Der Anschlag auf die Diskothek "La Belle"

Berlin/Libyen. Am 5. April 2017 jährt sich zum 31. Mal das Attentat auf die Berliner Diskothek ‚La Belle‘. War der Anschlag ein CIA-Mordkomplott?
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Bei dem Attentat wurden drei Menschen getötet und es waren viele Verwundete zu beklagen . Der Anschlag wurde Gaddafi in die Schuhe geschoben und diente als Vorwand für den zehn Tage später erfolgten Bombenangriff auf Tripolis und Bengasi. Einiges Licht in das Dunkel um die Vorgänge des Jahres 1986 bringt der autobiographische Enthüllungsroman „Gaddafi, Koks und Knaben – ein CIA-Mordkomplott!“ von Manfred G. Meyer.

Die Fakten

Am 5. April 1986 um 1.45 Uhr explodierte in der Berliner Diskothek ‚La Belle‘ eine mit Nägeln und Eisenstücken angereicherte, drei Kilogramm schwere Bombe, die mittels eines elektronischen Zünders zur Explosion gebracht worden war. In dem Lokal hielten sich zu dieser Zeit rund 260 Gäste auf, zum Großteil afroamerikanische Angehörige der US-Streitkräfte, die in Deutschland stationiert waren. Zwei amerikanische Soldaten und eine türkische Besucherin kamen bei dem Anschlag ums Leben, 28 Menschen wurden schwer verletzt, den anderen Gästen zerriss der Luftdruck des Sprengsatzes das Trommelfell.

Obwohl sich umgehend mehrere Terrorgruppen zu dem Anschlag bekannten, beschuldigte der amerikanische Präsident Ronald Reagan bereits am nächsten Tag Muammar al-Gaddafi der Täterschaft. Angeblich hatte der US-Geheimdienst eine Mitteilung des libyschen Volksbüros in Ostberlin abgefangenen und so in Erfahrung gebracht, dass es sich bei dem Anschlag um einen Racheakt Libyens für die Versenkung zweier libyscher Kriegsschiffe durch die USA im März 1986 gehandelt habe.

Die offizielle Version

Der Bombenanschlag auf die Diskothek im April 1986 und die Behauptungen Ronald Reagans, dass Gaddafi dahinter stecke, schob der Zusammenarbeit zwischen der BRD und vor allem dem BND und Libyen einen Riegel vor. Musbah Abulgassem Eter soll einer der Drahtzieher gewesen sein und diente gleichzeitig als Kronzeuge.[1] Es kursierten verschiedene Schreibweise des Namens des Libyers: von Musbah Omar Abu Alkassem Altier, über Eltier bis zu Musbah Omar Abulgassem. Der Libyer Eter hatte in der DDR als Korrespondent gearbeitet, doch war es nach Notizen des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit offensichtlich, dass ihm geheimdienstliche Aufgaben übertragen waren.[2] Auch dem Bundeskriminalamt war die Rolle Eters nicht ganz einsichtig. Es wandte sich am 14. Februar an die US-Botschaft „wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit gegen Musbar Omar Abulgassem Eter.“[3] Aus einer Kopie seiner Passseite war ersichtlich, dass Eter am 19.9.1987 Kontakt mit der US-Vertretung in Ost-Berlin hatte.

Laut amerikanischen und westdeutschen Ermittlungsergebnissen war das Attentat vom libyschen Volksbüro in Ostberlin geplant worden. 1992 wurden erste Anklagen erhoben, die aber 1993 wieder eingestellt werden mussten. 1997 begann dann der Prozess gegen Verena Chanaa und vier Mitangeklagte. Verena Chanaa, die sich dazu bekannte, die Bombe gelegt zu haben, allerdings in dem Glauben, dass es sich nur um eine Rauchbombe handle, wurde zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt, ihre Mitangeklagte Schwester Andrea Häusler freigesprochen. Die drei anderen Angeklagten Yasser Shraydi, Musbah Eter und Ali Chanaa bekamen 14 beziehungsweise 12 Jahren Gefängnis. Dem libyschen Staat wurde vom Gericht eine Mitverantwortung an der Tat zugeschrieben, da Libyen den Anschlag geplant und den Sprengstoff geliefert haben soll. Maßgeblich verantwortlich für die Verurteilung waren Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis sowie der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz, der geheime Dokumente präsentiert hatte.

