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„Weltbühne“ mit Hermann Budzislawski: Blatt der „systemloyalen Intelligenz“

Biografie Die legendäre Zeitschrift der Weimarer Republik wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR weitergeführt. Lange war ihr Chefredakteur Hermann Budzislawski. Daniel Siemens’ Biografie zeichnet auch ein Porträt des 20. Jahrhunderts
Budzislawski übernahm 1933 die „Weltbühne“ – und dann 1967 nochmal
Budzislawski übernahm 1933 die „Weltbühne“ – und dann 1967 nochmal

Foto: Sandra Neumann/Archiv Neumann/dpa, Peter Stein/dpa (rechts)

Im Jahr 1933 war Hermann Budzislawski am Ziel: zukünftiger Chefredakteur der legendären Weltbühne. Nachfolger Carl von Ossietzkys bei jener Zeitschrift, in der neben Kurt Tucholsky die intellektuellen Spitzen der Weimarer Republik schrieben. Da hieß sie allerdings schon Neue Weltbühne und erschien im Prager Exil. Budzislawski hatte erfolgreich Wilhelm S. Schlamm vertrieben. Die beiden waren sich fortan spinnefeind, erst recht nach 1945, als Schlamm, nun mit Vornamen William, einer der publizistisch kältesten Krieger geworden war, während Budzislawski zumindest nach außen getreulich die Linie der SED vertrat.

Die Weltbühne hat Budzislawski nie mehr losgelassen. Sie ist nicht nur wegen der Einbandfarbe der rote Faden seines Lebens. Ein Leben, das wie bei so vielen Linken, jüdischer Herkunft zumal, von den politischen Windungen und gesellschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts geprägt war. Der Historiker Daniel Siemens hat es nun nach der persönlichen und privaten Seite ebenso rekonstruiert wie im Wechselspiel mit den zeitgeschichtlichen Umständen. Budzislawski war demnach keine sonderlich spektakuläre, gar charismatische Existenz. Er erscheint hier als ein sehr intelligenter Kopf, mit streberhaften Zügen – sein anderer Intimfeind Kurt Hiller nannte ihn einen „trockenen Schleicher“ –, ebenso netzwerkend wie auf persönliche Vorteile bedacht, durchaus bereit, Loyalitäten aufzukündigen, wenn es dem Fortkommen dienlich schien, ein Sozialist mit ausgeprägtem Distinktionsbewusstsein und Hang zu großbürgerlichem Lebensstil. Er entstammte einer jüdisch-preußischen Familie in Berlin. Sein Vater betrieb eine Fleischerei, war aber sehr bildungsorientiert.

Sohn Hermann war früh sozialistisch engagiert, als Abiturient 1918 aktiv in den Räten. Seine Dissertation hatte er 1923 in Tübingen über Eugenik geschrieben, über die „Ökonomie der menschlichen Erbanlagen“, durchaus im Duktus eines ökonomistischen Effizienzdenkens, dem „Degenerierte“ als Ballast erschienen. Er arbeitete dann wirtschaftsjournalistisch im Umfeld der linken SPD. Anders als er später insinuierte, war er kein altgedienter politischer Weltbühnen-Beiträger. Erst Ende 1932 erschienen dort von ihm einige recht unspektakuläre Artikel, bis die Weltbühne Anfang 1933 ins Exil und er zunächst in die Schweiz ging, von dort dann der Zeitschrift nach Prag folgte. Dass er sie sich so schnell aneignen würde, war nicht vorherzusehen. Indes verstand er es bald, zum Leidwesen von dessen Witwe Maud, sich ausgiebig des legendären Namens von Ossietzkys zu bedienen. Weder Gabriele Tergit noch Siegfried Kracauer konnte er zur Mitarbeit an seiner Neuen Weltbühne gewinnen, steuerte sie aber erfolgreich in Richtung der kommunistischen Volksfrontpolitik. Zumal nach der Übersiedlung von Prag nach Paris 1938, wo der gutwillige Heinrich Mann als Dooropener für die Exilcrême fungierte.

Wollte man nicht untergehen

Wie in Prag lebte er auch hier in großem Stil. Allerdings wurde er bei Kriegsbeginn von den Franzosen interniert. Hier liefert Siemens einmal mehr deprimierende Einblicke in die Situation der Exilierten zwischen Konkurrenzneid, Gerüchten, Misstrauen, Denunziation und der brutalen Willkür der Lager, die kein Ruhmesblatt in der französischen Gloriole sind.

