Ganz normal divers

Streaming „Euphoria“ ist das jüngste Beispiel einer Serie für Teenager, die vor allem bei Erwachsenen ankommt

Rue braucht Hilfe. Dringend. Die 17-jährige Schülerin hat ein massives Drogenproblem, das sie nach Überdosis und Koma, Entzug und Narcotics-Anonymous-Meetings eine Weile scheinbar unter Kontrolle hatte. Doch nun dröhnt sie sich wieder regelmäßig zu, und das nicht erst seit der Silvesterparty, auf der sie den ebenfalls zugedröhnten Elliot (Dominic Fike) kennengelernt hat. Rue, gespielt von Dune-Star Zendaya, ist die Protagonistin der HBO-Serie Euphoria, deren Konsum in der gerade auch in Deutschland bei Sky gestarteten zweiten Staffel bald derart aus dem Ruder läuft, dass ihre Mutter Leslie (Nika King) schließlich mithilfe von Rues großer Liebe Jules (Hunter Schafer) eine Intervention startet. Der Versuch, sie wieder in eine Klinik zu bringen, scheitert so grandios, dass die Situation – um keine Details zu verraten – zur fiebrigsten Sternstunde einer an bemerkenswerten Momenten alles andere als armen Serie eskaliert.

Bereits mit der ersten Staffel hatte Euphoria 2019 für Furore gesorgt. Wegen der lebensnahen Porträts heutiger Jugendlicher und damit, wie sich die Serie von Sam Levinson auf Augenhöhe mit Themen wie Drogen, Identität, Sexualität und Freundschaft auseinandersetzt. Wie kaum ein anderes Fernsehformat verhandelt Euphoria nicht nur sehr authentisch Substanzmissbrauch mit allen Höhen und Tiefen, sondern zeigt auch expliziten Sex. Nach einer coronabedingten Zwangspause, überbrückt durch zwei Spezialfolgen im März letzten Jahres, taucht die neue Staffel nun noch tiefer ein in den Alltag einer Highschooljugend, die von Schmerz und Trauma ebenso geprägt ist wie von Selbstermächtigung und dem unbedingten Willen zur Grenzüberschreitung.

Spiegelbild eigener Sinnsuche

Euphoria ist damit das vielleicht radikalste Beispiel einer ganzen Reihe von Jugendserien, die seit einiger Zeit vor allem bei den Streamingdiensten und im Pay-TV zu sehen sind und dabei ein Publikum weit jenseits der Pubertät ansprechen. Sie treffen mit ihren Geschichten um das Erwachsenwerden und die damit verbundene Selbstfindung offenbar einen Nerv auch bei Menschen, die in einem Alter sind, in dem sie längst „angekommen“ und etabliert sein sollten, die aber in der Orientierungslosigkeit der Generation Z ein Spiegelbild eigener Sinnsuche erkennen – oder mit deren Freiheit, eine eigene Identität zu finden, verpassten Chancen nachtrauern.

Lena Dunham, selbst Jahrgang 1986, hat vor zehn Jahren mit Girls bereits die Konventionen des Genres gesprengt und junge Frauen jenseits der bis dahin üblichen Klischees gezeigt. Nun steht sie wie eine ältere Schwester als ausführende Produzentin hinter Genera+ion (RTL+, ab 12. April), einer Dramedy über eine sehr diverse Highschool-Clique im kalifornischen Orange County, die ihre Sexualität erkundet, gegen den Willen ihrer konservativen Eltern. Kreiert hat die 16 Folgen die inzwischen 20-jährige Zelda Barnz zusammen mit ihren zwei Vätern. Bei den Porträts der Kids zwischen hinterfragten Genderrollen, ungewollten Schwangerschaften und Missbrauchserfahrungen greift sie auf die Erfahrungen ihres eigenen Umfelds zurück.

In den sozialen Medien wird nicht nur von Gleichaltrigen ausführlich debattiert, ob nun Euphoria oder Genera+ion die quintessenzielle Generation-Z-Serie sei oder doch eher die Netflix-Produktion Sex Education aus Großbritannien, die es inzwischen auf drei Staffeln gebracht hat. Davon abgesehen, dass derlei Konkurrenzdenken dem Publikum herzlich egal sein kann, sind die Ansätze auch deutlich verschieden. Wo Euphoria die dunklen Leidenschaften und Abgründe jugendlichen Sturm und Drangs auslotet, sind die beiden anderen sehr viel lebensbejahender und, nun ja, sexpositiver. Gleich zu Beginn von Sex Education etwa findet sich der schüchterne Otis (Asa Butterfield) widerwillig in der Rolle des Sextherapeuten seiner Mitschüler wieder. Von Haus aus – seine Mutter Dr. Jean Miburn (Gillian Anderson) übt den Beruf tatsächlich aus – kennt er sich in der Terminologie und den delikaten Sachlagen bestens aus, zumindest theoretisch.