Auch wenn Verbindungen von den Attentätern nach Libyen später vom westdeutschen Geheimdienst nicht bestätigt werden konnten, bot der Anschlag auf die Berliner Disco den USA einen Vorwand, um am 15. April 1986 libysche Städte durch die US-Air-Force und die US-Navy zu bombardieren.

Die Enthüllungen des Manfred G. Meyer

Im Jahr 2012 erschien ein von der breiten Öffentlichkeit unbeachtetes Buch von Manfred G. Meyer mit dem Titel „Gaddafi, Koks und Knaben – ein CIA-Mordkomplott!“[4], das ein überraschend neues Licht auf die Vorgänge rund um den Anschlag auf die Berliner Diskothek ‚La Belle‘ wirft. Meyer schreibt, er habe vorher bereits von dem geplanten Anschlag auf die Diskothek gewusst und die Sicherheitsbehörden mit mehreren Anrufen gewarnt. Sein Buch wolle nun „das Schweigen des bundesrepublikanischen Vertuschungssyndikats durchdringen“ und sei den Anschlagsopfern „und all den anderen ‚politisch genehmen‘ Toten“ gewidmet. In der Einleitung schreibt Meyer, dass das „Verfassungsgericht auch weiß, dass sich deutsche Sicherheitsbeamte 1984/85/86 als Komplizen von Terroristen und 2002 von gefährlichen Brandstiftern“ betätigt haben.

Meyer wurde 1978 nach Inhaftierung wegen Republikflucht aus der DDR freigekauft und kam so in die BRD. Kaum in Westberlin angelangt, wurde Meyer von der CIA angeworben. Er arbeitete für den in alle nur denkbaren kriminellen Machenschaften verwickelten Bauunternehmer Hilmar Hein als eine Art Mädchen für alles und war über dessen kriminelle Geschäfte bestens informiert. Hein pflegte nicht nur beste Kontakte zur deutsch-exillibyschen, Gaddafi-feindlichen Terrororganisation ‚Al Burkan‘ (der Vulkan), sondern auch zur CIA sowie in höchste Kreise der Berliner Politik. Es ging um Waffenbeschaffung, Auftragsmorde an Libyern und einen Mord an einer unschuldigen Londoner Polizistin.[5] Die folgenden Ausführungen liegen Meyers Tatsachenroman zugrunde.

1985 hatte sich Meyer geweigert, in Wien einen Mordauftrag auszuführen. Stattdessen vertraute er sich der Polizei an. Über die monatelangen Vernehmungen durch das BKA Meckenheim berichtet er: „Ich sollte insbesondere verschweigen, dass unserer deutsch-exillibyschen Terrororganisation ‚Al Burkan‘ europaweit völlig sinnlos Menschen zum Opfer gefallen sind, weil wir die getäuschte CIA wie einen Tanzbären am Nasenring durch die weltpolitische Arena gezogen haben.“

Meyer beschreibt in seinem Buch ein Treffen mit dem etwa vierzig-jährigen Exil-Libyer und Gaddafi-Feind Mohammed Aschuhr, der offiziell als Autohändler in Westberlin lebte, in Kokaingeschäfte verstrickt war und der Terrororganisation ‚Al Burkan‘ angehörte. Meyer behauptet, sich am Freitag, dem 4. April 1986 mit einem gehetzt wirkenden Aschuhr in Berlin in der Mitropa-Bahnhofskneipe getroffen zu haben. Dabei habe ihm Aschuhr dargelegt, dass die inzwischen auch durch einen ‚Stern‘-Artikel[6] viel zu positive Stimmung für Gaddafi gekippt werden müsse. Zu diesem Zweck entwickelte Aschuhr ein Anschlagsszenario für eine Berliner Diskothek, im Gespräch waren das ‚La Belle‘ und das ‚Las Vegas‘: In einer der beiden Diskotheken sollte eine Bombe hochgehen und die Tat Gaddafi untergeschoben werden. Meyer sollte dabei der Bombenträger sein.

