemeinschaft fragen, es ist klar: Wenn ich mit einem Menschen nicht in einem Raum bin, können sich unsere Mikrobiome auch nicht vermischen. Bin ich also abhängig von den Bakterien anderer Menschen? Thomas Bosch nickt, ich sehe es nicht, aber er ruft „Genau!“ und fügt hinzu: „Wir müssen das Denken in diesen engen Grenzen aufgeben. Also: Wo fängt der Mensch an, wo hört er auf? Diese Frage ist nicht mehr adäquat zu unserem Wissen. Die Grenzen sind fließend. Wir sind Mischwesen. Auch unsere Fähigkeiten sind Mischfähigkeiten.“ Vermischt mit denen unserer Bakterien, meint er. Und den Bakterien der anderen.

Da sitzen wir also, Millionen einzelner Körper in ihren vier Wänden, und meinen, uns könne so nichts mehr passieren. Unsere Vorstellung von Sicherheit: ein Körper allein, getrennt von allen anderen. Und was passiert? Dieser Körper gerät in Gefahr! Er verändert sich. Und er verändert sich nicht durch den Einfluss anderer Körper, sondern gerade weil dieser Einfluss ausbleibt. Unser Mikrobiom muss sich neu organisieren, das beeinflusst unsere Stimmung und unser Immunsystem. Wir erleiden einen Oxytocinentzug, das bedroht unsere Beziehungen. Wir können uns psychisch nicht mehr der Existenz unserer Liebsten sicher sein, mehr noch: Unsere Identitäten drohen sich aufzulösen, weil wir uns ohne Berührung unserer selbst nicht mehr sicher sind. Was der Psychologe, die Neurowissenschaftlerin und der Mikrobiologe mir erklären, ist ein Skandal: Wir können uns nicht isolieren. Ich bin nur ich im Wir.

Als Michel Foucault zur Analyse der Biopolitik ansetzte, stellte er die Frage: „Welche Art einer Besetzung des Körpers ist für das Funktionieren einer kapitalistischen Gesellschaft wie der unseren notwendig und hinreichend?“ Jede Gesellschaft, argumentiert er, produziere die Körper, die sie brauche. Die Corona-Gesellschaft scheint einen Körper zu brauchen, der sich selbst als Körper verneint. Es ist wohl kein Zufall, dass Foucault die Geburt des modernen Körpers auf die Zeit der Pest datiert. Das damals entstandene Körperbild wirkt bis heute fort und findet in der digitalisierten Kommunikation ihre neue Form: in der Vorstellung, wir könnten nur unsere Gedanken und Gefühle miteinander vernetzen.

Nur fanden die Mikrobiologen inzwischen heraus, dass wir über unsere Mikroben im Fluss miteinander sind. Die Psychologen und Neurobiologinnen fanden heraus, dass wir ohne Berührung depressiv werden. Wir sind Mischwesen. So schnell, wie sich das Virus über den Globus verteilte, so schnell verteilen sich auch unsere Mikroben, Ideen, Gefühle, Körper, und sie bleiben dabei nie gleich, sie verfließen miteinander. Corona lässt erahnen, wie die Menschheit als Metaorganismus funktioniert. Gerade in der Isolation wird offenbar: Der Körperpanzer, hinter dem wir uns so gerne verschanzen würden, nur wir allein, er existiert nicht. Wir sind durchzogen von Gesellschaft.

Über diesen Text

Ich zoome. Den ganzen Tag telefoniere und zoome und slacke und chatte ich. Und es nervt, denn es ist einfach nicht das Gleiche. Wie Menschen zu treffen. Ich meine: körperlich zu treffen, in einem Raum zu sein. Es fühlt sich nicht gleich an. Was ist das, was da fehlt? Das will ich wissen. Ich habe deshalb einen Mikrobiologen, einen Haptikforscher und eine Neurowissenschaftlerin gefragt, was Nähe und Berührung eigentlich ausmacht. Die drei Texte der Mini-Serie „Berührung“ kann man hier nachlesen: Teil 1: Körpergemeinschaft, Teil 2: Digitales Streicheln und Teil 3: Kuschelhormon-Entzug.

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06:00 29.04.2020
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