Die Jahreszeiten der Ewigkeit: Verdrängte Orte

Chronist Karl-Markus Gauß wollte nie an der „gegenwärtigen Gegenwart“ mitschreiben. Wie kein anderer hat er die übersehenen, verdrängten, vergessenen Orte Mittel- und Osteuropas, nicht zuletzt der Ukraine, für uns ins Zentrum der Wahrnehmung gerückt

Er habe, schreibt er zum Schluss seines jüngsten Buches, sich 2014 zu seinem 60. Geburtstag vorgenommen, für die nächsten fünf Jahre „ein Journal zu bauen, das für meine Anwesenheit auf der Welt und in meinem eigenen Leben zeugen würde“, zugleich den Verlockungen widerstehend, „an der gegenwärtigen Gegenwart mitzuschreiben“. Das Journal liegt nun vor. Wie kein anderer hat Karl-Markus Gauß zuvor als Reporter die übersehenen, verdrängten, vergessenen Orte und Regionen Mittel- und Osteuropas, nicht zuletzt der Ukraine, die Menschen, ihre Lebensweisen und Sprache für uns ins Zentrum der Wahrnehmung gerückt. Minderheiten, deren soziale Diskriminierungen und historische Unterdrückungen gleichermaßen. Seit 1991 führt er zudem die Zeitschrift Literatur und Kritik. Dass solch einer auf Nabelschau oder Fingernägel-Orakel aus sein könnte, muss man nicht befürchten. Im Gegenteil.

Was für Kleingeister!

So wie es ihm bei seinen Reisen nicht um Exotisierung, sondern Einbeziehung ging, so zeigt er hier seine Beobachtungen an sich, den Medien und der weiteren Umwelt, wie er hinsieht, hinhört und vor allem hindenkt. Und sofort ist man verlockt, zur fortlaufenden Bestätigung zu zitieren. Etwa: „Unser Gotteskrieger. Er sagt, er wolle ins Paradies. In Wahrheit will er nur nicht in Dinslaken bleiben.“ Er liefert keinen Lauf der großen Dinge, sondern Gänge durch die Verhältnisse des Alltags. Zu einer Berliner Sponti-Forderung „Abschaffung des Alltags!“ fällt ihm da auf: „Sie sehen den Alltag als lebensfeindlichen Ort der Pflichten und träumen vom ewigen Feiertag. Was für Kleingeister!“ Nicht minder kleingestutzt werden allerdings selbsternannte Großgeister wie weiland Kanzler Kurz. Er hält zur Menschheit in ihren Einzelexemplaren und Gruppenschicksalen. So beginnt er mit der Lage der Kinder in der heutigen Welt, um alsbald auf dem Friedhof anzukommen und dem auch dort inzwischen herrschenden Reinheits- und Abgrenzungswahn. Ihm graust vorm „Hypersuperultra-Kapitalismus“ und seinem Ziel der „digitalen Planwirtschaft“ ebenso wie vor Minderheiten, die andere Minderheiten nicht mögen. Die Kirche bleibt hier im Dorf. „Heute wäre ich vorerst zufrieden, wenn sich gegen den angelsächsischen und den chinesischen ein spezifisch europäischer Kapitalismus behauptete, zu dem immerhin ein gewisser sozialer Ausgleich gehörte, der Eurokapitalismus.“ Man habe ihn als „Minderheiten-Gauß“ apostrophiert, tatsächlich habe er anfangs geglaubt, Minderheiten hätten der Mehrheit etwas voraus, einfach weil sie nicht zu ihr gehörten. Doch „wenn etwas den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht, außer der Schweinerei, dass sich eine Minderheit von Profiteuren den Reichtum der Gesellschaft unter den Nagel reißt, dann ist es der Aufstand der hunderterlei Minderheiten“.

Gauß hält nichts von der Ewigkeit, wenn sie nicht wenigstens Jahreszeiten hat. Ein Verteidiger des Zeitlichen, von Vergänglichkeit und Dauer gleichermaßen, gegen den Fanatismus derer, die aus Lebensangst Kontrolle, Optimierung und Geltung um jeden Preis an deren Stelle setzen wollen. „Würdigung der verschwindenden Dinge“ und scharfe Beobachtung der Sprache, der Dummheit, die noch in wohlmeinenden Floskeln steckt. Der Spruch „I love refugees“ bringt ihn zur Bemerkung: „Flüchtlinge haben, wenn sie diesen Status zu Recht beanspruchen, ein Anrecht darauf, Asyl zu erhalten; sie haben keinen Anspruch darauf, geliebt zu werden.“ Er kritisiert die vormundhafte kommunikationsdidaktische Reduktion von Literatur auf soziale Gebrauchsanweisungen ebenso wie die hippe Linke, die der Globalisierung und dem Neoliberalismus weniger misstraut als sie Provinz und reaktionäre soziale Renitenz der Verlierer von Globalisierung und Neoliberalismus verachtet. Kein Wunder, dass er den selbstgefälligen Mainstream der Wohlfahrtseinfalt besonders scharf fixiert, den „exaltiert ausgelegten Konformismus“, wozu er die schöne Formulierung von Georg Lukács reaktiviert: „überspannte Philister“. Da verfolgt den „massentauglichen Exzentriker“ gleich eine regelrechte Philippika: „Er ist engstirnig, aber freizügig, narzisstisch selbstbezogen, aber populär, saudumm, aber ein origineller Sprücheklopfer: eine rundum obszöne Erscheinung“. Trump verkörpert ihn grell, jedoch in seinen biedermännischen und -fraulichen Varianten findet er sie auch in den vermeintlich progressiven Redaktionen. Figuren ohne Ahnung, aber mit Meinung.

Zeitfähigkeit, Zeitwürdigkeit

„Es ist meine Obsession zu zeigen, dass selbst Gegenden, die von der Geschichte scheinbar übersehen oder gerade nur gestreift wurden, ihre Geschichte haben, und dass die Menschen, die dort wie für sich und aus der Zeit gefallen leben, Teil von unserer Geschichte sind“ – was er von der Intention seiner Reisegeschichten schreibt, hat hier sein Pendant: das Misstrauen gegenüber dem unbefragten Konsens, dafür den Anspruch, alles und jedes zu prüfen, dem Beobachteten „Zeitfähigkeit, Zeitwürdigkeit“ zu geben und dabei all dem die Treue zu halten, das der „unfreie Freigeist“ mangels Beweisbarkeit möglichst bald entrümpeln will: „Schönheit, Freundschaft, Mitgefühl, Mut, Geselligkeit, Standfestigkeit, Nachsicht, Großzügigkeit, Selbstkritik, Ironie etc. etc. etc.“

Ein Solitär, der so zu sehen und zu denken lehrt, dass man unter seinesgleichen in guter Gesellschaft wäre. „Tagsüber bin ich ein Einzelgänger, der lieber alleine bleibt, aber abends will ich intelligente Gesichter um mich sehen und ein immer gut nachgeschenktes Glas Wein.“ Am 16. März wird Karl-Markus Gauß den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2022 verliehen bekommen. Wünschen wir ihm die gewünschte Begleitung – und weiterhin möglichst viele Leser!

Info

Die Jahreszeiten der Ewigkeit. Journal Karl-Markus Gauß Zsolnay 2022, 313 S., 25 €

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