Allerdings wusste Aschuhr nicht, dass Meyer zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr bei ‚Al Burkan‘ ausgestiegen war und der Westberliner Staatsanwaltschaft fast 200 Seiten Ermittlungsakten vorlagen, die unter anderem Einblick in die Anschlagsplanungen von London, Rom und Wien gaben. Meyer war sich sicher: „Gewiss würde sich dann jemand an meine Aussage erinnern, dass ich dreckig-gelben Plastiksprengstoff besorgt hatte, der bei Anschlägen in London benutzt wurde und dass sich derselbe Sprengstoff noch immer im Besitz von ‚Al-Burkan‘-Mann Aschuhr befand.“ Meyer will nun Panik und Todesangst befallen haben, Aschuhr gegenüber machte er das Spiel, bei dem es um sehr viel Geld ging, erst einmal mit.

Nachdem Aschuhr die Bahnhofsgaststätte verlassen hatte, rief Meyer von einer Telefonzelle in der Bahnhofshalle Staatsanwalt Clemens Maria Böhm im Kriminalgericht Moabit an. Er wollte eine ‚Lebensbeichte‘ ablegen. Nachdem Herr Böhm nicht erreichbar war, rief Meyer den Staatsschutz an. Er bat den ihm gut bekannten und mit allem vertrauten Hauptkommissar Mücke zum Bahnhof Zoo zu kommen und ihn festzunehmen. Er habe sein ‚geheimes Zeugenversteck‘, in dem er sich zu diesem Zeitpunkt offiziell aufhalten musste, ohne staatsanwaltliche Genehmigung verlassen. Doch anstatt ihn festzunehmen, wurde Meyer Stunde um Stunde hingehalten. Der Staatsanwalt sei nicht erreichbar und ohne dessen Zustimmung sei nichts zu machen. Als Meyer sagte, noch in dieser Nacht solle eine Bombe explodieren, wurde er um einen weiteren Anruf mit detaillierten Angaben gebeten. Meyer schreibt: „Eine abscheulichere Gleichgültigkeit hatte ich bisher nicht erlebt. […] Spielmann wusste, dass ich in Wirklichkeit nicht der bei meinen Vernehmungen gemimte Trottel war, der ohne triftigen Grund vor einem nicht für Späßchen geeigneten Bombenanschlag warnen würde.“ Als Meyer um 15 Uhr ein letztes Mal beim Staatsschutz anrief, wurde er von Kriminaldirektor Peter Preibsch aufgefordert, sich am Montagvormittag in seiner Staatsschutzdienststelle am Platz der Luftbrücke einzufinden.

In seiner Verzweiflung fuhr Meyer mit der S-Bahn nach Ost-Berlin und setzte sich dort mit dem Ministerium für Staatsschutz in Verbindung, mit dem er früher auch schon zusammengearbeitet hatte, und bat um zehn Tage ‚Unterschlupf‘. Dieser Frist lag die Zeitrechnung zugrunde, dass – falls die Bombe gezündet würde – die eingeweihte libysche Anti-Gaddafi-Opposition zehn Tage später, also am 14. April, mit Reagans Bombenangriffen auf Libyen rechnete, die einen Staatsstreich in Libyen einleiten sollten. Diese Information ließ Meyer dem DDR-Staatsschutz zukommen, der Meyer, anstatt ihm ‚Unterschlupf‘ zu gewähren, um 22 Uhr in eine S-Bahn zurück nach Westberlin setzte.

Drei Stunden später explodierte die Bombe in der Diskothek ‚La Belle‘.

