Nach dem Lockdown auf die Couch

Serie Die französische Serie „In Therapie“ erzählt in ihrer zweiten Staffel von den psychischen Folgen der Pandemie

Der elfjährige Robin (Aliocha Delmotte) sitzt mit Maske auf der Couch und reibt sich lange und gewissenhaft mit Desinfektionsgel die Hände ein. Sein Gegenüber, der Psychoanalytiker Philippe Dayan (Frédéric Pierrot), beobachtet ihn schweigend. Schließlich schaut der etwas dickliche Junge auf und fragt: „Warum haben Sie keine Maske auf?“ Der Therapeut antwortet ruhig: „Weil man sie während der Sitzung nicht tragen muss, solange man die Abstandsregeln einhält.“ Robin fragt zurück, ob er sicher sei, dass auch wirklich ein Meter zwischen ihnen ist. Um ihn zu beruhigen, misst Dayan mit dem Jungen nach: ein Meter fünfzig. Robin ist nur halb überzeugt, in anderen Ländern sei die Regel schließlich zwei Meter. Also rückt der Therapeut seinen Sessel ein Stück weiter zurück, während sich der Junge erneut die Hände desinfiziert. Es ist Dienstag, der 19. Mai 2020, und schon sind wir mittendrin in der zweiten Staffel der französischen Serie In Therapie, die seit dieser Woche jeweils donnerstags auf Arte ausgestrahlt wird und deren 35 Folgen bereits komplett auf arte.tv abrufbar sind.

Die vom Erfolgsduo Éric Toledano und Olivier Nakache (Ziemlich beste Freunde) kreierte Serie ist damit eines der wenigen fiktionalen Fernsehformate, die sich dezidiert auf die Pandemie beziehen. Mit der ersten Staffel, die vor einem Jahr ausgestrahlt wurde und ebenfalls noch in der Mediathek verfügbar ist, gelang dem deutsch-französischen Kultursender sein bislang größter Hit, keine andere Serie wurde von mehr Menschen gesehen, allein in Frankreich waren es über 15 Millionen.

Mit ihrer Auseinandersetzung um die psychischen Folgen des Attentats auf den Bataclan-Club im November 2015 hatten sie einen Nerv getroffen. „Wir hatten nicht vor, eine zweite Staffel zu drehen“, erzählt Éric Toledano nun im Interview während des Serienfestivals Séries Mania in Lille, wo In Therapie Ende März Premiere feierte. „Aber wie wohl alle Drehbuchschreiber haben wir uns gefragt, wie wir mit der Pandemie umgehen. Ignorieren wir sie, tun wir so, als gäbe es sie nicht? Obwohl wir mittendrin stecken und sie unser aller Leben tiefgreifend beeinflusst?“ Sie entschieden sich dafür, sich der Situation zu stellen.

Die neue Staffel ist nun im Mai 2020 angesiedelt, in der Zeit nach dem ersten Lockdown. Die Pandemie ist in nahezu jeder Gesprächssitzung Thema. Damit ist In Therapie die erste Serie, die sich wirklich ernsthaft auch mit den psychischen Folgen auseinandersetzt und den Lockdown nicht bloß als dramaturgischen Gimmick verwendet.

„Es war eine merkwürdige Zeit, weil wir nicht wussten, ob es bald vorbei sein würde oder die nächste Welle drohte“, erinnert sich Toledano an den Beginn der Produktion. „Die Pandemie ist wie eine chemische Lösung, die viel Unbewusstes in unser aller Leben zutage fördert“, glaubt er. „Wir waren auf uns selbst zurückgeworfen, jeder musste sich mit sich selbst auseinandersetzen. Und wir stellten auch unsere Beziehungen zu anderen infrage. Wie geht man mit dieser Ausnahmesituation um? All das wollten wir analysieren.“ Und Nakache ergänzt: „Als Autoren waren wir selbst in einer Art gedanklichem Lockdown, wir hätten gar nichts anderes machen können, als uns damit auseinanderzusetzen. Die Serie war das perfekte Instrument dafür, dieses große Trauma durch die individuellen Traumata der Figuren zu verarbeiten.“

