„Bloß keine Tragödie“

Interview In seinem 70er-Coming-out-Drama „Uncle Frank“ verbindet Alan Ball Schmerz mit Humor

Er hat das Goldene Zeitalter des Fernsehens maßgeblich mitgeprägt: Alan Ball, 63, ist verantwortlich für Serien wie Six Feet Under – über eine dysfunktionale Bestatterfamilie – und die lustvoll-morbide Vampirserie True Blood, die er beide für den Bezahlsender HBO produziert und geschrieben hat. Ganz nebenbei hat er darin einige der eindrücklichsten queeren Charaktere der nuller Jahre geschaffen. Im Kino war er, nach seinem Oscar für das Drehbuch zu American Beauty (1999) und einem wenig beachteten Regiedebüt (Towelhead, 2007), viele Jahre nicht präsent. Nun erzählt er mit dem 70er-Jahre-Drama Uncle Frank die Geschichte eines schwulen Literaturprofessors, der sich zum Coming-out vor seiner konservativen Südstaatenfamilie gezwungen fühlt.

der Freitag: Mr Ball, nach dem Drehbuch-Oscar für „American Beauty“ haben Sie sich vor allem auf Serienformate konzentriert. Das amerikanische Arthousekino von damals existiert in dieser Form längst nicht mehr. Und auch Ihr neuer Spielfilm „Uncle Frank“ ist nach der Weltpremiere im Januar auf dem Sundance Film Festival nun bei Amazon Prime gelandet. Gibt es beim Bezahlfernsehen und bei den Streamingdiensten inzwischen mehr kreativen Mut als im Kino?

Alan Ball: Auch in American Beauty gab es ja bereits schwule Figuren, aber sie waren eben die Nachbarn und hatten keine eigene Geschichte. Six Feet Under hatte mit David, dem erwachsenen Sohn der Bestatterfamilie, bereits eine schwule Hauptfigur, als Teil eines größeren Ensembles. Das wäre bei den Network-Sendern zu der Zeit nicht möglich gewesen, vor allem nicht mit einem Lebenspartner, der Afroamerikaner ist und als Polizist arbeitet! True Blood war auf mehreren Ebenen queer, und nun, in Uncle Frank, ist der Protagonist ein schwuler Mann Mitte 40. Da gibt es also in meiner eigenen Filmografie eine klare Entwicklung, aber ich sah es nicht als meine Pflicht an, LGBTQ-Charaktere und -Geschichten zu erzählen, sie sind nur im Laufe meiner Jahre als Autor mehr und mehr ins Zentrum gerückt, auch das wiederum eher organisch.

„Uncle Frank“ erzählt vom Coming-out eines Mittvierzigers im konservativen Süden der Vereinigten Staaten des Jahres 1973. Trotz aller Konflikte ist Ihr Film letztlich sehr zuversichtlich, weil er zeigt, dass Annäherung möglich ist, auch wenn man sehr unterschiedliche Anschauungen hat. Kann er auch als Kommentar zur gespaltenen Gesellschaft im heutigen Amerika verstanden werden?

Was das Publikum nun damit macht, ist nicht mehr in meinen Händen. Wenn der Film so wahrgenommen wird, dass er das Bedürfnis nach Versöhnung und Gemeinschaftssinn über Gräben hinweg reflektiert, würde mich das außerordentlich freuen. Aber es steht mir nicht zu, diese Lesart aufzudrängen. Ich hatte diese Ebene beim Schreiben nicht bewusst im Kopf.

Der Film handelt außerdem davon, wie sehr wir von unserer Herkunft geprägt sind, von Ausgrenzung und Selbstverleugnung. Wie sehr haben sich die Zeiten seit 1973 geändert?