Am nächsten Morgen telefonierte Meyer mit dem libyschen Volksbüro in Bad Godesberg und traf sich anschließend um 11 Uhr am Grenzübergang Friedrichstraße mit Stasi-Mitarbeitern. Eine Stunde später war Meyer auf dem Weg zum Flughafen Tegel. Er schreibt: „[Polizisten], die aus verbrecherischer Leidenschaftslosigkeit oder hochkriminell politischem Kalkül den verheerenden Bombenanschlag im ‚La Belle‘ letztendlich von Amts wegen zugelassen hatten. Drei Tote und zweihundert zum Teil Schwerverletzte waren eine ungeheuerliche Schuld, die Preibsch, Spielmann, Mücke und ihr mir namentlich unbekannter Kollege bis an ihr Lebensende tragen mussten, falls diese Staatsschutzbeamten überhaupt noch einen Funken Ehrgefühl besaßen.“ Er beschuldigt die Staatsschutzbeamten, die seit einem Jahr ‚Al Burkans‘ mörderische Machenschaften genauestens kannten, anstatt zu ermitteln, kriminalistische Nebelkerzen geworfen zu haben. „Allen voran diese CIA, die vor keiner Lüge zurückschreckte und angeblich ‚geheime Funksignale‘ aus dem von ‚Al Burkan‘ unterwanderten libyschen Ostberliner Volksbüro empfangen haben wollte, die Gaddafis Urheberschaft bewiesen. Die über 180 prall gefüllten ‚Hein-Ermittlungsordner‘ hätten das mörderische Geheimdienstpuzzle zusammengefügt, woran aber niemand ernsthaft interessiert war.“

Meyer konnte durch Vermittlung des libyschen Volksbüros über Köln/Bonn mit Libysch-Arab-Airlines nach Libyen ausfliegen. Am 15. April wurde er dort im Hotel von nahen Bombeneinschlägen der US-amerikanischen Luftwaffe aus dem Schlaf gerissen. Die Libyer zeigten ihm ein zerbombtes Haus und die kleinen hölzernen Kindersärge, in denen Bombenopfer zu Grabe getragen wurden. Am 28. April 1986 verließ Meyer Libyen. Als er sich in Berlin zu einer Wiedersehensfeier mit Freunden in der Gaststätte am Bahnhof Zoo traf, sah er dort zu seinem Schrecken „Mohammed Aschuhr im Kreis seiner jungen Palästinser sitzen und diskutieren“.

Der Aufforderung der DDR-Staatssicherheit, die Wahrheit zum ‚La-Belle‘-Bombenanschlag in die Kameras des DDR-Fernsehens zu sprechen, kam Meyer nicht nach. Er wollte nicht in Ostberlin bleiben, sondern zurück in den Westen. Von der DDR wurde er daraufhin mit einem lebenslangen Einreiseverbot belegt.

Mohammed Aschuhr wird in der Nacht zum 2. Mai auf dem Parkplatz des Ostberliner Ausflugslokals ‚Zenner‘ mit einem Kopfschuss hingerichtet. Täter werden nie ermittelt. Meyer behauptet, Aschuhr weder an die Libyer noch an die Staatssicherheit verraten zu haben.

Staatsanwalt Clemens Maria Böhm wird direkt nach dem ‚La-Belle‘-Anschlag befördert. Bei den Vernehmungen durch Staatsanwalt Lanzenberger sagte Meyer nicht, „dass der im ‚La Belle‘ verwendete Plastiksprengstoff identisch war [mit dem bei Anschlägen in London verwendetem], weil das bei unseren Plaudereien kein Thema war.“

Nach drei Monaten U-Haft legte Meyer „ein Schweigegelübde ab, dass ich ‚Al Burkan‘, die Ermordung der Londoner Polizisten Yvonne Fletcher, meine stetigen Warnanrufe vor dem ‚La-Belle‘-Anschlag und alles politisch Brisante für immer aus meinem Gedächtnis streiche. Ich akzeptierte mein ‚Stern‘-Kontaktverbot, versprach dem ‚La-Belle‘-Chefermittler Oberstaatsanwalt Detlef Mehlis, dem ‚Spiegel‘ alles Mögliche, nur nicht das wirklich Entscheidende zu erzählen und war wieder frei.“