Nach einer Reihe verschiedener Lager gelangte er mit seiner Familie über Spanien nach Portugal und von dort in die USA, wo er sogleich wieder Netze knüpfte. Er lavierte publizistisch geschickt durch die Klippen der sowjetischen Paktpolitik, und nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde er zur festen Größe in der Analyse der Weltpolitik und des Naziregimes. Er verdiente dabei gut, war Lieferant von Hintergrundmaterial für die legendäre Institution Dorothy Thompson, die ihm und der Familie bald freundschaftlich verbunden war. Doch zehrte an ihm der Ehrgeiz, den eigenen Namen gedruckt zu wissen, da half auch nicht, dass er unter Pseudonym schreiben konnte, dass seine Expertise geheimdienstlich gefragt war. 1945 überwarf er sich – nicht ohne taktisches Geschick – politisch mit Thompson, die zunehmend sowjetkritisch wurde. Zunächst stieg er in den USA auf, als Redakteur bei der Overseas News Agency, streckte aber seine Fühler nach Deutschland aus. 1948 kehrte er zurück, auf eine Professur für Publizistik in Leipzig. Via Berlin, das ihm nicht nur durch die Trümmer, sondern auch durch die „verwilderte“ Sprache fremd war. „Fast war es wie eine neue Emigration aus dem gefährlich gewordenen Asylland.“

Zwischenzeitlich hatte er im Streit um die Rechte an der Weltbühne, die im Sommer 1946 in sowjetischer Lizenz wieder aufgelegt wurde, eine herbe Niederlage erlitten. Maud von Ossietzky und Hans Leonhard waren nun Herausgeber statt seiner. Er konzentrierte sich zunächst auf seine Professur, allerdings weniger engagiert in der Lehre, denn den Titel und Parteiverbindungen zu Rundfunkkommentaren nutzend, die ihn bekannt machten. Es wird berichtet, dass er Mitarbeiter demotivierte und Studierwillige abschreckte. Er, der sich nun wieder in komfortabler Großbürgerlichkeit einrichtete, war der Partei suspekt. Zu eigenwillig (und auch eitel), folgte er nicht strikt deren Vorgaben, erhielt 1950 Lehrverbot, wurde nach Bußübungen reintegriert. Er wurde sogenannten Abweichlerüberprüfungen unterzogen, die unverhohlen judenfeindlich waren.

Siemens bietet hier sehr Aufschlussreiches zur SED-Medienpolitik wie zum mehr als nur latenten Antisemitismus. Budzislawskis Stärke waren die Rundfunk- und Vortrags-Auftritte zur Außenpolitik, speziell zu den USA und der BRD. Immerhin veröffentlichte er 1966 dann auch ein Buch: Die Sozialistische Journalistik. Eine wissenschaftliche Einführung. Dies nun ganz auf Parteilinie. Doch sein universitäres Engagement blieb mau. 1966 wurde er zur Emeritierung genötigt. Die Weltbühne aber blieb der Stachel, der weiter in ihm bohrte. Nach dem Tod Leonhards bot man ihm überraschend die Herausgabe an, die er am 1. Januar 1967 antrat. Offiziell nun als „Chefredakteur, Verlagsdirektor und Lizenzträger“, hielt er die Zeitschrift durchaus parteilich, aber offen für Beiträge, die die Spielräume des Erlaubten austesteten. Janusköpfig, weil sie derart – so die befriedigte Einschätzung Erich Weinerts – „auf gewisse Schichten der Intelligenz wirkt, die durch andere Formen der Propaganda schwer erreichbar sind“. Siemens: „Unter Budzislawski blieb die Weltbühne das bevorzugte Blatt der systemloyalen Intelligenz.“ 1971 schied er 70-jährig dort aus, zunehmend verbittert durch das Gefühl mangelnder Beachtung wie durch die Politik gegen den Prager Frühling und die Fortexistenz von Antisemitismus in der DDR.

Beobachtet durch die Staatssicherheit, ist er 1978 gestorben. Siemens’ Fazit: „Er war ein mit allen Tricks operierender Geschäftsmann und ein unzuverlässiger Freund. Er lebte aber in Zeiten, in denen Härte – sich selbst wie anderen gegenüber – ratsam schien, wollte man nicht untergehen. Das galt um so mehr, wenn man wie er ein politischer Mensch war, der konsequent bleiben wollte und gerade deshalb flexibel agieren musste. Allerdings: Ließen sich auf diese Weise die eigenen Ideale (…) vom Aufbau einer besseren Gesellschaft bewahren, und sah Budzislawski sie wenigstens in Ansätzen in der DDR verwirklicht?“ Von ihm selbst findet sich dazu keine Antwort.

Info

Hinter der „Weltbühne“. Hermann Budzislawski und das 20. Jahrhundert Daniel Siemens Aufbau-Verlag 2022, 413 S., 28 €

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