Ich bin nicht schwul, ich war beim Fasching!

Phobophobie? Nagellack vom Fasching, keinen Entferner im Männersinglehaushalt, also so in die Arbeit. Ein kleiner Horrortrip durch die eigene Psyche

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Eine Coverband in der ich spiele hatte das zweifelhafte Vergnügen, am Wochenende bei einer monströsen Faschingsveranstaltung aufzuspielen. Ich hasse Fasching. Und musste mich doch verkleiden. Hab nichts zum Verkleiden daheim bis auf ein sehr 90er-Jahre-anmutendes knallbuntes Sakko mit fiesen Schulterpolstern. Muss reichen. Vor Ort setzt mir der Sänger noch eine Afroperücke mit Neonstirnband auf und die Sängerin lackiert mir die Fingernägel schwarz. Nach dem Konzert verschwindet die Sängerin schnell, sie hat eine kleine Tochter und es ist drei Uhr morgens. Mit ihr verschwindet auch der Nagellackentferner.

Ich fand es kurios mit lackierten Nägeln aufzuwachen. Worüber ich mir keine Gedanken gemacht habe, ist, dass ich auf der Messe arbeiten muss. Lauter Menschen muss ich technisch betreuen, wichtige Menschen in Anzügen. Schon in der U-Bahn fühle ich mich unwohl, beobachtet, und versuche, meine Hände zu verstecken. Jeden Menschen den ich ansprechen muss, die Bäckereifachkraft die mir ein Brötchen und Kaffee verkauft, der Arbeitskollege der mich auf der Rolltreppe begrüßt, der Referent der seine Präsentation durchsehen will, allen erzähle ich hastig dass der Nagellack vom Fasching ist, "nicht, dass Sie sich wundern". Vor allen anderen versuche ich weiter, meine Hände zu verstecken.

Ich will nicht dass jemand denkt ich wäre schwul. Wieso? Wieso projiziere ich diesen Transfergedanken in all die Leute denen ich begegne? Was sollte mich daran stören wenn es wirklich so wäre? Am morgen habe ich noch von dem schlimmen Anti-Homosexuellen-Gesetz in Ruanda gelesen, das selbst die US-Regierung als "widerlich" bezeichnet hatte. Ich habe die ganze weltweite Debatte zur "Homoehe" (schlimmes Wort) verfolgt, ich habe viel mit schwulen Freunden geredet, die z.T. immernoch Angst davor haben, sich vor ihren Eltern zu outen. Einer davon sagte sinngemäß: "Die schwule Community tut so, als wären sie die totalen Partyanimals. Dabei sind es die ängstlichsten Menschen, die ich kenne."

Ich habe Angst für schwul gehalten zu werden (was auch immer das mit Nagellack zu tun haben soll), weil ich Angst vor homophoben Menschen habe. Das musste ich bisher noch nie. Ein widerliches Gefühl. Aber noch widerlicher ist der Gedanke, dass es mir doch eigentlich völlig egal sein sollte, es aber nicht ist. Selbst für mich ist Homosexualität noch etwas fremdes, mit dem ich nicht in Verbindung gebracht werden will. Und so sitze ich hinter meinem Mischpult auf der Messe, tippe diese Zeilen und schäme mich über mich selbst. Auch ich habe noch viel zu lernen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ernstchen

Wortbürger. Musikmann. Mitmensch.

Ernstchen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden