Unbritische Emphase

Lesehilfe Kritiker James Wood lehrt den Genuss von Literatur, vor allem die Kunst, Kunst von Nichtgekonntem zu unterscheiden. Sein Buch ist so unterhaltsam wie belehrend

Ob es ein Fortschritt gegenüber Madame Bovary ist, dass Schoßgebete von einer Frau geschrieben wurde? Ersteres jedenfalls ist ein Roman, ist Literatur, letzteres dagegen papiergewordenes Zappelphilippinensyndrom. Da es hinreichend Aufmerksamkeitsgestörte gibt, ist Schoßgebete ein Bestseller – und wird vergehen, während Flauberts Roman große Literatur bleibt. Der englische Literaturkritiker James Wood meint gar: „Die Romanautoren sollten Flaubert danken wie die Lyriker dem Frühling. Mit ihm beginnt alles.“ So steht es in seinem 2008 erschienenen Buch How Fiction works, justament auf Deutsch erschienen unter dem Titel Die Kunst des Erzählens.

Vor bald 20 Jahren gab es unter nämlichem Titel schon mal ein ähnliches Buch. Aber während David Lodge damals eine Art lakonisch-witzigen Elementarkurs in Gattungen und Stilmitteln lieferte, führt uns Wood, genau besehen, eher in die Kunst des Lesens ein, vor allem in die Kunst, Kunst von Nichtgekonntem zu unterscheiden. „Durch die Literatur“, schreibt er in fast unbritischer Emphase, „werden wir zu besseren Beobachtern, wir wenden das Gelernte auf das Leben selbst an; dadurch werden wir umgekehrt detailgenauere Leser der Literatur; dies wiederum lässt uns das Leben besser lesen und so weiter.“

Wer hierzulande traute sich noch, so umstands- und bedingungslos das Lob der Literatur zu singen? James Wood, Jahrgang 1965, war lange Zeit oberster Kritiker des Guardian, schreibt inzwischen für den New Yorker und lehrt Literaturkritik in Harvard. Er macht kein Hehl daraus, dass er in der Literatur lieber das Realistische sucht und finden möchte. Seine Beispiele stammen mehrheitlich aus der englischsprachigen Literatur. Doch macht das nichts: Zum einen ist fast alles auch auf Deutsch erschienen, zum anderen bekommt man Neues angeboten. Vor allem aber lernt man mit ihm genauer hinzusehen, auf Details zu achten und Figuren zu prüfen. Wir lernen, worin Kunst sich von ihren Imitationen und Surrogaten unterscheidet, von den schematischen Anwendungen und kosmetischen Rezepturen, von dem, was Woods den „kommerziellen Realismus“ nennt.

Mentales Stottern

Ins Allgemeine gewendet, liest sich das notgedrungen als eben recht allgemein. So, wenn die wahrgenommene Vitalität einer literarischen Figur mit unserem Bewusstsein zu tun haben soll, „dass die Handlungen einer Figur zutiefst wichtig sind oder etwas Bedeutsames auf dem Spiel steht“. Dem wird man kaum widersprechen wollen. Aber wie genau funktioniert es, dass Figuren zu wirklichen Figuren werden und Details zu zwingenden Details? Woods führt es vor, mal an Joseph Conrad, dessen Romane deshalb nicht wenden wollen, weil Conrad bis zuletzt an seinen Figuren arbeitete, mal daran, wie Dostojewski Raskolnikow gleichsam „mental stottern“ lasse, mal daran, wie Proust seine Figuren sich ändern lässt, sodass wir „ständig die Brennweite neu einstellen müssen“, um sie zu erkennen. Am Ende geht es darum, ob und wie Autoren es gelingt, gerade eben noch der Konvention zu entkommen, denn: „Die Konvention ist – wie die Metapher – nicht tot, aber sie ist immer am Sterben.“

Woods Buch ist so unterhaltsam wie belehrend. Es macht staunen, dass es so etwas wie gelungene Romane überhaupt gibt. Wenn Flaubert an Maupassant schrieb, dass an allen Dingen stets etwas unentdeckt bleibe, weil wir für gewöhnlich nur das an ihnen sähen, von dem wir wissen, dass andere vor uns so darüber gedacht haben, dann erinnert Woods Buch an den Blick der wahrhaften Autoren, indem er mit den Augen des wahrhaftigen Kritikers sehen lehrt, als einer, der diametral zu den Amazon-Amateuren und der unter ihnen „grassierende[n] Seuche moralisierenden Nettseins“ steht. Oder ist das jetzt zu nett?



Die Kunst des ErzählensJames Wood mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann, Rowohlt 2011, 237 S., 19,95
Erhard Schütz lehrt deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin und schreibt im Freitag die Kolumne sachlich richtig



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