„Hart im Raum“

Interview Barbara Sichtermann und ihr Bruder Kai lassen die Hausbesetzer von damals zu Wort kommen
Florian Schmid | Ausgabe 09/2017 1

Berlin, Hamburg, Frankfurt, Köln und Zürich in den 1970er Jahren, hier und nicht nur hier tobte der Häuserkampf. Bassist Kai Sichtermann, Gründungsmitglied von Ton Steine Scherben, war damals mittendrin. Gemeinsam mit seiner Schwester, der Publizistin Barbara Sichtermann, besuchte er nun die Protagonisten von einst. Sie erzählen davon, wie alles anfing und welcher Geist sie trug – nicht zuletzt weil sich die Frage, wem die Stadt gehört, heute noch stellt. Das ist unser Haus heißt ihr Buch.

Zur Person

Barbara Sichtermann, 1943 in Erfurt geboren, zählt zur Generation der 68er-Intellektuellen. Die Schriftstellerin und Publizistin war 25 Jahre lang, bis 2015, Mitglied der Grimme-Jury. Sichtermann war verheiratet mit dem Sozialpsychologen Peter Brückner

Foto: Simone Brückner

der Freitag: Frau Sichtermann, waren Sie selbst Hausbesetzerin?

Barbara Sichtermann: Ich bin als Alt-68erin immer vom Herzen her auf der Seite der Hausbesetzer gewesen, ich habe auch einmal ein Haus mit besetzt, eins der ersten überhaupt. Das Georg-von-Rauch-Haus. 1971 war das. Mein Bruder Kai, Koautor des Buchs, hat eine ganze Reihe von Häusern mit besetzt. Er spielte ja damals Bass bei Ton Steine Scherben, die Band hat sehr häufig aufgespielt für eine Besetzung. Die Jungs wurden gebucht und nach dem Konzert hieß es, jetzt gehen wir mal in die Sowieso-Straße.

Wie sind Sie zur Auswahl der Orte und Personen gekommen?

Wir wollten in die Zentren reingehen, die wichtig waren. Das war Berlin, das war Hamburg, das waren Frankfurt und Köln. Wir wollten die Hausbesetzerbewegung in ganz Deutschland, auch im Osten und im Ausland, abbilden.Dazu brauchten wir Leute von damals, die mittendrin waren. Wir wollten, dass junge Leute, oder die, die abseits standen, dass die etwas davon mitkriegen, was da in der Luft lag.

Wir haben geschaut, was es schon gibt. Es gibt viele Publikationen, die bestimmte Regionen, Städte oder einzelne Projekte behandeln. Dann gibt es Bücher, die die Hausbesetzerbewegung insgesamt charakterisieren, aber die sind meistens sehr akademisch. Wir wollten ein lebendiges Buch machen, aus dem heraus der Spirit der Revolte die Leute anspringt.

In einigen Texten wird auf den Zusammenhang der 68er, der Studentenbewegung und der Hausbesetzer verwiesen. Waren das die Erben dieser Bewegung?

Ja, 1970 ging das ja los mit den Hausbesetzungen. Die Ehre des ersten besetzten Hauses fällt auf die Eppsteinerstraße 47 in Frankfurt am Main. Das war die ersehnte Praxis, die mal hinausgehen sollte über die Proklamationen, Demonstrationen, viel Geschrei und heiße Luft. Man wollte ja wirklich etwas ändern. Okay, es gab auch die Kinderladenbewegung und an den Universitäten ging es um Mitsprache von unten. Zu diesen Impulsen, die Gesellschaft tatsächlich mit mehr Partizipation im antiautoritären Sinn umzugestalten, da gehört die Hausbesetzerbewegung natürlich dazu.

Die Motivation der Besetzer war sehr unterschiedlich. Der Fabriklehrling, der im besetzten Haus Theater spielen wollte. Immer wieder ist von K-Gruppen und Ideologen die Rede, die sich einmischten. Ihr Buch erzählt von vielen Konflikten und langwierigen Diskussionen. Wie passten die unterschiedlichen Bedürfnisse zusammen?

Sie finden in dieser weltweit aktiven Bewegung der Jugend diese verschiedenen Stränge überall und natürlich auch in der Hausbesetzerbewegung. Es war genauso in der Studentenberwegung, dass es Kulturrevolutionäre gab, die anders leben wollten, anders studieren, anders arbeiten. Und es gab die von unseren Gesprächspartnern oft „Ideologen“ genannten Besetzer, denen es darum ging, das mobilisierte Potenzial der Unzufriedenen zu bündeln und es irgendwie politisch zu einer Kraft zu machen, die dann eine Partei sein wollte. Die Grünen sind daraus hervorgegangen. Und dann gab es noch die Sex-Drugs-Rock-’n’-Roll-Fraktion, die vor allem anders leben wollte. Es gab Theoretiker, die Gegenmodelle entwerfen und schon mal mit dem anderen Leben anfangen wollten. Es waren unterschiedliche Nah- und Fernziele, die sich hart im Raum gestoßen haben. Im glücklichsten Fall war alles da, und man kam miteinander aus.