Und in der Tat erweist sich In Therapie mit seinem Setting als geeignetes Forum. Wie schon die erste Season erzählt auch Staffel zwei in jeder Episode abwechselnd von einer Patientin oder einem Patienten, deren oder dessen Fall sich in wöchentlichen Sitzungen über den Verlauf von sieben Wochen weiterspinnt. Nakache und Toledano entwickelten nicht nur neue Figuren, sondern griffen auch auf eine Gruppe namhafter Filmemacher*innen zurück, die jeweils einen dieser Handlungsstränge inszenierten, von Agnès Jaoui und Emmanuelle Bercot bis hin zu Arnaud Desplechin und Emmanuel Finkiel. Nakache nennt sie im Gespräch grinsend auf Deutsch „die Mannschaft“. Gedreht wurde im Dreitagesturnus mit jeweils einem Filmteam und mit Tests alle 48 Stunden. „Es war kompliziert, zweimal mussten wir wegen Infektionen abbrechen“, erinnert sich Toledano.

Die Angst ist nur ein Vorwand

Die beiden standen bei der Geschichte um Robin selbst hinter der Kamera. Sie ist auch die einzige, die frühere Figuren übernimmt. Der Junge ist das Kind von Léonora (Clémence Poésy) und Damien (Pio Marmaï), die in der ersten Staffel wegen Beziehungsproblemen zu Dayan gekommen waren. Die Paartherapie hatte keinen anhaltenden Erfolg, inzwischen ist Damien ausgezogen, und sie planen die Scheidung. Nur weiß Robin von dem Entschluss noch nichts, der Junge weigerte sich während des Lockdowns, seinen Vater zu besuchen, scheinbar aus Angst vor Covid, doch Dayan vermutet bald, dass sich der Junge damit weigert, die endgültige Trennung seiner Eltern anzuerkennen.

Auch die anderen Geschichten sind geprägt davon, wie die Pandemie über Leben hereinbricht und Krisen heraufbeschwört. Die von Arnaud Desplechin inszenierten Folgen etwa handeln von einer jungen Architekturstudentin, Lydia (Suzanne Lindon), die lange um den heißen Brei herumredet, bis sie Dayan einen Zettel zuschiebt über das, was sie nicht auszusprechen wagt. Tagelang habe sie sich schlapp gefühlt, nichts riechen und schmecken können. In der Klinik wurde schließlich nicht nur die Covid-Infektion bestätigt, weitere Tests brachten eine weitaus schlimmere Diagnose: Brustkrebs. Niemand weiß davon, panisch verweigert Lydia jede Behandlung, will keinen Platz im mit Covid-Patienten überfüllten Krankenhaus wegnehmen.

Auf ganz andere Weise ist die Pandemie plötzlich für Alain (Jacques Weber) nicht mehr zu leugnen, den Protagonisten der Episoden von Emmanuelle Bercot. Der 70-Jährige ist Geschäftsführer eines Onlineshops mit 4.000 Angestellten, die meisten davon waren während des Lockdowns im Homeoffice. Als eine von ihnen aus Verzweiflung Suizid begeht, sieht sich der Firmenchef einem Shitstorm ausgeliefert und will Dayan als Kommunikationsberater anheuern, um sein Image aufzumöbeln und „menschlicher“ zu erscheinen. Als dieser darauf hinweist, dass er nur ihm persönlich helfen könne, bricht der zuvor so agile Alte zusammen. Nicht das erste Mal, wie sich herausstellt, immer wieder plagen ihn Angstattacken, doch niemand darf von seiner Schwäche wissen.

