Punk war mal

Literatur Enno Stahl glaubt noch an die Solidarität in Zeiten der Gentrifizierung
Punk war mal
Punks in Ostberlin, 1982

Foto: Imago Images/Photo12

Als besonders politisch und kapitalismuskritisch galt die deutsche Gegenwartsliteratur lange nicht, insofern stechen die Bücher von Enno Stahl heraus. In seinem Romanzyklus Turbojahre beschreibt der 1962 geborene Autor Leben und Leiden im Spätkapitalismus, etwa in Winkler, Werber (2012), wo er die krisengeschüttelte Arbeitswelt auslotet, oder in Spätkirmes (2017), das von den reaktionären Abgründen in der westdeutschen Provinz erzählt. In seinem neuen, 600 Seiten dicken Roman Sanierungsgebiete widmet sich Stahl dem derzeit wohl meistdiskutierten sozialpolitischen Thema: der Gentrifizierung. Angesiedelt ist der Roman im berühmten Prenzlauer Berg, der nach der Wende eine radikale immobilienwirtschaftliche Aufwertung inklusive der damit einhergehenden sozialen Verdrängung erlebt hat. Auch der diesjährige Buchpreisgewinner der Leipziger Buchmesse, Anke Stellings Schäfchen im Trockenen, handelt übrigens davon, bei Stelling zerbrechen Freundschaften zwischen denen, die ihre Schäfchen ins Trockene bringen, sich nach den wilden Jahren in die Eigentumswohnung retten, und der Protagonistin des Romans, die gucken muss, wo sie bleibt.

Abgezockt, dann Aktivistin

Sanierungsgebiete ist zwischen 2009 und 2011 angesiedelt, der Roman fächert ein zeitgenössisches Panorama großstädtischer Lebenswelten auf, vor allem im zunehmend angesagten Prenzlauer Berg. Es geht aber auch immer wieder nach Neukölln, das zu dieser Zeit die immobilienwirtschaftliche Schockoffensive noch vor sich hat, oder hinaus ins beschauliche Brandenburg. Dass die drei Hauptpersonen ehemalige Ost-Berliner Punks sind, die wegen alter Mietverträge in günstigen und großen Wohnungen zumeist mitten im titelgebenden heiß umkämpften Sanierungsgebiet leben, illustriert, wie sehr sich Klientel und Milieu eines Viertels durch immobilienwirtschaftliche Aufwertung verändern.

Donata, Ende dreißig, alleinerziehend, arbeitet bei einer Gewerkschaftszeitung, schreibt über steigende Mieten und soziale Verdrängung und erlebt im Lauf des Romans selbst einen Karriereschub, da sie sich in der Hierarchie der SPD, einer Partei, die damals in Berlin noch Garant politischer Macht war, langsam nach oben arbeitet. Ihr ehemaliger Lover Otti forscht jenseits akademischer Zwänge über die politisch-literarische Boheme zu Beginn des 20. Jahrhunderts und engagiert sich in radikalen politischen Kämpfen gegen den Ausverkauf seines Viertels. Der weitaus proletarischere Stone, der in den 1980ern ebenfalls am Kollwitzplatz um die Häuser zog, lebt mittlerweile in Neukölln, wo er für einen Buchmacher arbeitet und von den guten alten Zeiten träumt. Stahls eigentlicher Protagonist ist natürlich die Stadt Berlin selbst, deren Coming-of-Age-Geschichte im spätkapitalistischen Verwertungsprozess. Neben Urgesteinen aus Prenzlauer Berg spielen auch Zugezogene eine zentrale Rolle, so die junge Lynn aus dem Rheinland, die Architektur studiert, ihre Abschlussarbeit über das Sanierungsgebiet rund um Kollwitz- und Helmholtzplatz schreibt, im Architekturbüro beim Praktikum gnadenlos abgezockt wird und schließlich als Aktivistin im akademisch geprägten Teil des Anti-Gentrifizierungs-Kampfes landet. Dessen militanter Flügel wird aber ebenso in Szene gesetzt, sodass alle naselang Autos oder auch mal Baustellen brennen, worüber von militanten Aktivisten im Hinterzimmer des linken Kiez-Buchladens diskutiert wird. Es tauchen aber auch gut situierte Neu-Berliner auf, wie der Eigentümer von Ottis Haus, der seinen Altmieter loswerden will, dafür eine Gruppe Skinheads vorbeischickt. Aber so einfach lassen sich die von Verdrängung bedrohten Altbewohner des Kiezes nicht verscheuchen, auch wenn sich der eine oder andere den Auszug aus dem Altmietvertrag vergolden lässt. Dass der alte Kiez mit seinen neuen Restaurants und schicken Boutiquen immer unattraktiver wird, merken sowieso die Hartgesottensten.

Enno Stahl lotet Bedürfnisse, Ängste, Nöte und Hoffnungen seiner Figuren in Augenblicken aus, in denen nicht weniger als die eigene soziale Existenz durch Mieterhöhung oder eine knallharte Sanierungspolitik in Frage gestellt wird. Mitunter, wie in Stahls Romanen üblich, kommt es zu brutalen Einschnitten, ganze Leben werden von einem Moment auf den anderen zerstört. Dabei zeichnet Stahl aber kein plattes sozialromantisches Bild mit moralisch integren Bewohnern, obwohl die Solidarität der verschiedenen Kiezbewohner über alle Generationen und kulturelle Prägungen hinweg ein zentrales und tragendes Moment dieses Romans ist. Stahls Prosa zeichnet sich an vielen Stellen auch durch sehr feine Ironie aus, sodass die Anti-Gentrifizierungs-Kämpfer keineswegs strahlende Helden sind, sondern als widersprüchliche Figuren durch diesen Roman laufen, manch einer ist schlicht auf den eigenen Vorteil bedacht.

Die Boheme der 1980er

Bereichert wird das literarische Tableau durch eingestreute historische Texte über Literaten und subkulturell widerständige Figuren im Prenzlauer Berg während der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus, und immer wieder geht es um die Ost-Berliner Punk- und Künstler-Boheme der 1980er Jahre. Dadurch kreiert Stahl einen Rahmen, der sein Thema in einem weitergehenden historischen Kontext verortet.

Dass dieser Roman über Gentrifizierung trotz seiner aktuellen Brisanz die jüngsten Entwicklungen in Sachen Mieterproteste, aber auch politische Reaktionen auf die Dauerkrise des Wohnens in urbanen Zonen wie den derzeit heiß diskutierten Berliner Mietendeckel nicht widerspiegelt, macht nichts. Die Mechanismen, über die Enno Stahl schreibt, haben immer einen explizit historischen Bezugsrahmen, zeichnen sich aber dennoch durch Gemeinsamkeiten aus, egal ob es um Brooklyn, Madrid, Prag oder eben Berlin und den Prenzlauer Berg geht.

Info

Sanierungsgebiete Enno Stahl Verbrecher Verlag 2019, 592 S., 29 €

06:00 27.10.2019
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