Zwei, drei, viele Athen

Revolution Vor ein paar Jahren formulierte das Unsichtbare Komitee radikale Thesen zum Aufstand. Nun zieht das linke Autorenkollektiv Bilanz

Der schmale Band Der kommende Aufstand schlug 2011 erstaunliche Wellen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde er zum „wichtigsten Theoriebuch unserer Zeit“ hochgejubelt, die Süddeutsche Zeitung entdeckte darin gar die „Ästhetik des Widerstandes für das neue Jahrtausend“. Die hiesige linke Szene, vom Erfolg des anarchokommunistischen Essays der Franzosen überrascht, veranstaltete flugs unzählige Podiumsdiskussionen. Wobei es etwa in Berlin dann hieß, da werde die neuste linke Mode durchs Feuilleton getrieben und letztlich sei der Vorgang Teil des kapitalistischen Medienspektakels. Thomas Ebermann, altlinker Publizist und Gründungsmitglied der Grünen, sagte bei einer Veranstaltung in Hamburg, dass in dem Manifest nicht nur Armut romantisiert, sondern auch gleich ein Ende der Zivilisation herbeigeredet werde, was letztlich ein „frontaler Angriff auf die Dialektik der Aufklärung“ sei. Immerhin gestand er dem anonymen Autorenkollektiv zu: „Ihr seid verrückt, aber ihr seid sehr schwungvoll.“

Nun hat das Unsichtbare Komitee nachgelegt. Sieben Jahre nach der Erstveröffentlichung von L’Insurrection qui vient in Frankreich gibt An unsere Freunde einen Wasserstand dessen, was das linksradikale Autorenkollektiv vor Beginn der Finanzkrise ankündigte: „Die Aufstände sind also gekommen.“ Mit dieser so lapidaren wie treffenden Feststellung beginnt der Text. Eine Erfolgsmeldung also? Die Autoren betonen vielmehr, dass es trotz zahlreicher Aufstände keine Revolution gegeben habe. Sie scheine im „Stadium des Aufruhrs zu ersticken“. Und weiter heißt es: „An diesem Punkt müssen wir Revolutionäre unsere Niederlage eingestehen. Nicht, weil wir die Revolution seit 2008 als Ziel nicht erreicht hätten, sondern weil sich die Revolution als Prozess fortlaufend von uns losgelöst hat.“ Soll heißen: Dezentrale und zeitlich begrenzte Aufstände führen eben noch keinen Systembruch herbei. Trotz zunehmender, auch militanter Proteste in den vergangenen Jahren ist der Kapitalismus schließlich in bester Verfassung.

Überall dort, wo es brennt

Das Besondere an Der kommende Aufstand war, dass es, mit seinem Erscheinen 2007 in Frankreich die weltweiten Krisenproteste quasi vorhersagte. In An unsere Freunde werden diese nun abgearbeitet: vom Athener Aufstand im Dezember 2008 über den Arabischen Frühling, die Besetzung der Madrider Puerta del Sol, die Diskussionsrunden im New Yorker Zuccotti-Park, die Riots in London, die schwarzen Blöcke in São Paulo, die Straßenkämpfe in Istanbul und die seit Jahren immer wieder aufblitzenden militanten Auseinandersetzungen im italienischen Susatal gegen den Bau der TAV-Hochgeschwindigkeitsstrecke. Letztgenanntem schenken die Autoren relativ viel Beachtung. Leider werden hier sehr unterschiedliche Szenarien pauschal als Aufstände etikettiert, substanziell hinterfragt und definiert wird das Konzept letztlich nicht, geschweige denn geklärt, mit welcher Wirkung sich militante Auseinandersetzungen in den politischen Horizont der jeweiligen Protestbewegung oder gar in weiterführende gesellschaftspolitische Debatten einschreiben.

Für das Unsichtbare Komitee kommunizeren all diese Aufstände miteinander. In dieser globalen Welle von Istanbul bis Chile erkennen sie eine „einzige historische Abfolge“. Nun gelte es, eine Partei im weiteren Sinne zu gründen – „die weltweit am Werk ist – ‚unsere Partei‘, wie Marx sagte“. Nur wie „eine Kraft organisieren, die keine Organisation ist?“ Das Komitee gibt zu, es selbst nicht zu wissen.

Organisierungsdebatten sind in der radikalen Linken seit Krisenbeginn das große Thema. Hierzulande wird das Antifa-Konzept zusehends abgewickelt, wie die Auflösung und Neuausrichtung einiger Gruppen zeigt. Es dominieren bundesweite Zusammenschlüsse linksradikaler Gruppen wie Interventionistische Linke (IL) und Ums Ganze (UG), mit Blockupy zeichnet sich überdies ein internationales Krisenprotestbündnis der außerparlamentarischen Linken ab. Den Aufstand als systemkritische Option haben sie sich aber nicht auf die Fahnen geschrieben. Zuletzt verdeutlichte das die Debatte um die Militanz bei den Blockaden rund um die EZB-Eröffnung in Frankfurt am Main. Dafür sind eher Anarchisten wie das Crimethinc-Kollektiv aus den USA zuständig, das derweil per offenem Brief schon mal den Dialog mit dem Black Bloc in Kairo eröffnet, während die herrschaftskritischen Theorie-Nerds vom Unsichtbaren Komitee zum Riot-Sightseeing durch die Welt reisen. So jedenfalls liest sich ihr Text, der immer wieder von einem „Wir“ an der Protestfront spricht: „In den kommenden Jahren werden wir überall dort sein, wo es brennt.“

