Klasse Virus

Gesellschaft Während in Fleischfabriken Hunderte erkranken, bleiben Privilegierte in Freibädern unter sich: Corona legt Milieugrenzen brutal offen
Klasse Virus
Im Berliner Bädern schwimmen jetzt häufiger nur noch: weiße Körper

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Die Körper im Freibad sind irgendwie anders als sonst. Dabei liegen sie ganz normal auf der Wiese herum, springen ins Wasser, schwimmen ihre Bahnen. Aber es ist so leise. Und die Körper, sie sind so weiß. Weiße Haut auf blauem Wasser. Keine Burkinis wie im letzten Sommer. Keine picknickenden Großmütter am Beckenrand. Keine sich mit Wasserpistolen über die Wiese jagenden Kids.

Wer ins Freibad will, muss sich das Ticket jetzt Tage vorher kaufen – online. Mit Kreditkarte, oder per Paypal. Das Prinzenbad in Berlin-Kreuzberg galt immer als Treffpunkt aller Milieus. Jetzt nicht mehr. Jetzt schwimmen hier an einem Sommertag nur noch: weiße Körper. Coronafrei.

Dabei kam das Virus in Deutschland einmal genau über diese Einfallstür. Es befiel weiße Akademikerkörper, die im Februar natürlich nicht schwammen, sondern Ski fuhren, in Ischgl. Jetzt vollzieht Corona eine Klassenwanderung. Wenn der R-Wert in Deutschland über zwei liegt, dann löst das nur deshalb keine Panik aus, weil der Infektionsausbruch stark begrenzt ist. Auf einen Häuserblock in Berlin-Neukölln, zwei Häuser in Göttingen, die Mitarbeiter von Tönnies. Noch relevanter als die lokale Begrenzung scheint die soziale. Die Träger des Virus haben derart wenig Kontakt zu anderen Milieus, dass diese sich kaum vor einer Ansteckung sorgen müssen.

„Wir haben es nicht mit einer Infizierung quer durch die Bevölkerung zu tun, wie das zum Beispiel nach Ischgl der Fall war“, sagte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), als der lokale Lockdown um Gütersloh noch verhindert werden sollte; es handele sich um Menschen, die „an weiten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gar nicht teilnehmen“. Skifahrende für den sozialen Querschnitt zu halten, Tönnies-Arbeiter aber als außerhalb der Gesellschaft stehend zu betrachten: Das ist interessant.

Die Schlachter zerlegen allein auf dem Firmengelände in Rheda-Wiedenbrück pro Tag 20.000 Schweine, 38 Kilo davon verzehrt ein Mann in Deutschland durchschnittlich pro Jahr. Der eine leistet die Arbeit dafür, dass der andere essen kann: Natürlich sind die Tönnies-Arbeiter Teil der Gesellschaft. Deren Lebensweise basiert auf der extremen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft – und Körper. Diese Ausbeutung wird jedoch externalisiert. So sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Montag im ZDF, es gebe nur „16 Übertragungen in die Bevölkerung“. Von außerhalb der Bevölkerung – da, wo die Fleischarbeiter verortet sind – in die Bevölkerung hinein.

Das ist nur Sprache, könnte man meinen. Die Verbreitungswege des Virus offenbaren jedoch, was für materielle Ausprägungen soziale Ungleichheit in Deutschland hat. Über 1.500 Menschen haben sich bei Tönnies mit Corona infiziert. Diese Körper werden nun weggesperrt, eingezäunt. Ist das bei einem Corona-Ausbruch bei Ischgl-Heimkehrern an der Hamburger Außenalster vorstellbar? Ein Zaun um die Villen?

Die Abriegelung der Infizierten folgt unsichtbaren sozialen Trennlinien. Studien in Großbritannien haben gezeigt, dass die Todesrate in ärmeren Vierteln bei 76,7 Personen pro 100.000 Einwohnern liegt – in Vierteln mit bessergestellten Haushalten liegt sie bei 35,9. In Deutschland wurden die Corona-Daten von Hartz-IV-Empfängern mit denen von Erwerbstätigen verglichen. Das Risiko, an Corona zu sterben, ist in unteren Milieus auch hierzulande beinahe doppelt so hoch wie in den höheren.

Brutalität an prekären Körpern ist keine Erfindung der Pandemie. Im Gegenteil: Weil insbesondere das viel reisende bürgerliche Milieu als erstes von dem Virus betroffen war, ist die Identifizierung mit Opfern von Covid-19 hoch. Noch. Denn die Sprache verschiebt sich. Von Familienfeiern zum Ende des Ramadan ist die Rede, von Wochenendausflügen nach Rumänien. Alles Begriffe, die eines anzeigen sollen: Es sind die anderen, die sich anstecken, weil sie anders sind. Weil sie Rumänen sind, halten sie sich nicht an Regeln. Weil sie Muslime sind, leben sie in Großfamilien eng zusammen. Diese Form der Kulturalisierung der Ansteckungswege ist für die verantwortliche Politik gemütlich, denn was, wenn es gar nicht an den Menschen läge? Sondern an ihren Wohn-, Lebens-, und Arbeitsverhältnissen? Was, wenn Politik es ändern könnte, dass Fleischarbeiter tausendfach krank werden, dass Hartz-IV-Beziehende früher sterben? Wenn Politik für Leben und Tod der Bevölkerung verantwortlich wäre? Was, wenn die Körper von Tönnies-Arbeitern ebenso betrauerbar werden wie jene von Ischgl-Skifahrenden?

Doch das sind sie nicht. Sie sind die anderen. Der einzige Weg, über den das Virus von den Tönnies-Arbeitern auf andere Teile der Bevölkerung überspringen kann, sind Kitas und Grundschulen. Letzte Schnittpunkte zwischen Milieus. Gymnasiasten machen sich wohl kaum Sorgen, sich bei Kindern von Fleischarbeitern anzustecken.

Die Körper im Freibad auch nicht. Ein sozialer Schnittpunkt weniger. „Herrlich, diese Ruhe“, hört man es auf der Wiese murmeln. Nur: Wie lange hält sie an? Wenn sich die Kids den ganzen Sommer über langweilen? In Stuttgart haben sie sich eine andere Beschäftigung gesucht. Sich zurück in die Mitte der Gesellschaft geknallt. So körperlich brutal, wie Gesellschaft derzeit eben stattfindet – jenseits der leeren Freibadwiesen.

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06:00 26.06.2020

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