Detlef Hartmann, eine wichtige Stimme der Autonomen, sagt im Interview, es ging um den Kampf gegen „Verknastung und Fabrikisierung von Leben und Alltag“. Es ist im Buch viel von Selbstverwirklichung die Rede, von Kultur statt grauem Arbeitsleben. Waren die Besetzungen eher ein kultureller denn ein politischer Bruch?

Das ist ganz schwer zu trennen. Man muss noch einen Flügel dazurechnen, den die heutigen Autonomen beerbt haben, nämlich die sehr Militanten, die in Frankfurt tonangebend waren. Die also mit Prügeln und Straßenschlachten für Selbstbestimmung eintreten wollten. Die gab es ja auch noch, die richtigen Straßenkämpfer, also auch was den Körpereinsatz betraf. Das gehörte alles zusammen. Im Nachhinein können Sie das alles auseinandernehmen, aber es war im Grunde eine Einheit. Die Einheit hieß: „So kann es nicht weitergehen!“

Die Militanz, mit der zwischen 1970 und 1990 um Häuser gekämpft wurde, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Vielleicht war sie aber Teil des Erfolgs der Bewegung. Wie stehen Sie zur jahrzehntelang debattierten Militanzfrage?

Die Ausgangslage war, dass die unverhältnismäßige Gewalt der Polizei, die mit der Erschießung von Benno Ohnesorg begonnen hatte, irgendwie beantwortet werden musste. Damals hatte man bei der Polizei noch nicht gelernt, mit Aufrührern mal ein paar Worte zu wechseln oder Kompromisse zu suchen. Die Linie war allermeistens: draufschlagen, einsperren, fertigmachen. Die jungen Menschen seinerzeit fühlten sich im Recht. Es gab immer noch viele alte Nazis. Es gab keine Selbstbestimmung, alles war verregelt, alles wurde von oben kontrolliert. Die Jugendlichen wollten sich das einfach nicht mehr bieten lassen. Ob das ein Erfolgsrezept war, ist schwierig zu beantworten. In Frankfurt war es umgekehrt. Da hat die enorme Militanz den Rückhalt der Hausbesetzer in der Bevölkerung beendet. Manchmal hat es auch was gebracht. Man muss das immer im Kontext sehen. Es ist aus der damaligen Situation verständlich, aber es ist natürlich auf lange Sicht kein Weg.

Die Hausbesetzerbewegung hat in den Städten Spuren hinterlassen, es gab Erfolge. Der Kahlschlag des Kreuzberger Altbaus etwa wurde verhindert. Aber genau hier wird heute fleißig gentrifiziert. Die Besetzer der Roten Flora schreiben, sie seien selbst zum Standortfaktor geworden. Sind die Rebellen von gestern also die Aufwerter von heute?

Es gab die Gefahr immer, aber auch hier hat man zwei Seiten. Die Rote Flora ist immer noch ein rechtsfreier Raum. Bis heute haben die Anarchos, die das Kulturzentrum betreiben, es geschafft, dass sie keinen Vertrag haben, dass man sie so duldet. Und das setzt ja auch ein Zeichen. Gentrifizierung ist schnell gesagt. Die Hausbesetzer mussten irgendwann diesen Zwischenstatus beenden. Hier in der Berliner Regenbogenfabrik ist das beispielhaft gelungen, ein kleines Hotel, Fahrradwerkstatt, Kino mit kollektiver Leitung. Man kann ein Gegenmodell nicht führen ohne Verträge mit dem Eigner. Die Hausbesetzerbewegung ist auch gutes Anschaungsmaterial dafür, dass eine Rebellion immer irgendwann in die Legalität übergehen muss, sonst versackt sie oder scheitert völlig. Sonst kann man nicht arbeiten und nichts entwickeln. Aber Gentrifizierung ist das eigentlich nicht, denn es ist immer noch verbunden mit der Idee, etwas zu machen für Leute mit wenig Geld, die sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können.

Bezahlbarer Wohnraum spielt im Zuge sozialer Verdrängung heute eine große Rolle. In Kreuzberg kämpfen gerade linke Projekte um ihren Erhalt, unter anderem das Umbruch-Bildarchiv, von dem einige Fotografien in ihrem Band sind. Wie kann eine linke Bewegung mit der Gentrifizierung umgehen? Wären Hausbesetzungen eine Antwort?

Hausbesetzungen wird es noch lange geben, solange diese neoliberale Politik fortgesetzt wird. Sogar noch mit größerem Impetus als damals. Das zeigen auch die letzten Sätze in unserem Buch. Da wurde in einer öffentlichen Diskussion die Frage gestellt, ob Hausbesetzungen überhaupt noch zeitgemäß sind. Und darauf antwortet ein Künstler lapidar, „Ja, Häuser sind ja auch noch zeitgemäß.“ Also natürlich wird man dann auch solche Go-ins noch weiter machen, um zu sagen. „Wir schaffen jetzt hier Fakten“.

<strong>Info</strong>

Das ist unser Haus Barbara Sichtermann, Kai Sichtermann Aufbau 2017, 300 S., 26,95 €

Foto: Wolfgang Sünderhauf/Umbruch Bildarchiv

06:00 15.03.2017
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