Warum Faust?

Gesellschaft In letzter Zeit häufen sich die Fragen, ob Goethes "Faust" in Schulen noch gelesen werden sollte. Schnappatmung bei Unterstützern wie Gegnern inklusive. Dabei greift die Debatte meist zu kurz.

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Eine der schöneren Seiten des Unterrichtens ist es, als Arbeiterkind von Bürgern der ehemaligen DDR nach und nach die bürgerliche Hochkultur der BRD und ihrer Vorgänger*innen kennenzulernen. So hat Goethes "Faust" in meiner Jugend nur einmal eine Rolle gespielt und das, als ich ihn in der 10. Klasse lesen durfte. Aber weder dieses Erlebnis, mein Abitur im Fach Deutsch oder aber gar das Lehramtsstudium nebst Referendariat hat mir aufzuzeigen vermocht, warum den Deutschen der "Faust" so unfassbar wichtig ist. Dafür musste ich erst Oberstufenlehrer werden und mir einen Reim darauf machen müssen, warum mindestens drei der vier Semester in der Qualifikationsphase des Abiturs im Fach Deutsch darauf verwendet werden, durch die verschiedenen literarischen Epochen zu gehen und Schülern im Schnelldurchlauf Lessing, Schiller, Goethe, Büchner oder Fontane zu präsentieren. Sturm und Drang, Romantik, Vormärz und bürgerlicher Realismus lassen sich mit einer rein literaturhistorischen Perspektive nämlich kaum greifen, was wiederum bedeutet, dass es hier nicht um die Schriftsteller und ihre Werke gehen kann. Nein, es geht darum, den Abiturienten die große Erzählung des deutschen Bürgertums näherzubringen. Ihnen also zu zeigen, wie es entstanden ist, welche Widerstände es zu überwinden hatte und wie es heute funktioniert. Die Schnellfassung lautet, dass sich das Bürgertum über intellektuellen Gewinn in der Aufklärung so von Klerus und schlussendlich auch vom Adel emanzipiert hat, dass es sich in Frankreich erhoben und die Obrigkeit gestürzt hat, während die Stürmer und Dränger hierzulande noch vom Sturz träumten und nach Terror und Wirren unter Jakobinern und Napoleon den nahezu vollständigen Rückzug aus der Politik zunächst ins Ideale der Weimarer Klassik und dann in den intellektuellen Eskapismus der Romantik gesucht hat. Im Anschluss daran wird in der Regel noch mit gewisser Schärfe die Zeit des Vormärz und des Jungdeutschlands behandelt, wobei hier oftmals schon die sich anbietende Kontextualisierung von Begrifflichkeiten wie "Junges Deutschland" oder mit Kulturgütern wie dem Lied der Deutschen vermieden wird, da die Auseinandersetzung mit dem für die Lossagung von Monarchie und Kirche damals notwendigen Nationalismus den meisten sicherlich unangenehm ist. Die Kürze des letzten Semesters vor den Abiturprüfungen hilft ebenfalls dabei, die Lehrer der Republik vor der Auseinandersetzung mit den Schattenseiten ihrer Klasse zu bewahren. Das ist in zweierlei Hinsicht problematisch. Nicht nur, dass somit die Augen vor den historischen Fehlern der deutschen Bourgeoisie verschlossen werden, nein, es fehlt somit auch der Zugriff auf die Probleme, unter denen das deutsche Klassensystem heute leidet. Das meritokratisch orientierte Produktionsbürgertum steht unter starkem Druck des us-amerikanischen Finanzbürgertums und wird nach und nach durch selbiges und seine Apologeten ersetzt. "Faust" mit us-amerikanischer Politik zu verknüpfen scheint auf den ersten Blick ein gewagter Schritt. Ein genauer Blick lohnt sich jedoch.