Die Jugendlichen aus Sex Education schlagen sich mit Fragen um sexuelle Identität und Selbstbestimmung herum, aber auch mit handfesten Fragen wie der Anwendung einer Analdusche. Die Erwachsenen sind dabei oft nicht weniger unsicher und legen auch im gesetzten Alter noch ein erstaunlich unreifes Verhalten an den Tag. Sex Education ist eine schlaue, höchst amüsante Serie über scheinbar Schlüpfriges, in der das Team um Schöpferin Laurie Nunn keineswegs vor scheinbaren Tabus zurückschreckt und auch komplexe Themen wie Missbrauch und Angststörungen mit empathischer Ernsthaftigkeit behandelt. Aufklärungsunterricht als lässige Serie, wie er an realen Schulen undenkbar wäre.

Welche Generation tatsächlich mehr Reife an den Tag legt, fragt man sich unwillkürlich auch bei der Comedyreihe Everything’s Gonna Be Okay, die wie Genera+ion am 12. April auf RTL+ anläuft. Der australische Queer-Comedian Josh Thomas (Please Like Me), der die Serie auch konzipiert hat, spielt hier einen 25-jährigen neurotischen Kindskopf, der sich nach dem Tod des entfremdeten Vaters plötzlich um seine Halbschwestern kümmern soll, zu denen er bisher kaum Kontakt hatte. Die neue Verantwortung überfordert ihn völlig. Die 17-jährige Matilda (Kayla Cromer) ist auf dem autistischen Spektrum, die jüngere Genevieve (Maeve Press) ebenso smart wie aufmüpfig. Wie sie und Nicholas sich im Laufe der Zeit zusammenraufen und ihre Rollen neu definieren, auch ihre jeweilige Sexualität entdecken, ist so cringy wie herzerwärmend.

Die vier Jugendlichen in Reservation Dogs (neun Episoden auf Disney+, eine zweite Staffel ist in Auftrag) dagegen haben neben der üblichen „teenage angst“ noch ganz andere Probleme. Sie wachsen in einem Reservat im ländlichen Mittleren Westen auf und wollen vor allem eins: raus. Reservation Dogs bietet bei allen Genre-Spielereien einen ungeschönten Blick auf den Alltag amerikanischer Ureinwohner, ohne sich dabei in deren Trauma zu suhlen. Die Serie nutzt stattdessen einen schwarzen, oft surrealen Witz, um über eine Jugend abseits des weißen Mainstreams zu erzählen.

Euphoria hat komplexen Erzählstrang

Überhaupt sind all diese Serien im besten Sinne divers, ohne Vielfalt zu predigen. Sie repräsentieren schlicht die Lebensrealitäten einer Generation. Die Charaktere sind hetero und queer, non-binär und genderfluid, cis und trans*, gehören unterschiedlichsten Ethnien an, kaum jemand ist „normal“, was immer das sein soll. Diese Serien feiern das Anderssein, nehmen die Bedürfnisse, Nöte und Ängste der Figuren ernst, weit jenseits von Klamotten und Musikgeschmack. Sie treffen damit einen Nerv, vielleicht weil ihre Suche nach Identität und einem Platz in dieser Welt, ihr Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben die jugendlich überhöhte Version eines Gefühls ist, das auch Leute über 30 kennen: das einer ständigen Verunsicherung in unserer Gegenwart.

Womöglich sind Euphoria, Genera+ion und Co. auch deshalb bei einem Publikum weit jenseits des Alters ihrer Figuren so populär, weil sie den früher Geborenen Einblicke in eine komplexe Gegenwart geben, die diese oft allenfalls vom Hörensagen kennen und nicht immer verstehen. Die Macher sind dabei oft selbst nur unwesentlich älter als ihre Protagonist*innen oder zumindest hervorragend vernetzt und informiert. Und sie sprechen ihre Sprache. Selten klangen Dialoge zwischen Teenagern in fiktiven Serien authentischer als heute. Und selten waren sie für Außenstehende schwerer verständlich.

Geändert haben sich längst auch Ästhetik und narrative Strukturen. Euphoria, die spanische Netflix-Serie Élite über die adligen Schüler eines Nobelinternats, deren fünfte Staffel am 8. April startet, oder Luca Guadagninos We Are Who We Are (Starzplay), die sich durch das konfuse Leben einer queeren Jugend mäandert, angesiedelt auf einem US-Stützpunkt bei Venedig, sind filmisch unkonventioneller inszeniert und in ihrer Dramaturgie mit komplexen Erzählsträngen eher wie epische Romane aufgebaut. Auch das mag zu ihrem Appeal für ein erwachseneres Publikum beitragen.

Doch nicht alle treffen den richtigen Ton. Die Neuauflage der Teenie-Edelseifenoper Gossip Girl über eine New Yorker Eliteschule wollte letztes Jahr alles richtig machen, mit einem penetrant auf divers gebürsteten Cast in Designerklamotten, und wirkte bei aller bemühten Hipness umso altmodischer. Und auch die deutschen Versuche, auf einen vermeintlichen Trend aufzuspringen, von Kitz bis Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, erwiesen sich als Reinfälle mit keinerlei Gespür für das eine, dem sie so verzweifelt hinterherhecheln: einem Lebensgefühl.

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