Lieber Mann ...

Gleichberechtigung Elsa Koester schreibt einen offenen Brief an „den Mann“ – auf Augenhöhe
Lieber Mann ...

Illustration: der Freitag

Endlich! Endlich fühlst du dich unwohl in deiner Haut. Endlich fühlst du dich verunsichert, endlich ärgerst du dich über generalisierende Kritik, endlich bekommst du das Gefühl, wegen Dingen beschuldigt zu werden, an denen du dich selbst nicht schuldig fühlst. Du sagst sogar, dich beschleicht das Gefühl, zum Menschen zweiter Klasse degradiert zu werden! Weißt du, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe? Es passiert gerade etwas ganz Großartiges: Endlich hast auch du ein Geschlecht! Herzlichen Glückwunsch. Jetzt können wir auf Augenhöhe reden.

Denn jahrhundertelang hattest du kein Geschlecht, und es ist dir nicht einmal aufgefallen. Du warst der Mensch, das universelle Geschlecht. Und ich war die Frau. Du warst aus Lehm geformt, ich aus deiner Rippe. Du unterschiedest dich in deinem Stand, deiner Klasse, in deinem Beruf, deinem Charakter. Du warst Fabrikarbeiter oder Bauer, Lehrer oder Adliger. Du hattest Talente. Du warst der Intellektuelle oder der Praktiker, der Tausendsassa, der Casanova oder der Stille. Du hattest eine Individualität: Das, was dich von den anderen Männern unterschied, machte dich aus. Sicher, du trugst die Last dafür, aus deinen Möglichkeiten etwas zu machen, das mag Druck ausgeübt haben, die Pflicht, deine Familie zu ernähren, etwas zu werden: ein Macher zu werden. Ein Mensch mit Potenz. Ein Mann.

Ich aber war der Mensch mit Geschlecht. Vielleicht hatte Simone de Beauvoir in einem Punkt nicht ganz recht. Ich war nicht das andere Geschlecht – ich war der andere Mensch, der Mensch mit Geschlecht. Es gab das generische Maskulinum, die Norm. Und dann gab es mich, mitgedachtes Geschlecht und Suffix. Aber ich war nicht zuerst Bäuerin, Lehrerin, Intellektuelle, nein, zuerst war ich Gebärmutter, die bepflanzt werden musste, Loch, das gefüllt werden musste. Du der Pflug und ich der Acker, so haben wir uns ergänzt, aktiv und passiv, Kultur und Natur. Wenn ich Individuum werden wollte, meine Interessen durchsetzen wollte, arbeiten wollte, wählen wollte, dann schlugst du mich zurück. Du kannst nicht rational denken, sagtest du. Du kannst nicht körperlich arbeiten, sagtest du. Du verstehst Politik nicht und beherrschst kein räumliches Denken. Du bist ein einziger großer Mangel. Weil du nicht potent bist. Weil du keinen Penis hast, sondern nur ein Loch. Weil du kein Mensch bist, sondern eine Frau.

Und so lernte ich, dass mein Weg zuerst durch mein Geschlecht bestimmt ist, und erst danach durch meinen Stand, meine Klasse oder meine Fähigkeiten. Ich lernte aber auch, mit den Zuschreibungen zu leben und sie in Frage zu stellen. Aha, du sagst mir, ich kann nicht denken, weil ich eine Frau bin? Ich beweise dir das Gegenteil. Aha, du sagst mir, ich kann nicht arbeiten, weil ich eine Frau bin? Ich beweise dir das Gegenteil. Ich habe gelernt, selbst zu entscheiden, wer ich sein will. Jeden Tag kämpfe ich dabei mit den Vorurteilen, die an mich geknüpft sind. Herzlichen Glückwunsch: Das musst du jetzt auch.

Ich sage dir: Du schlägst Frauen, weil du ein Mann bist. Ich sage dir: Du denkst, du nimmst dir den weiblichen Körper, weil du ein Mann bist. Ich sage dir: Du hast es einfacher im Job, weil du ein Mann bist, du hast Privilegien, weil du ein Mann bist, und vielleicht sage ich dir sogar mal: Du kannst dich nicht gut um Kinder kümmern, weil du ein Mann bist. Jahrhundertelang brachte dir dein Geschlecht keine Nachteile, es war unsichtbar. Jetzt ist es sichtbar, kritisierbar. Plötzlich wird deiner individuellen Freiheit eine Grenze gesetzt. Willkommen in meiner Welt. Du hasst es, ein Geschlecht zu haben, an dem negative Eigenschaften hängen, die du nicht loswirst, nur weil du einen Penis hast? Du hasst es, dass man dir Verhaltensweisen zuschreibt, obwohl du sie gar nicht als deine Verhaltensweisen siehst? Du willst nicht nur als Mann gesehen werden, sondern als du selbst? Willkommen in meiner Welt. Der Welt der Geschlechter.

Nun sind wir Mann und Frau, nicht mehr Mensch und Frau. Nun können wir reden, darüber, wer wir eigentlich sein wollen, wie wir leben und arbeiten wollen, wie wir uns anziehen und schminken wollen, wie wir Sex haben wollen und mit wem. Dass du ein Geschlecht hast, das du loswerden möchtest, befreit mich von meinem Geschlechtergefängnis, denn nun wird Geschlecht verhandelbar – weil nun alle Beteiligten ein Interesse daran haben, zu verhandeln. Lass uns also verhandeln. Hier meine Bedingungen.