Wenn es darum geht, "die" Dramen der deutschen Literaturgeschichte zu benennen, fällt die Größe des Antwortzirkels meist recht bescheiden aus: "Faust", "Nathan der Weise", "Die Räuber". Das ist schon deshalb interessant, weil es jedwedes Theaterstück, das nach 1933 entstanden ist und das sich kritisch mit dem deutschen Bürgertum auseinandersetzt, völlig ignoriert. Wer sind schon Bertolt Brecht und Heiner Müller? Dass Frauen Theaterstücke schreiben und in dieser Liste fehlen, kommt in der Debatte dann auch schon mal noch seltener vor. Stellt sich jedoch die Frage, was diese drei Stücke Goethes, Lessings und Schillers so besonders macht, dass ihr Standing im Kanon der deutschen Schulliteratur erst jetzt angegriffen wird. Um diese Frage beantworten zu können, sollte ein Blick auf die wohl exemplarischste Karriere des deutschen Bürgertums geworfen werden: die Karriere Goethes. Goethe und Schiller waren schon vor ihren Briefwechseln und ihrem Wirken in Weimar angesehene Schriftsteller im deutschsprachigen Raum. Beide begannen als Stürmer und Dränger und keiner von ihnen konnte schlussendlich der literarischen Romantik etwas abgewinnen. Stark aufklärerisch beeinflusst schufen sie Dramen, die bei ihren Aufführungen für Tumulte sorgten. Interessant ist nun zu schauen, dass beide irgendwann vom Pfad der Rebellion abließen und sich ganz dem Establishment verschrieben. Die feurige Suche nach der Wahrheit wich der gesetzten Suche nach dem Ideal. Man sollte fast meinen, die Geschichte der Grünen wäre hier schon angelegt, wobei anzumerken ist, dass diese wiederum kein so einschneidendes Erlebnis wie die Französische Revolution durchlebt haben. Goethe und Schiller haben jedoch klar gesehen, wozu die Gedanken Kants und Lessings führen konnten und waren erschrocken vom radikaldemokratischen Faschismus der Jakobiner und dessen Hinrichtungen. Nun, da sie auch weiterhin vom Hofe bezahlt werden wollten, ging es aus ihrer Sicht vermutlich gar nicht anders, als sich zu setzen und das eigene Schaffen zu überdenken und in konstruktive Bahnen zu lenken. Radikalität wurde zu Konformität und wer sich hier wieder an die Grünen erinnert fühlt, dem sei gesagt, dass ich dafür nichts kann und ich zunächst eher an den CDU-Wählenden Juristen gedacht habe, der sich während des Studiums mal an Marihuana herangetraut hat und nun lieber Obdachlose wegen fehlender Tickets im ÖPNV verklagt. Wie man es aber auch dreht und wendet, die Radikalität in der Jugend, die sich mit zunehmendem Alter setzt, "weil man das System von innen heraus verändern möchte", scheint die große Erzählung des deutschen Bürgertums zu sein. Und hier fällt nun der Blick auf "Faust". Goethes Protagonist ist nämlich schon fertig mit seinem Marsch durch die Institutionen und erkennt, dass er dabei die größte Radikalität der Jugend verpasst hat: Die konsequenzfreie fleischliche Sünde. Also wird schnell der Teufel herbeigebetet, eine Minderjährige geschwängert und weil sie ihr Kind und sich selbst umbringt, kriegt er eine Fortsetzung, vor der sich heute noch die hartgesottensten Germanistikprofessoren gruseln. Mit einigen Änderungen, die insbesondere den Lebensstatus von Frau und Kind betreffen, ist die Erzählung, die hinter diesem Drama steht, bis heute die Blaupause für bürgerliches Leben: Mann war früher jung und wild, ist jetzt mittelalt und eingebunden, wäre gerne junggeblieben und potent. Michael Wendler lässt grüßen. Die heutige Kritik am "Faust" ist deshalb auch wenig überraschend: Die bürgerlichen Frauen fordern sich ihr Recht ein, diese Blaupause als Mist kennzeichnen zu dürfen. "Faust" wird deshalb von den meisten als "Kind seiner Zeit" gelesen, was wiederum hauptsächlich dazu führt, dass das deutsche Bürgertum es schafft, seine kulturelle Hoheit über das Nicht-Bürgertum zu behaupten. Hier stößt es jedoch an seine Grenzen, denn der Konsens, der das deutsche Bürgertum so lange am Ruder der Macht hielt, wurde 1945 aufgekündigt und ist 1989 ausgelaufen.