An unsere Freunde soll eine gemeinsame Sprache entwickeln, um Herrschaftsverhältnisse zu benennen und Risse im gesellschaftlichen Gefüge aufzuzeigen. Das Buch erscheint zeitgleich in acht Sprachen. „Dieser Text ist der Anfang eines Plans“, heißt es. Wie der aussieht, bleibt unklar. Die Krise wird zwar als Katalysator der Proteste benannt, gleichzeitig betonen die Autoren aber, dass sie „die Regierenden von jeder Beschränkung hinsichtlich ihrer Wahl der angewandten Mittel“ befreit. Die Verwaltung der permanenten Krise werde zur Regierungstechnik, die Aufstandsbekämpfung zum Regierungsprinzip. Griechenland wird als Lehrbeispiel für den niedergeschlagenen Aufstand angeführt – nach der eruptiven Revolte 2008 bitten EU, Weltbank und IWF das Land zur Kasse. Aufstandsbekämpfung sei weniger eine militärische Doktrin, obwohl es auch diese Option gebe. Sondern eine Strategie, zu der Mikrokredite an die Menschen im globalen Süden, die Organisierung der Zivilgesellschaft und die Konstruktion einer extremistischen Bedrohung wie dem „Schwarzen Block“ gehören, um die Bewegung zu spalten.

Vom Kochtopf zur Barrikade

Das Unsichtbare Komitee setzt dem das Prinzip der Kommune entgegen. Als historische Referenz dienen die Pariser Kommunarden, aber auch die Republik Maddalena, die Mitglieder der No-TAV-Bewegung 2011 im Susatal ausgerufen hatten und die von der Polizei rabiat geräumt wurde. Die Kommune wird zum „Pakt, um sich gemeinsam mit der Welt zu konfrontieren“ und gar zum „Bruch mit der globalen Weltordnung“. Konkreter wird es leider nicht. Immerhin verweisen die Autoren auch auf solidarische Netzwerke, die in der Krise entstanden sind. Den von vielen bürgerlichen Beobachtern gern beschworenen basisdemokratischen Elementen – den Versammlungen von Occupy und 15-M (die sogenannten Empörten) – steht das Unsichtbare Komitee jedoch kritisch gegenüber, von Barcelona bis Oakland sei „der Fetischismus der Vollversammlung in der Versenkung verschwunden“. Auf den Plätzen hingegen seien neue kommunitäre Strukturen der informellen Diskussion und des Widerstands entstanden. An die dort gewonnen Erfahrungen vom Kochtopf bis zur Barrikade gelte es anzuknüpfen.

Der kommende Aufstand beschwor vor Ausbruch der Krise und den Protestwellen von 2011 die gesellschaftlich tief verwurzelte Sehnsucht nach der sozialen Implosion. Die verspüren in den ökonomisch immer restriktiver werdenden Metropolen viele, vor allem junge Menschen. An unsere Freunde ist nur einer von vielen Texten, die versuchen, die Krise und die Revolten der vergangenen Jahre in Worte zu fassen. Der große Wurf wie Der kommende Aufstand ist das Buch nicht. Dass der Aufstand als Idee, Konzept, sehnsüchtige Projektion und praktische Strategie präsent, also in unserem gesellschaftspolitischen Ereignishorizont angekommen ist, sieht man unterdessen nicht nur in den Abendnachrichten und einschlägigen Internetforen.

Die hippe US-Autorin Rachel Kushner etwa wird gerade für ihren Aufstandsroman Flammenwerfer gefeiert, es geht darin um das Jahr 1977 und die italienische Autonomia-Bewegung. „Die Wut und die Radikalität der jungen Leute in Rom waren eine Art von Energie, ein bewusster Akt, eine von Schönheit erfüllte Ablehnung“, heißt es im Roman, der auch von den New Yorker Riots nach dem großen Stromausfall im Juli 1977 als Teil einer sich global ausbreitenden Revolte erzählt. Der legendären Autonomia gehörte als Aktivist auch Franco Bifo Berardi an, von dem soeben der Essay Der Aufstand – Über Poesie und Finanzwirtschaft erschienen ist. Auch er schreibt über den Aufstand aus einer herrschaftskritischen Perspektive. Und im Netz und anderswo finden sich zahlreiche Texte von autonomen Kleingruppen bis zur zeitgenössischen Theoriekoryphäe Alain Badiou zu den immer wieder überall aufflammenden Revolten. Das kapitalistische Herrschaftssystem kratzt das bisher wenig.

Literatur

An unsere Freunde Das Unsichtbare Komitee Nautilus, 192 S., 16 €

06:00 20.04.2015
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 24

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community