Ich will, dass du deinen Platz räumst. Ich will dieselben Chancen wie du im Beruf, und dafür musst du mir die Hälfte von allem überlassen. Du musst Geld und Macht an mich abgeben. Du musst mehr arbeiten, denn ich arbeite schlecht bezahlt in Teilzeit und unbezahlt in der Hausarbeit, und insgesamt arbeite ich mehr als du. Du musst die Hälfte der Sorgearbeit übernehmen, du musst mit dem Kind zu Hause bleiben, während ich arbeite, und ich, während du arbeitest. Komm, wir machen Hälfte-Hälfte: mit dem Geld, mit der Lohnarbeit, mit der Hausarbeit, mit der Zeit, die wir mit unserer Familie und Freunden verbringen.

Ich will, dass du mich in Ruhe lässt, wenn ich nicht mit dir zusammen sein will, sondern mit meinem Geschlecht. Es gibt ein Leben ohne dich. Ich will, dass du es zulässt, wenn ich doch lieber du sein will – oder du doch lieber ich sein willst, wenn wir zwischen uns, zwischen den Geschlechtern balancieren. Ich will, dass du verstehst, dass du kein Zugriffsrecht auf meinen Körper hast. Wenn wir Sex haben, dann nur, weil wir beide es wollen, und nur so, wie wir beide es wollen. Wir entwickeln die Pille für den Mann, und du musst sie nehmen oder für sinnvolle Alternativen sorgen, denn jetzt bist echt du mal dran.

Mein Körper gehört mir, dein Körper gehört dir. Finger weg von meinem Bauch, auch wenn er schwanger ist, darüber bestimme ich. Es tut mir leid, ich weiß, das fällt dir schwer. Ich verspreche dir, wenn wir gut zurechtkommen, können wir darüber sprechen, aber am Ende entscheide ich über meinen Körper, wie du am Ende über deinen entscheidest. Dafür verspreche ich dir auch: Wenn ein Kind da ist, räume auch ich meinen Platz. Das wird mir schwerfallen. Ich räume meinen Platz als Königin Mutter und überlasse dir die Hälfte dieser bedingungslosen kindlichen Zuneigung, die dich glücklich machen wird.

Du hast kein Recht auf einen Flirt mit mir, wie ich auch kein Recht darauf habe, mit dir zu flirten, wenn du nicht willst. Vielleicht wird das anstrengend für dich, vielleicht musst du dein Verhalten ändern, und darauf hast du keine Lust, gerade beim spontanen Flirt. Aber du bekommst etwas zurück. Vielleicht gefällt es dir ja, wenn auch ich dich umschwärmen muss. Vielleicht gefällt es dir ja, eingeladen zu werden, angezwinkert zu werden, Komplimente zu bekommen, wenn du dich schick gemacht hast. Ich will anziehen können, was ich will, ein Kopftuch oder keins, einen kurzen Rock oder einen langen, darüber entscheide ich, nicht du – oder wir einigen uns darauf, dass auch ich bestimmen darf, was du anziehen musst. Und ich will gefälligst auch mal zwei Armlehnen haben, im Kino oder im Flugzeug, du musst lernen, dich mit nur einer zu begnügen.

Das ist mein Angebot: Hälfte-Hälfte! Halber Raum, halbe Redezeit, halbes Geld, halbe Sorgearbeit, halbe Anerkennung – und dafür individuelle Freiheit, was das Geschlecht angeht. Ich weiß, Verhandlung heißt nicht, dass wir uns einigen. Man kann auch nicht alles „verhandeln“. Ich hasse den Gedanken, dass du weiterhin Entscheidungen treffen wirst, die mir nicht gefallen. Dass auch ich Kompromisse machen muss. Nach all der Erniedrigung! Aber sei gewarnt. Hälfte-Hälfte heißt erst einmal, dass vor allem du Nachteile hast, bis wir die Quote erreichen. Es heißt, dass du bei deiner Bewerbung mal nicht genommen wirst – wegen deines Geschlechts. Dass du mal nicht die Beförderung bekommst – wegen deines Geschlechts. Dass du mal nicht auf das Podium darfst, mal nicht den Artikel schreiben darfst – wegen deines Geschlechts. Hälfte-Hälfte heißt nicht, dass du höchstens bis zur Hälfte deiner Privilegien runtergehst, nein, es kann auch heißen, dass ich hier und da mehr habe als du. Dass du mal das Nachsehen hast – wegen deines Geschlechts. Das bist du nicht gewohnt. Kannst du das ertragen? Ich habe Zweifel. Aber vielleicht nimmst du sie mir ja. Vielleicht hörst du zu, vielleicht lernst du, mit deinem Geschlecht zu kämpfen. Das müssen wir jetzt beide. Aber du kannst es ja noch lernen, du kannst lernen, mit deinem Geschlecht zu kämpfen. Das müssen wir jetzt beide.

Die Frau, die nicht deine ist i.A.

06:00 04.06.2018

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