Auch hier lohnt sich ein Blick auf die Literaturgeschichte. Die Aufklärung stellte sich gegen den Absolutismus, die Weimarer Klassik arrangierte sich mit ihm, die Romantik floh vor ihm. Letztlich errang aber auch in Deutschland das Bürgertum mehr und mehr Siege (s. Vormärz und Jungs Deutschland) und wurde von seinen beiden größten Förderern - Bismarck und der SPD - schließlich so aufgepäppelt, dass es 1918/19 endlich an die Steuerräder der macht konnte. Die Monarchen und Monarchisten waren besiegt, die Arbeiter waren eingehegt und solange die Besitzer der Produktionsstätten genügend Geld für ihre Arbeiter hatten, herrschte gesellschaftlicher Frieden. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Geschichte deutschsprachiger Literatur niemals die Geschichte der Arbeiterschaft ist. Bauern, Tagelöhner und Prostituierte, die um 1848 mit größerer Reichweite geschrieben haben, suche ich bis heute vergebens.) Der Klassenkampf war jedoch aus Sicht des deutschen Bürgertums nicht vorbei, was sich in den diversen Putschversuchen von rechts und letztlich in der Machtübergabe an Hitler 1933 wiederspiegelt. (Semantik ist so wichtig. Hinter der "Machtergreifung" verbirgt sich nicht nur der Mythos, dass sich die Faschisten die Macht in Deutschland erkämpft hätten. Nein, hier kann sich auch das deutsche Bürgertum mit seiner Entscheidung, Hitler zum Kanzler zu machen, verstecken und damit die restlose Aufarbeitung bis heute unmöglich machen. Selbst der Begriff "Machtübernahme" verschleiert, von wem und wie die Macht übernommen wurde. Warum nur hat dieses Land einen kollektiven Vaterkomplex?)

Das deutsche Bürgertum war 1945ff. letztlich nicht mehr fähig, die Zentren der macht so zu besetzen, dass es ohne Reflexion, Entschuldigung und Buße hätte weitermachen können. Den Menschen im Nachkriegsdeutschland war zunächst durchaus bewusst, wem sie ihr Leid zu verdanken hatte. Anders lässt sich das Ahlener Programm der CDU sinnvoll nicht deuten. Es brauchte Unterstützung von außen, um sich an der Macht zu halten und nicht einer Entnazifizierung durch die Arbeiterschaft zum Opfer zu fallen. Diese war zwar reichlich geschwächt durch zwölf Jahre faschistischen Wütens, doch die Erinnerung an die Räterepubliken 1918/19 waren noch frisch und man wollte lieber kein Risiko eingehen. Aus diesem Grund ging das deutsche Bürgertum, dass sich auch heute noch etwas auf seine Meriten einbildet, eine Allianz mit dem US-amerikanischen Finanzbürgertum ein, das es zuvor noch kritisch beäugt hatte. Bei aller Hingabe zur Macht war den deutschen Mächtigen die reine Fixierung auf die Ökonomie zu wenig. Kulturelles Kapital galt ebenfalls viel und konnte fehlendes finanzielles Kapital wettmachen. Die gemeinsame Angst vor dem roten Feind im Osten verband jedoch. Lieber etwas mehr auf die Finanzen als auf die Kultur blicken und dafür an der Macht bleiben. Was sollte dabei schon schiefgehen?