Heute leben sehr viel mehr offen schwul, man muss sich, zumindest in westlichen Ländern, in den meisten Fällen nicht mehr verstecken. Mein Film spielt vier Jahre nach den Stonewall-Ausschreitungen, damals war man als Homosexueller in liberalen Kreisen in Großstädten wie New York akzeptiert, aber auf dem Land gab es noch viele Vorurteile, Diskriminierung und Hass. Seitdem haben wir alle dazugelernt und uns weiterentwickelt, die Gay Community ebenso wie die Gesellschaft als solche. Aber es liegt noch immer viel Arbeit vor uns.

Zur Person

Foto: Zuma Press/Imago Images

Alan Ball wurde 1957 in Georgia geboren und lebt in Los Angeles. Bekannt wurde er mit dem Drehbuch zu American Beauty (1999) und als Schöpfer der HBO-Serien Six Feet Under und True Blood

Welche Hoffnungen und Forderungen haben Sie jetzt an Biden als nächsten Präsidenten und seine Regierung?

Es ist schrecklich, was mit den Vereinigten Staaten in vier Jahren unter Trump passiert ist. Er ist ein Soziopath und das Schlimmste, was unserem Land widerfahren ist. Und es ist noch nicht vorbei, ich mache mir große Sorgen über die Übergangsphase. Meine Forderungen? Es ist höchste Zeit, den Superreichen keine Steuern mehr zu erlassen. Wir müssen endlich akzeptieren, dass der Klimawandel sehr real ist, und wir müssen entsprechend handeln. Und wir brauchen einen Erwachsenen, der sich adäquat mit der Pandemie auseinandersetzt und nicht so tut, als ob es sie nicht gäbe.

Sie haben „Uncle Frank“ als sehr persönlich bezeichnet. Was meinen Sie damit genau?

Ich hatte mein Coming-out als schwuler Mann erst sehr spät, 1990, mit 33 Jahren. Zu der Zeit lebte ich in New York und fuhr in meinen Geburtsort Marietta, eine Kleinstadt in Georgia, wo meine Mutter damals noch immer lebte, um endlich reinen Tisch zu machen. Und im Laufe des Gesprächs erzählte sie mir, sie vermute, mein Vater, der zu dem Zeitpunkt bereits verstorben war, sei ebenfalls schwul gewesen. Er hatte nie darüber gesprochen, und nun konnte ich ihn nicht mehr selbst fragen. Bis heute weiß ich nicht mit letzter Gewissheit, ob es stimmt.

Wie haben Sie reagiert?

Ich war völlig baff, ich hatte das nicht erwartet. Dieser Trip in meine alte Heimat wurde dann zugleich eine Reise in meine Vergangenheit und die meiner Familie, es war sehr emotional. An einem dieser Tage fuhren meine Mutter und ich mit dem Auto zu Verwandten und kamen dabei an einem See vorbei. Und wie nebenbei erwähnte meine Mutter: „Das ist die Stelle, an der Sam Lassiter ertrank.“ Ich starrte zu ihr hinüber, ich hatte den Namen noch nie zuvor gehört. Und ich fragte, wer das sei. Sie antwortete: „Er war ein sehr, sehr guter Freund deines Vaters.“

War sein Tod ein Unfall oder eine Verzweiflungstat?

Die Umstände wurden nie ganz geklärt. Erst viel später fand ich heraus, dass es passierte, als die beiden noch sehr jung waren, kaum 20 Jahre, und dass mein Vater Sams Leichnam dann im Zug zu dessen Geburtsort in North Carolina begleitete. Ich fing an, viel darüber nachzudenken, an die Möglichkeit, dass die beiden ein Liebespaar waren, in einer Zeit, als das alles andere als akzeptiert war, und einer von ihnen daran zerbrach und Suizid beging. All das ging mir jahrelang nicht mehr aus dem Kopf. Und irgendwann setzte ich mich hin und schrieb es auf. Und das war die Geburt von Uncle Frank. Es ist also streng genommen nicht biografisch, es ist meine Interpretation davon, was passiert sein könnte. Aber es ist in der Hinsicht natürlich sehr persönlich.