Inwieweit der schillernde Manfred Meyer glaubwürdig ist, mag jeder selbst beurteilen. Viele seiner Aussagen wie zum Beispiel seine Anrufe beim Staatsschutz, wurden protokolliert. Weitere Informationen und Dokumente finden sich auf Meyers Homepage.[7] Dort heißt es auch:„Und ich schäme mich, dass ich am Freitag den 4. April 1986 vor allem um mein eigenes Leben, aber nicht intensiver für das Leben der Menschen in der Westberliner Diskothek ‚La Belle‘ gekämpft habe.“

Auch das Gaddafi-freundliche ‚Libyen-Forum‘ beschäftigt sich auf seiner Homepage mit den Vorgängen rund um den Anschlag auf die Diskothek ‚La Belle‘. Am Jahrestag gedachte es der Anschlagsopfer mit einer Kranzniederlegung an der Gedenktafel. [8]

1986 hatte das ‚La-Belle‘-Attentat seinen Zweck erfüllt. Erst 2012 brach Manfred Meyer mit dem Erscheinen seines Buches sein Schweigen.

Der US-amerikanische Bombenangriff auf libysche Städte

Gaddafi war nach dem ‚La-Belle‘-Attentat in der westlichen Öffentlichkeit als Terrorist gebrandmarkt, eine ‚persona non grata‘.

Der amerikanische UNO-Botschafter Vernon Walters besuchte nur fünf Tage nach dem Anschlag, am 10. April 1986, die Regierungschefs von Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und der Bundesrepublik und informierte sie, dass die USA als Vergeltungsakt Libyen bombardieren wollen. Europa sprach sich dagegen aus, einzig Margaret Thatcher unterstützte den aggressiven Akt gegen einen souveränen Staat. Frankreich lehnte sogar die Bitte ab, US-amerikanischen Kampfflugzeugen den Luftraum zu öffnen.

Terrorangst vor Libyen und seinem Revolutionsführer Gaddafi wurde geschürt. Reagan wollte den „tollwütigen Hund“ zur Rechenschaft ziehen, das hieß: Krieg gegen Libyen mit dem Ziel eines Regime-Change. Unter dem Namen ‚Operation El Dorado Canyon‘ wurden am 15. April die beiden libyschen Städte Tripolis und Bengasi von Jagdbombern angegriffen. Rund 70 Menschen kamen zu Tode. Bombardiert wurde auch der Wohnbezirk Gaddafis auf dem Bab-al-Asisija-Militärgelände, wobei Hana, die fünfzehn Monate alte Adoptivtochter Gaddafis, getötet wurde.

Die Reaktionen auf den Bombenangriff

Die US-amerikanische Militäraktion wurde von den meisten afrikanischen und arabischen Regierungen verurteilt. Die Blockfreienbewegung bezeichnete den „völlig ungerechtfertigten“ US-Angriff als eine „bösartige Aggression“. Gaddafi selbst wies im libyschen Fernsehen die Vorwürfe der Unterstützung von Terrorismus zurück. Eine Welle der Sympathie erfasste Libyen, das für seine Rolle des ‚David gegen Goliath‘ vor allem in der arabischen Welt bewundert wurde.