Die erste Folge weicht vom Therapie-Schema ab. Da sitzt niemand in Dayans Praxisraum, auch wenn er für einen kurzen Moment glaubt, Adel Chibane auf der Couch zu erkennen. Eine Sinnestäuschung, denn sein früherer Patient ist tot, umgekommen in Syrien im Kampf gegen den IS. Adels Angehörige machen den Therapeuten dafür verantwortlich, dessen labilen Zustand nicht erkannt und seine Abreise ins Kriegsgebiet nicht verhindert zu haben. Nun sitzt Dayan in einem Anwaltsbüro, eine Kollegin begrüßt ihn, und als sie die Maske abnimmt, glaubt er ein Gesicht zu sehen, dem er schon mal begegnet ist. Inès (Eye Haïdara) war vor 23 Jahren seine Patientin, nur kurz, wie sie betont. Sie beginnt, ihm zu erklären, worauf er sich bei dem Verfahren gefasst machen muss. Später wird die Karrierefrau den Fall abgeben, um erneut seine Patientin zu werden und unter anderem zu gestehen, dass sie ihr Leben als verpfuscht empfindet und den Lockdown als „Befreiung“, weil sie ihre erdrückenden Eltern zwei Monate nicht sehen muss. Die Pandemie, so zeigt sich, ist weniger Auslöser als vielmehr Zünd- und Treibstoff eh schon schwelender Konflikte, innerer und äußerer. Sie ist nicht zwanghaft Mittelpunkt, auch wenn es immer wieder deutlich um Masken geht, um die aus Stoff oder FFP, aber auch um die, hinter denen Menschen ihre Gefühle oder Intentionen verstecken, ihren Schmerz, ihre Lebenslügen.

In Therapie betritt damit Neuland im fiktionalen seriellen Erzählen. In den letzten beiden Jahren folgten Sender, Streamingdienste und ihre Serienmacher*innen im Grunde mehrheitlich der Strategie der Realitätsflucht und des Eskapismus. Die Pandemie kommt in den meisten TV-Serien schlicht nicht vor, „das Publikum“ wolle das neben den Nachrichten nicht auch noch im Unterhaltungsprogramm sehen. Ob das stimmt? Es ist ebenso unbelegt wie das Gegenteil. Einige wenige Produktionen stellten den Lockdown als Inszenierungsmittel aus, Formate wie Drinnen – Im Internet sind alle gleich wurden zu Kammerspielen, in denen hauptsächlich über Bildschirme kommuniziert wurde. Ein Konzept, das schnell seine Grenzen erreicht hatte. In der ZDFneo-Comedyreihe Schlafschafe wurden familiäre Konflikte mit Corona-Leugnern thematisiert, es blieb eine Ausnahme im deutschen Fernsehen. Die amerikanische Sitcom The Conners war dann eine der ersten, die Masken und Pandemie nicht negierten, sondern als Teil des Alltags dieser Arbeiterklassefamilie sichtbar machten, nicht als episodenfüllendes Thema, sondern als eine weitere Herausforderung eines ohnehin von Prekariat, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot geprägten Lebens. Wenn die 43-jährige Tochter als alleinerziehende Mutter und trockene Alkoholikerin wieder in den Keller des Elternhauses ziehen muss, ist die Frage nach Impfgegnern in der Nachbarschaft und Maskenpflicht an der Schule womöglich zweitrangig.

Auch die populäre Krankenhausserie Grey’s Anatomy machte in ihrer 17. Staffel Corona zum Thema, wenn auch nur in einzelnen Folgen, ähnlich wie viele andere.Beim Séries-Mania-Festival in Lille feierte neben In Therapie noch eine zweite Produktion mit explizitem Pandemie-Bezug Premiere. Der von Maria von Heland als unabhängige Produktion gedrehte Zehnteiler Sunshine Eyes spielt ebenfalls im Frühjahr 2020, allerdings in Berlin, die intimen Momentaufnahmen im dysfunktionalen Mikrokosmos werden vom Ensemble aus Nina Petri, Juliane Köhler und anderen größtenteils improvisiert. Das funktioniert erstaunlich gut, doch bislang hat sich dafür kein deutscher Sender gefunden. Ob sich das rasch ändert, wird auch vom Zuspruch zur neuen Staffel von In Therapie abhängen. Éric Toledano und Olivier Nakache sind sich jedenfalls ziemlich sicher, dass auch fiktionales Fernsehen lindernde Wirkung haben kann. „Wenn man sieht, wie diese Figuren Krisen durchstehen, fühlt man sich hoffentlich weniger allein.“

Info

In Therapie Éric Toledano, Olivier Nakache Frankreich 2021–, 2. Staffel jeden Donnerstag auf Arte, alle 70 Folgen in der Mediathek

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