Auch Ihr eigener Vater hieß Frank, den jungen Liebhaber im Film haben Sie nach dem Jugendfreund Ihres Vaters Sam genannt. Wie schwierig war es, von dieser persönlichen Verbundenheit zu abstrahieren und eine fiktionale Geschichte zu entwickeln?

Ich wollte vor allem keine Tragödie daraus machen. Es geht letztlich um Vergebung und um Verzeihen, vor allem sich selbst. Ich habe das Drehbuch erst mal nur für mich selbst geschrieben, ohne Auftrag, ohne ein Filmstudio als Partner. Und im Laufe der Jahre haben sich natürlich ein paar Dinge daran geändert, aber es ist noch immer ziemlich genau der Film, der mir damals vorschwebte. Die größte Herausforderung war für mich, das Geld dafür aufzutreiben, Produzenten zu finden und den Film überhaupt drehen zu können.

Welche Einwände oder Vorbehalte gab es?

So weit kam es meist gar nicht. Ich gab es Leuten zu lesen, und sie winkten einfach ab. Ich hatte das Drehbuch wirklich jahrelang angeboten, und niemand reagierte, niemand wollte es. Erst als Paul Bettany für die Hauptrolle zugesagt hatte, gab es Interesse, und wir konnten den Film drehen, wenn auch mit einem wirklich minimalen Budget.

Was vermuten Sie, warum zuvor so lange kein Studio Ihren Film produzieren wollte?

Ganz simpel: Studios schauen sich das an und glauben, dass es keinen garantierten Profit verspricht. Im Gegensatz zum nächsten Avengers-Projekt oder zu einem anderen Superhelden-Franchise. Studios sind sehr viel eher bereit, 200 Millionen für einen Blockbuster auszugeben, als einen kleinen Film für zehn Millionen zu machen. Dazu kommt, dass mein letzter Spielfilm Towelhead, den ich vor 13 Jahren inszenierte, nicht erfolgreich war. Das ist das Hauptaugenmerk der Leute, die in Hollywood Entscheidungen treffen: Wird es profitabel sein?

Der Film verbindet Dramatisches und Komisches, den Schmerz mit Humor. Wie haben Sie den richtigen Tonfall gefunden?

Das entspricht meinem Blick auf das Leben. Für mich ist es tragisch und rasend komisch zugleich. Zumindest mein eigenes ist es. Es würde mir sehr schwerfallen, etwas komplett Humorfreies zu schreiben. Witz und Humor sind für mich Überlebensstrategien, um am Dasein nicht zu verzweifeln. Und ich komme selbst aus dem Süden, aus einer Kleinstadt, und die Mitglieder dieser Familie mit ihren Eigenheiten sind mir alle sehr vertraut.

Sie zeigen große Empathie für Frank und seine Dämonen und Fehler, gegen die er ankämpft. Sind Sie sich selbst gegenüber auch so wohlwollend? Wie gehen Sie mit eigenen Schwächen um?

Ich praktiziere seit Jahren Buddhismus, und wenn ich so was wie ein Mantra habe, dann ist es Vergebung. Ich versuche mir und anderen zu verzeihen, dass wir nicht perfekt sind und immer alles richtig machen. Und ich versuche offen zu sein für das, was geschieht, den Moment wertzuschätzen. Womit ich am meisten zu kämpfen habe, sind Ängste, und schon allein es jetzt auszusprechen, fällt mir schwer. Ich versuche, mit meinen Ängsten zu leben und so versöhnlich und mitfühlend wie möglich zu sein. Und mich nicht zu bestrafen, wenn ich an etwas scheitere oder nicht erfolgreich bin. Aber das ist nicht immer einfach, zumal in dieser Branche.

Info

Uncle Frank Alan Ball USA 2020, 95 Min.; Amazon ab 25.11.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 25.11.2020
Geschrieben von

Thomas Abeltshauser

Freier Autor und Filmjournalist
Thomas Abeltshauser

Ausgabe 15/2021

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