Gaddafi hatte sich nach dem US-amerikanischen Bombardement auf Tripolis und Bengasi in die Wüste zurückgezogen. Die Propagandamaschinerie der CIA lief auf Hochtouren. Gaddafi wurde als geisteskrank bezeichnet, als vom Irrsinn befallen. Er sei gesundheitlich schwer angeschlagen und nur noch die Marionette einer Militärjunta. Gleichzeitig wollten die USA Libyen in Angst und Schrecken versetzen, führten zu diesem Zweck ein US-amerikanisches Flottenmanöver vor Libyens Küste durch und ließen verkünden, das nächste Mal würde Libyen mittels B-52-Bombern angegriffen werden, die ihre Ziele von den USA direkt anfliegen könnten. ‚Der Spiegel‘ schrieb: „Vorübergehend wurde überlegt, ob nicht der Lärm einer Serie von Schallmauerdurchbrüchen Chaos in Tripolis hervorrufen könnte.“ Und: „Über ihren Erzfeind und Lieblingsschurken redeten die Amerikaner nur noch wie von einem geprügelten Hund. Irgendwo in der Weite der libyschen Wüste habe er sich verkrochen, aus Furcht vor den Bomben und Kanonen der Supermacht“.[9]

Wieder wurde der US-amerikanische UNO-Botschafter Vernon Walters im September 1986 nach Europa und Kanada geschickt, diesmal um die NATO-Länder zu überzeugen, ihre Käufe von libyschen Erdöl einzustellen. Walters ging dabei mit angeblichen Beweisen für weitere geplante Terrorakte von Gaddafi hausieren, konnten allerdings die Europäer nicht überzeugen.

In dieser Situation meldete sich Gaddafi auf der politischen Bühne zurück. Er reiste zur Gipfelkonferenz der Blockfreien am 4. September 1986 nach Harare/Simbabwe. In einer Rede zeigte er seinen ungebrochenen Kampfeswillen und rechnete mit den „Agenten und Spionen des Imperialismus und Zionismus“ in Asien und Afrika ab und verabschiedete sich damit von Nassers Traum einer vereinten arabisch-islamischen Nation. Die Konferenz solidarisierte sich mit Libyen und verurteilte die Luftangriffe der USA auf Tripolis und Bengasi. ‚Die Zeit‘ schrieb: „[es] freuten sich die Afrikaner, Asiaten, auch viele Lateinamerikaner, dass einer es wagte, den übermächtigen Herren in Washington die Meinung zu sagen.“[10]

In Europa ging das terroristische Bomben weiter. Doch eine Beteiligung Libyens wurde selbst von den ärgsten Gegnern Gaddafis für unwahrscheinlich gehalten.

Libyens Zahlungen zur Wiedergutmachung

Um der politischen Isolierung und wirtschaftlichen Strangulierung durch das UN-Embargo zu entgehen, willigte Libyen im August 2004 schließlich ein, 35 Millionen US-Dollar an die 168 Opfer und Hinterbliebenen in Deutschland zu zahlen. Im November 2008 wurde an die amerikanischen Opfer und Hinterbliebenen eine Summe von 280 Millionen US-Dollar bezahlt. Die Entschädigungssumme der Amerikaner betrug somit rund das Zwanzigfache dessen, was den deutschen Opfern zugestanden wurde.

Die Verantwortung für die Urheberschaft des Anschlags auf die Diskothek ‚La Belle‘ in Berlin hat Libyen nie übernommen.

[1] Mark Altten „Das Gaddafi-Komplott“ Berlin 2011

[2] Mark Altten „Das Gaddafi-Komplott“ Berlin 2011

[3] Mark Altten „Das Gaddafi-Komplott“ Berlin 2011

[4] Manfred G. Meyer „Gaddafi, Koks und Knaben – ein CIA-Mordkomplott“, Berlin 2012

[5] Siehe auch: https://www.freitag.de/autoren/gela/libyer-geheimdienste-waffenschieber

[6] STERN vom 20. März 1986, „Waffen für Borkan – die blutige Spur führt quer durch Europa…“, März 1986

[7] www.justizwillkuer-berlin.de

[9] ‚Der Spiegel‘ September 1986

[10] Hans Jakob Ginsburg in ‚Die Zeit‘, September 1986, nach: Karl Ossiek, in: Harry Gregory „Gaddafi“

10:08 05.04.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Reisen führten Angelika Gutsche unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan. Viele Reportagen fanden Veröffentlichung.
Angelika Gutsche

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