Heute lässt sich sagen: Alles. Das deutsche Bürgertum steht vor dem Ausverkauf und das hat es noch gar nicht bemerkt. Die Machtverhältnisse zwischen Deutschen und US-Amerikanern hatten sich nämlich zwischen 1945 und 1989 stark verändert. Das deutsche Bürgertum in den Schaltzentralen der deutschen Macht hing nun nicht mehr einfach nur am Tropf der USA. Nein, durch ein Jahrzehnte währendes Programm von Aufbauhilfen, Austauschen, Studienfahrten, Think-Tank-Fortbildungen usw. kamen nach 1989 immer mehr Menschen in den Schaltzentralen an, die in us-amerikanischem Denken geschult waren. Das wiederum besteht aus dem Glauben an den US-Dollar und dem Versuch, die Außenpolitik zu "innenpolitisieren". Die USA haben bis heute kein "Ministry of Foreign Affairs" sondern immer noch ein "State Department", das dafür Sorge tragen soll, dass sich US-Politik im Ausland wiederfindet. Aufgrund oben genannter Programme ist das in Deutschland besonders gut gelungen und wir haben bis auf den Verzicht auf direkte Kampfbeteiligungen in Irak-, Libyen- und Syrienkrieg alles mitgemacht, was die US-Amerikaner seit 1989 von uns wollten. Diese wiederum wollten ihrer Wirtschaft den Zugang zu günstigem Öl ermöglichen und haben dafür das Völkerrecht spätestens seit 1953 mit Füßen getreten. Innenpolitisch hatte das seit 1989 zur Folge, dass in Deutschland neoliberale Strategien angewandt wurden, um zu deregulieren, zu privatisieren und zu individualisieren. Das deutsche Bürgertum ist erstmalig bei der Privatisierung von Post und Telekom damit in Berührung gekommen und hat auch die großen Proteste um 2003 herum, als es um die Hartz-Gesetzgebung ging, überstanden. Die Deutschland AG ist ebenfalls entflechtet und die Deutsche Rentenversicherung ist geschliffen worden. Nun, nach knapp 15 Jahren Dauerkrise(n) steht mit der Energiekrise der nächste Schock an, der auf das Rückgrat wirtschaftlicher Stärke Deutschlands abzielt: den Mittelstand. Die explodierenden Gas- und Strompreise machen vor allem den kleinen und mittleren Betrieben zu schaffen, die nicht über Steueroptimierungsmodelle und Personalpufferverfügen. Die Zukunft scheint daher aus meiner Sicht klar und es wird in Deutschland eine betriebliche Flurbereinigung geben. Was bei Zahnärzten in großen Städten schon längst begonnen hat, wird sich auch bei handwerklichen Betrieben durchsetzen. Nach und nach werden Betriebe aufgekauft oder kaputtgehen und Start-Ups werden kommen, die gut ausgebildeten Mitarbeiter einsammeln und gegen einen geringfügig geringeren Lohn die buchhalterische Arbeit übernehmen. Die Preise dieser Ketten werden günstiger sein und die nächsten Betriebe werden sich anschließen müssen. Ländliche Monopolstellung einzelner Handwerksbetriebe erscheint vor diesem Hintergrund als lächerliche Persiflage des aufkommenden Systems. Wenn das deutsche Handwerk dann erstmal ausverkauft ist und die Gewinne in die Taschen der Aktionäre von Blackrock und Co. fließen, bleibt nicht mehr viel übrig vom deutschen Bürgertum. Die Gesundheitsversorgung ist schon ausverkauft. Bleibt nur noch die Allgemeinbildung.

Warum also "Faust" lesen oder gar lehren? Weil er das Paradebeispiel für ein Bürgertum ist, dass satt ist und nichts mehr zur gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen hat. Weil er aufzeigt, dass auch Menschen, die nicht qua Geburt oder durch Gottes Gnaden Macht erhalten haben, durch Macht korrumpiert werden. Weil er zeigt, wie egal dem deutschen Bürgertum abweichende Lebenswege und Narrative sind. Weil er seine Abscheu vor allen, die unterhalb des Bürgertums in der Ständeordnung angesiedelt sind, offen zur Schau stellt. Und weil er letztlich aufzeigt, dass das deutsche Bürgertum nach seiner Midlife-Crisis nur noch zu Scheindebatten im Stande ist. "Faust" sollte man nicht lesen, um in Ehrfurcht vor dem Bürgertum zu erstarren. "Faust" sollte man lesen, um einen Ausgangspunkt dafür zu gewinnen, warum die Verhältnisse heute so sind, wie sie sind.

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